Fotomontage: Denkfabrik R21

Parlamentsalltag ohne Schminke, und: Warum 14 bekannte Intellektuelle nicht mehr links sein wollen

R21-Gründungsmitglied Jörg Hackeschmidt hat zwei aktuelle Bücher rezensiert: „Inside Bundestag“ der Ex-Abgeordneten Joana Cotar, die darin hinter die Kulissen des Parlaments schaut und „Wenn das Denken die Richtung ändert“, herausgegeben von Ulli Kulke und Reinhard Mohr. Beide Besprechungen erschienen erstmals am 15. April 2026 bei PublicoMag und sind hier abrufbar.

TAZ-Mitgründer Ulli Kulke und Publizist Reinhard Mohr haben ein interessantes Buch herausgegeben: „Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind“. Es versammelt 14 prominente Personen des öffentlichen Lebens: ein Stück Zeitgeschichte.

von Jörg Hackeschmidt

Sammelbände sind unbeliebt – bei Verlegern wie beim Publikum. Warum diese Sammlung von biographisch gefärbten, sehr politischen Essays anscheinend zwei Jahre keinen Verlag fand, dürfte andere Gründe haben: Sie ist ein Dokument des Renegatentums. Vierzehn teils prominente Intellektuelle erzählen und begründen darin, warum sie nicht mehr links sind. Warum sie ausgebrochen sind aus ihren alten Milieus, und die dort herumgereichten politischen Theorien samt Aktivismus nicht mehr teilen. Was dazu führt, dass sie heute alle von den links-grün-woken Diskurswärtern als irgendwie „rechts“ oder gar als „Nazi“ verunglimpft werden.

Mathias Brodkorb, ehemaliger SPD-Spitzenpolitiker, zählt ebenso zu den Autoren wie die Kabarettisten Monika Gruber, Dieter Nuhr und Andreas Rebers. Die Kolumnisten Harald Martenstein und Henryk M. Broder haben ebenso zum Sammelband beigetragen, der kürzlich verstorbene Schriftsteller Peter Schneider, der Ex-Grünen-Politiker Hubert Kleinert oder die Hannah-Arendt-Expertin Antonia Grunenberg. Die wenigsten von ihnen sehen heute ihre politische Heimat rechts der Mitte. Vielmehr schildern sie fast alle einen Punkt, einen Moment in ihrem Leben, an dem sie sich an der Doppelmoral, der Heuchelei oder schlicht der intellektuellen Dürftigkeit linker Organisationen und Freundeskreise wund stießen – und ihr Denken schließlich die Richtung änderte.

Nuhr berichtet davon, dass er in seinen Zwanzigern, also in den 80er Jahren, „das Gemeinschaftsgefühl in einer Blase“ genoss, die sich „moralisch überlegen“ fühlte. Erste Störgefühle meldeten sich bei ihm, als er merkte, dass Selbstironie in diesen Kreisen unerwünscht war. Gelacht werden durfte nur über jene, die als politische Feinde markiert waren, etwa der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der von jedem nur „Birne“ oder „der Dicke“ genannt wurde. Als „bodypositiv“ würde er wohl auch heute nicht bezeichnet werden, so Nuhr. Sensibel oder „politisch korrekt“ verhalten sich Linke nämlich damals wie heute nur sich selbst gegenüber.

Quatsch und Comedy als Rettungsanker

Meinungsfreiheit sollte schon damals in erster Linie „für die eigene Meinung gelten“, und nicht für die der „Abweichler“. Dieser Gesinnungsdruck habe ihn renitent gemacht, so Dieter Nuhr. Geholfen habe ihm, dass die ideologische Verbohrtheit der deutschen Kabarettistenszene durchlöchert wurde vom neuen „Comedy“-Trend. Comedy war damals eine neue, ideologiefreie Kunstform und ziemlich lustig – der GAU für alle linken Diskurswächter und Polit-Kommissare.

