R21-Wirtschaftsexperte Nils Hesse im Gespräch mit der ehemaligen argentinischen Außenministerin Diana Mondino
Diana Mondino war von Dezember 2023 bis Oktober 2024 Argentiniens Außenministerin im Kabinett von Präsident Javier Milei. Die Ökonomin und frühere Unternehmerin spielte in der Anfangsphase der Regierung eine zentrale Rolle bei der außenwirtschaftlichen Öffnung des Landes, der Annäherung an westliche Partner sowie bei der Neuausrichtung der argentinischen Außenpolitik. Zugleich war ihre Amtszeit von diplomatischen Spannungen und innenpolitischen Kontroversen geprägt. Im folgenden Interview spricht Mondino offen über ihre Erfahrungen mit Milei, anderen Außenministern und über Chancen und Risiken des politischen Experiments in Argentinien.

Frau Mondino, Sie waren ein knappes Jahr Außenministerin im Kabinett von Milei, wie kam es dazu?
Ich war eine der ersten, die sich Mileis Bewegung angeschlossen haben, also von Anfang an dabei. Viele Freunde warnten mich davor, in die Politik zu gehen, aber ich habe den Schritt aus Wissenschaft und Unternehmertum trotzdem gewagt.
Sind Sie selbst Anarchokapitalistin?
Ich würde mich als klassische Liberale bezeichnen. Ich habe nie Bücher von Murray Rothbard gelesen, und das letzte Mal Ludwig von Mises während meines Studiums. Das erschien mir damals ziemlich selbstverständlich, gesunder Menschenverstand.
Warum haben Sie sich dann trotzdem der Libertad Avanza angeschlossen?
Weil sich in Argentinien offensichtlich und dringend etwas ändern muss. Das Land wird seit Jahrzehnten von einer korrupten Elite in Geiselhaft genommen. Es muss endlich befreit werden.
Ihre Amtszeit war turbulent, und Sie hatten wenig Vorlauf. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Wir haben sofort unsere Wahlversprechen umgesetzt. In meinem Bereich habe ich in weniger als drei Monaten rund zwei Dutzend Abkommen etwa zu Doppelbesteuerung und Investitionsschutz abgeschlossen. Viele davon lagen seit Jahrzehnten in Schubladen. In Argentinien braucht es oft nur jemanden, der das Offensichtlich Richtige tut und das offensichtlich Falsche beendet.
Wie haben Ihre Außenministerkollegen auf Sie reagiert?
Zunächst wollten alle wissen, wie wir ohne Geld die Wahl gewinnen konnten. Das konnte niemand glauben. (lacht)
Und Ihre Antwort?
Wir hatten zur richtigen Zeit die richtigen Ideen. Die Bewegung ist organisch gewachsen.
Gab es Sympathien?
Ja, bei einigen. Einer, der unsere Ideen interessant fand, war etwa David Cameron aus Großbritannien
Wie hat die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock reagiert?
Ich habe festgestellt, dass sie sehr elegant ist. Politisch war sie unserer Sache nicht besonders zugetan, aber wir sprachen über das Potenzial Argentiniens. Der deutsche Botschafter hatte sie offenbar gut vorbereitet.
Kommen wir zu Ihrem alten Chef, Javier Milei. Was können Sie uns über ihn berichten?
Er ist sehr eigenwillig. Das Positive: Er meint, was er sagt. Er glaubt wirklich an die libertären Ideen, die er vertritt. Das ist enorm wichtig für echten Wandel – wichtiger als Debatten über seine Persönlichkeit, solange die Ergebnisse stimmen.
Ist seine Persönlichkeit problematisch?
Ich würde das nicht sagen. Er ist ein echter Führungscharakter, kein klassischer Politiker. Er arbeitet sehr fokussiert, lebt in seiner eigenen Welt und delegiert Personalfragen an Minister oder seine Schwester.
Wie erklären Sie sich Mileis Popularität?
Vor allem junge Leute mögen seine unkonventionelle Art. Er hat den Ärger über die wirtschaftliche Lage verkörpert, die Ursachen erklärt und den Ausweg klar benannt. Nach zwei Jahren im Amt liefert er Ergebnisse, was sich auch in den Zwischenwahlen zeigt. Und ja: Bei Auftritten ist er ein Rockstar. Wo immer er hingeht, jubeln die Menschen – das ist nicht inszeniert.
Wie wird Argentinien international wahrgenommen?
Ambivalent. Mileis Libertarismus gilt manchen als ideologisch, sein Stil erzeugt Skepsis. Gleichzeitig hat Argentinien alle internationalen Verpflichtungen erfüllt, ein neuer Staatsbankrott blieb aus. Insgesamt überwiegt eine vorsichtig positive Wahrnehmung: Trotz politischer Irritationen gilt Argentinien zunehmend als verlässlicher Partner.
Hat Milei die internationale Kritik – etwa aus Europa – persönlich getroffen?
Im Gegenteil – ich glaube, er genießt sie. Er reagiert oft noch schärfer. Das funktioniert. Für mich war es nicht immer einfach, wenn er zwar weltweit Preise entgegennimmt, aber nicht immer diplomatisch über andere Staatschefs spricht.
Was sind seine größten Probleme?
Wie jeder Mensch hat er Fehler gemacht, etwa als er für eine dubiose Kryptowährung warb. Insgesamt ist die Bilanz aber sehr positiv. Es war eine Ehre und eine Herausforderung, im ersten Jahr dabei zu sein.
