Es sollte angeblich ein Gewinn an Meinungspluralität sein: Zuschauerliebling Julia Ruhs durfte das Format „KLAR“ nicht weiter alleine moderieren, nun steht Tanit Koch an ihrer Seite. Was ist tatsächlich gewonnen?
Im Juli 2025 entschied der NDR: Julia Ruhs soll das beim Publikum beliebte Reportageformat „KLAR“ nicht weiter alleine moderieren. Der Aufruhr war groß. Lange blieben die NDR-Verantwortlichen eine Begründung zu dieser Personalentscheidung schuldig, die offenbar nach interner Kritik und einem Protestschreiben der Mitarbeiterschaft gefällt worden war (Ruhs sprach von einer Mobbing-Kampagne). Erst später erklärte Programmdirektor Frank Beckmann, es gehe um Meinungspluralität – entscheidend seien Themen, nicht Köpfe. Das überzeugt nicht.
Acht Monate später moderieren Ruhs und Koch jeweils eigene Folgen, etwa zu Islamismus und Gewalt gegen die Polizei. Beide stehen jedoch für ein klar konservatives Profil. Kochs Laufbahn – unter anderem als Chefredakteurin der BILD und als Wahlkampfmanagerin für Armin Laschet – unterstreicht das.
Konservative Redaktionslinie durch die Hintertür
Was also bringt ein Moderatorinnen-Duo mit ähnlicher Perspektive? Die behauptete Pluralität entsteht so nicht. Vielmehr wird ein politisches Profil verdoppelt – was übrigens für ein Reportage-Format nicht weiter anstößig ist. Im Gegensatz zur Nachrichtenberichterstattung lebt diese Darstellungsform von einer vorab gewählten, freilich transparent gemachten, Perspektive. Zum Vergleich: Georg Restle prägt „Monitor“ seit Jahren mit klarer Haltung, ohne dass seine Alleinmoderation infrage gestellt wurde.
Als Gegengewicht dazu sind viele Zuschauer von „KLAR“ angenehm überrascht, gleich zwei seriöse Gesichter zu sehen, die ihre konservativ-liberale Perspektive – oder einfach eine gewisse Alltagserfahrung – aufgreifen. Das kann als Gewinn betrachtet werden.
Opportunismus statt stabiler journalistischer Führungsentscheidung
War die Empörung um die Causa Ruhs damit viel Lärm um nichts? Nein. Der Lärm entstand aufgrund fadenscheiniger Ausreden der NDR-Spitze. Statt mäandernder Erklärungen zu Themen statt Köpfen, hätte Programmdirektor Beckmann von Anfang an zu den Verhältnissen stehen können, die jetzt vorliegen: mehr Köpfen mit konservativ-kritischem Profil Raum zu geben. Erst dem internen Druck nachgeben, dann die Entscheidung mit vorgeschobenen Argumenten rechtfertigen – und schließlich faktisch beim ursprünglichen Profil bleiben: Das wirkt opportunistisch und wenig souverän. Es ist enttäuschend, dass eine selbstbewusste Entscheidung für ein klar konservativ geprägtes Format offenbar so schwerfällt, während eine programmatische Dominanz progressiver Perspektiven im öffentlich-rechtlichen Angebot kaum vergleichbare Irritationen auslöst.
Author
-
Alice Klinkhammer ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin und leitet die R-21-Initiative für Medien, Öffentlichkeit und Meinungsfreiheit. Ihre Analysen finden Sie hier.
Alle Beiträge ansehen