Als besonders schockierend erlebte Nuhr einen Besuch in der thüringischen Stadt Nordhausen am 10. November 1989. So schlimm wie es die westdeutschen Konservativen immer geschildert haben, werde es im „linken Mauerdeutschland“ schon nicht sein. Jedoch: Es war sogar schlimmer. „Die DDR war nicht erobert oder gekauft worden. Sie war unter ihrer Dysfunktionalität zusammengebrochen. Kaputt. Verstunken. Am Ende.“ Da war er: Dieter Nuhrs Moment der nicht mehr zu leugnenden Wahrheit. Und der Einsicht, dass mit den linken Parolen etwas sehr grundsätzlich nicht stimmte.

Nach dem Kollaps der Sowjetunion und der DDR mutierte der Kampf der Linken endgültig zum „absurden Theater“, so Nuhr: „Antikapitalisten erklärten sich solidarisch mit religiösen Fundamentalisten, Antisemiten sowie Frauen- und Schwulenhassern, die sie zu Opfern des Westens verklärten“. Mittlerweile, so Nuhr, ist Linkssein am ehesten mit der „Mitgliedschaft in einer Sekte“ zu vergleichen.

Der Begriff „Täter-Opfer-Umkehr“ war 1976 noch nicht erfunden

Auch Henryk M. Broder, deutlich älter als Nuhr und ein echter Zeitzeuge der wilden linken 68er-Jahre, beschreibt eine Phase, in der er ein klassischer Mitläufer war. Noch als Schüler machte er bei Störaktionen mit (zum Beispiel gegen den braven Sozialdemokraten Carlo Schmid), und war stolz darauf, mit älteren Genossen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes politisieren zu dürfen.

Broders Moment der Erkenntnis und des Bruchs mit dem linken Milieu fällt auf den 27. Juni 1976. An diesem Tag entführten palästinensische zusammen mit linksradikalen deutschen Terroristen eine Air-France-Maschine auf dem Weg von Tel Aviv richtung paris nach Entebbe in Uganda, damals regiert von Idi Amin und seinen Totschlägern. Die Entführer separierten die Geiseln in Juden und Nichtjuden – in der Absicht, die jüdischen Geiseln besonders grausam zu behandeln und sie für den Israel-Hass der Entführer büßen zu lassen. Besonders eifrig dabei: die linken deutschen Entführer. Gewissermaßen stand die Rampe von Auschwitz also plötzlich in Entebbe, organisiert von linken Genossen.

Bekanntlich konnte ein Sonderkommando der israelischen Armee fast alle Geiseln befreien. Doch die „gesamte linksradikale Szene der Bonner Republik – bestehend aus Kommunisten, Maoisten, Trotzkisten, Revisionisten und freien Radikalen bis hin zu einigen Juso-Ortsverbänden“ solidarisierte sich mit Idi Amin und empörte sich über die Befreiungsaktion. Man kennt das: Das sogenannte Völkerrecht schützt auch heute vor allem Schurkenstaaten, nicht aber die vielen Opfer, also die Völker, die unter ihnen zu leiden haben. Dass Idi Amin der „Schlächter Afrikas“ genannt wurde und mindestens eine halbe Million Ermordete auf dem Gewissen hat, interessierte die Linke nicht. Israels Operation galt als Staatsterrorismus, die Geiselnahme und die Selektion der Geiseln „legitimer Widerstand“.

Abschied vom „manichäischen Weltkampf“

Auch wenn es letztlich willkürlich und ein wenig ungerecht ist, einzelne Beiträge des Sammelbandes herauszuheben, soll auf den Beitrag von Antonia Grunenberg, Politikwissenschaftlerin und Hannah-Arendt-Kennerin, an dieser Stelle noch kurz hingewiesen werden. Denn er wirkt sehr persönlich, dabei bemerkenswert ehrlich und selbstkritisch. Und gleichzeitig analytisch, denn er bemüht sich um zeitgeschichtliche Einordnung und grundsätzliche Erkenntnis.