Hat er aus früheren Kommunikationsfehlern gelernt?
Warum Fehler? Er sagt, was er denkt. Heute ist er selektiver im Umgang mit Medien und äußert sich weniger zu kulturellen oder moralischen Themen – nicht aus Überzeugungswandel, sondern weil er weiß, welche Debatten politisch unproduktiv sind. Er konzentriert sich auf das Wesentliche.
Was funktioniert aktuell besonders gut?
Die wirtschaftlichen Ideen wirken – überraschend schnell. Der Staat gibt weniger aus, es wird kein Geld mehr gedruckt, die Fiskalpolitik ist seriöser. Das war schmerzhaft, zahlt sich aber aus. Argentinien gewinnt erstmals seit Langem wirtschaftliche Glaubwürdigkeit zurück.
Wie merken das die Menschen im Alltag?
Vor allem an der Inflation. Sie lag im Dezember 2023 monatlich bei über 25 Prozent, heute bei rund 2 Prozent – trotz Schuldenbedienung und Preisfreigaben. Seit der Deregulierung des Mietmarkts sind die Mieten sogar deutlich gesunken.
Und die Ärmsten?
Sie litten besonders unter Inflation. Ihr Rückgang und verbesserte Sozialleistungen haben die Armutsquote deutlich gesenkt. Die Sparmaßnahmen trafen eher Mittelschicht und Unternehmen, aber auch die profitieren mittlerweile vom Aufschwung.
Welche Sozialleistungen meinen Sie?
Höhere Zahlungen für Familien mit Kindern, niedrigere Steuern für geringe Einkommen und vor allem: die Abschaffung des Systems der Zwischenhändler. Leistungen gehen jetzt direkt an die Menschen.
Wie hat sich Argentinien in den letzten zwei Jahren noch verändert?
Es gibt zum Beispiel weniger Protestblockaden. In den letzten zwei Jahren konnten in allen Provinzen die Schulen pünktlich starten. Früher blockierten sogenannte Piqueteros oft Straßen in Buenos Aires – das passiert heute nicht mehr.
Was sind Piqueteros?
Gruppen, deren Proteste oft organisiert und finanziert waren. Menschen wurden mit Bussen herangefahren, Straßen blockiert, Unruhe erzeugt. Finanziert wurde das über Mittelsmänner im Sozialsystem. Da die Gelder jetzt direkt ausgezahlt werden, ist diese Finanzierungsquelle versiegt.
Wo sehen Sie die größten Chancen für Argentinien?
Im Handel. Im Mercosur wurden viele Blockaden gelöst. Abkommen mit EFTA und EU sowie mit ASEAN können viel Wohlstand schaffen. Argentinien verfügt über große Ressourcen, eine diversifizierte Wirtschaft, ein enormes Agrar-, Energie- und Rohstoffpotenzial und eine gut ausgebildete Bevölkerung. Wir sind zu Europa eher eine Ergänzung als eine Konkurrenz.
Und die größten Herausforderungen?
Weitere Deregulierung, effizientere Staatsausgaben, Produktivitätssteigerung. Die föderale Struktur erschwert Reformen. Institutionen funktionieren, müssen aber wirksamer werden. Zudem haben wir fast so viele Rentner wie junge Menschen. Wachstum ist daher entscheidend. Auch intern ist es schwierig, ein gutes Reformteam zu halten. Einige sehr fähige Leute sind gegangen. Ersatz zu finden ist nicht einfach, und Gehälter im Staatsdienst sind niedrig. Wichtig ist, nicht in alte Muster zurückzufallen.
Wie ist Ihr Ausblick für die nächsten zwei Jahre?
Positiv. Der kulturelle Wandel ist spürbar, Korruptionsquellen trocknen aus, Subventionen werden abgebaut, Preise wieder am Markt gebildet. Eine gesunde Mittelschicht entsteht neu. Niemand dachte, es würde leicht – aber der Übergang verläuft erstaunlich geordnet.
Was würden Sie europäischen Investoren raten, die sich in Argentinien engagieren wollen?
Sonderkontakte sind nicht mehr nötig. Wer investieren will, soll investieren. Genehmigungen laufen über normale Verfahren, Regeln sind klar. Weniger Politik, mehr Normalität – das ist das Ziel.
Ihr Fazit?
Argentinien ist nicht „gerettet“. Aber zum ersten Mal seit Jahrzehnten bewegt es sich klar in die richtige Richtung – schneller als viele erwartet haben. Das größte Risiko liegt nicht in der Wirtschaft, sondern in den institutionellen und personellen Grundlagen der Reformen. Wenn sie stabil bleiben, hat dieses Land eine echte Chance. Eine sehr große Chance.
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Nils Hesse berät und unterstützt die Denkfabrik R21 in Fragen der Ordnungspolitik und der Weiterentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft. Er hat Abschlüsse in VWL, BWL, Social Science und Politikwissenschaften und an der Uni Freiburg / Abteilung für Wirtschaftspolitik promoviert. Nils Hesse hat unter anderem als Redenschreiber im Bundeswirtschaftsministerium, Referent beim BDI, Wirtschaftspolitischer Grundsatzreferent im Kanzleramt, Journalist, Economic Analyst bei der EU-Kommission, Lehrbeauftragter und Fraktionsreferent der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gearbeitet. Derzeit arbeitet er an einer Habilitationsschrift zum Thema „Ordoliberalismus und Populismus“.
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