Grunenberg, geboren 1944, schildert ihren Weg durch einen „ideologischen Irrgarten“ in den 60er und 70er Jahren, der schließlich in einer Art ideologischer Menschenverachtung mündete. Bestes Indiz: die Sprache wurde „eisern“ und manichäisch. „Wir gegen die Schweine“ und das Schweinesystem. Politische Texte jener Jahre kannten bald nur noch „ein einziges Ziel: Aktionen zu rechtfertigen“. Und mit „Aktionen“ war linke Gewalt und der beginnende Links-Terrorismus gemeint. Kaufhausbrände, Anschläge gegen die Infrastruktur und bald auch auf Menschen. „Alle Revolutionen scheitern an der Gewaltfrage, wenn sie das Rechthaben absolut setzen, wenn sie den Prozess der Meinungsbildung kontrollieren und beschleunigen wollen“, so Grunenberg. – Es kommt einem alles auf beklemmende Weise bekannt vor, blickt man auf Phänomene wie die sogenannte Hammerbande, linksradikale Anschläge auf die Bahn oder die Stromversorgung.

Antonia Grunenberg war klug genug, sich abzuwenden und nicht nur ihre falschen Freunde, sondern auch das komplette Gedankengebäude in Frage zu stellen, das sie umgab. Eine wichtige Etappe war die Niederschlagung des Protestes der Tschechen und Slowaken 1968. Die Sowjetunion (und die DDR) begründete ihren brutalen Militäreinsatz in der Tschechoslowakei damit, es müsse dort der „Faschismus“ bekämpft und „ausgemerzt“ werden.

Grunenberg interessierte sich zunehmend für Bücher, die vor den Gefahren totalitären Denkens warnten. Doch der „Prozess der Ablösung von der schwarz-weißen Ideologie des Antifaschismus“ war nicht nur für sie ein langwieriges Unterfangen. Ihre „Illusion von einem ‘menschlichen Sozialismus‘“ sei noch lange intakt gewesen.

Seitdem treibt Antonia Grunenberg die Frage um, wie der „Selbsterhaltungstrieb“ einer Demokratie am Leben erhalten werden kann. Und wie man verhindert, dass aus der „Zerstörungswut der Systemgegner eine selbstzerstörerische Erosion wird, die niemand aufhält, weil sie unabwendbar scheint“.

Ulli Kulke / Reinhard Mohr (Hrsg.), Wenn das Denken die Richtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 2026, 259 Seiten, 24 Euro

 

Von Doppelmoral, Demokratiedefiziten und anderen Problemen: Die Ex-Abgeordnete Joana Cotar führt die Leser in „Inside Bundestag“ hinter die Kulissen unseres Parlaments

von Jörg Hackeschmidt

Es kommt eher selten vor, dass man hinter die Kulissen einer geschlossenen Gesellschaft, eines exklusiven Clubs, schauen darf. Und erklärt zu bekommen, wie diese geschlossene Gesellschaft funktioniert, warum sie so funktioniert, wie sie funktioniert und welche Mechanismen dort wirken. Joana Cotar, die im Februar 2025 aus dem deutschen Bundestag ausschied, tut genau das: Sie lässt ihre Leser hinter die Kulissen des Parlaments blicken. Ihr Buch bietet eine fesselnde Lektüre – und eine zutiefst besorgniserregende.

„Inside Bundestag“ hat einen Untertitel, der einen nicht kalt lässt: „Wie ich in 8 Jahren im Zentrum der Macht das Vertrauen in unsere Demokratie verlor“. Cotar, Anfang 50, ist keine frustrierte Politikerin, die ihren Ex-Kollegen zornige Worte hinterherruft. Sie gehört auch nicht zu den gratismutigen Polit-Rentnern, die nach Jahrzehnten des Wegduckens und Mitmachens ganz plötzlich „Klartext“ reden wollen. Cotar machte schon vor Jahren den Rücken gerade, sie machte sich als prominente Stimme im bundesdeutschen Politikbetrieb bemerkbar. Eigentlich ein Glücksfall und ein Vorbild: Sie präsentiert sich klug, aufrichtig, wirklich engagiert und auch fachlich versiert. Cotar studierte Politikwissenschaft, arbeitete jahrelang als Social-Media- und IT-Projektmanagerin in Unternehmen, bevor sie in die Politik wechselte – als Bundestagsabgeordnete und Fachfrau für Kryptowährungen, Digitalisierung und Staatsmodernisierung. Zuerst engagierte sie sich in der CDU der Stadt Mannheim, ab 2013 dann in der frisch gegründeten wirtschaftsliberalen AfD in Hessen. Sie sammelte Erfahrungen im Kreistag in Gießen und zog 2017 für die AfD in den Bundestag ein. Nach diversen politischen Auseinandersetzungen und schlechten Erfahrungen verließ sie 2022 die AfD-Fraktion und trat aus der Partei aus.

„Inside Bundestag“ ist 202 Seiten lang, eingängig geschrieben und in acht Kapitel gegliedert. Das Buch beginnt mit dem Stoff, der der Schmierstoff für alles ist: dem Geld. Anschließend widmet Cotar sich der Frage, was das eigentlich für Menschen sind, die als „Abgeordnete“ nach Berlin geschickt werden, und schildert das Leben in der Berliner Blase mit seinen Privilegien und Abgründen. Vieles von dem, was Cotar in diesen ersten drei Kapiteln referiert, hat man schon einmal irgendwo gehört – und längst wieder vergessen. Zum Beispiel, dass die Obergrenze der staatlichen Parteienfinanzierung in großen Schritten erhöht wurde, was in der Praxis bedeutet, dass Wahlschlappen finanziell kaum Auswirkungen haben. Und dass genau dasselbe bei den parteinahen Stiftungen passierte, die mittlerweile im Geld schwimmen und in erster Linie als Versorgungsagenturen von Mitarbeitern der korrespondierenden Parteiapparate dienen.

Auch die materielle Ausstattung der Abgeordneten gleicht eher einer Parodie vom Schlaraffenland als einer sachorientiert-angemessenen Umgebung für seriös arbeitende Politiker. Denn: Es ist ja nur das Geld der anderen. Die Anreize, alles mitzunehmen, was möglich ist, sind groß – von der Ausstattung der Mitarbeiter mit digitalen Geräten bis zum Service des parlamentseigenen Reisebüros. Ebenfalls ernüchternd, wenn auch auf andere Weise, sind Cotars Berichte über die mangelnde Qualifikation vieler Abgeordneter, über den kalten Opportunismus links wie rechts im Hohen Haus.

Bundestagsdebatten sind Scheindebatten

Doch wirklich ans Eingemachte geht es in den folgenden vier Kapiteln. Darin schildert Cotar, wie politische Entscheidungen wirklich gefällt werden, wie skrupellos parlamentarische Regeln gedehnt und instrumentalisiert werden, wie stark mittlerweile außerparlamentarische Einflussgruppen auftreten, die Debatten im Parlament sowie konkrete Politik buchstäblich verhindern können.

Zur Erinnerung: Der Deutsche Bundestag wird als einziges Verfassungsorgan unmittelbar vom Staatsvolk gewählt – laut Verfassung ein Repräsentationsorgan aller Bürger und des Volkswillens. Der Bundestag ist der Gesetzgeber, er schafft das Bundesrecht und ändert das Grundgesetz. Und: Der Bundestag übt die parlamentarische Kontrolle der Exekutive aus, er wacht also über die Regierung. Soweit die Theorie. In der Praxis ist es mittlerweile so, dass Abgeordnete noch nicht einmal mehr genug Zeit haben, Gesetze, die sie verabschieden sollen, vorher zu lesen. Am bekanntesten wurde in diesem Kontext Thomas Heilmanns (CDU) Klage vor dem Bundesverfassungsgericht, weil die „Ampelregierung“ im Juli 2023 Robert Habecks Heizungsgesetz im Hauruckverfahren innerhalb weniger Tage durch den Bundestag prügeln wollte. Erst die Anordnung des Verfassungsgerichts stoppte diese Missachtung des Parlaments.

Das Parlament, so Cotar, ist zu einem reinen Abnickverein verkommen. Was in unserem Land passiert, bestimme de facto eine „sehr kleine ‚Elite‘“ in den Parteizentralen der Regierungsparteien und ihren assoziierten Zirkeln. Die Parlamentarier der Regierungsfraktionen nicken in der Regel alles nur noch ab, was aus dem Kabinett kommt. Auch deshalb kam es zu einer derart großen Aufregung, als die links-aktivistische Juristin Frauke Brosius-Gersdorf, vorgeschlagen von der SPD, entgegen aller Absprachen keine Mehrheit im Bundestag fand und ihre Kandidatur zurückziehen musste. Ein echter Betriebsunfall, denn solche „Wahlen“ gelten üblicherweise nur noch als Pro-Forma-Bestätigung von Absprachen und Deals in den Hinterzimmern. Das gesamte linke Lager der Bundesrepublik, von SPD und Grünen bis zu TAZ, Süddeutscher Zeitung und ÖRR, schlug regelrecht um sich, weil seine informelle Macht ausgehebelt worden war – und zwei Dutzend bürgerliche Parlamentarier ihre Rolle ausnahmsweise ernst nahmen.

Neue Spurstangen für die Politik: Die linke „Zivilgesellschaft“ konterkariert die parlamentarische Demokratie

Aufschlussreich ist, dass Cotar in „Inside Bundestag“ ein ganzes Kapitel außerparlamentarischen Organisationen widmet, namentlich dem Netzwerk linker, woker und grüner NGOs, die sie als „Vorfeld-Demokratie“ bezeichnet. Diese „gezüchtete Zivilgesellschaft“ definiere mittlerweile den politischen Korridor, in dem das Parlament agiert. Ohne, dass Cotar den Namen erwähnt, schildert sie eindrücklich das, was der italienische Marxist und strategische Vordenker der neuen Linken, Antonio Gramsci, in seinen „Gefängnisheften“ ausgearbeitet hat: Dass durch die Eroberung der „kulturellen Hegemonie” sowie der „Deutungshoheit“ bald auch reale politische Macht erlangt werden kann – ohne jemals dafür eine demokratische Mehrheit erlangt zu haben. Die Voraussetzung dafür lautet, den vorpolitischen Raum (Medien, Vereine, Institutionen und Sprache) zu beherrschen. Dann sei das „effektive Erzwingen von Veränderungen” möglich, wie Wolfgang Fritz Haug, Marxist und einer der Herausgeber von Antonio Gramscis „Gefängnisheften”, es formuliert hat.

Und genau das: Die Anwendung von Gramscis Strategie, schildert Joana Cotar in dem siebten Kapitel ihres Buches.

Wenn eine Regierung etwas durchsetzen wolle, so Cotar, brauche sie drei Dinge: „ein Narrativ (‘das ist alternativlos / moralisch / wissenschaftlich klar‘), Druck (medial, auf der Straße, in Verbänden, in Institutionen) und die Illusion von Konsens (‘Alle anständigen Menschen sind dafür‘).“ All das werde durch den NGO-Komplex geliefert, der sich „die Zivilgesellschaft“ nennt und ein „perfekt verzahntes Vorfeld“ ist, bestehend aus Bürgerinitiativen, Aktivisten, Experten, Juristen, Künstlern, Medienkontakten und internationalen Partnern. Die Finanzierung des Ganzen übernimmt größtenteils der Staat selbst, manchmal auch im Verbund mit amerikanischen Stiftungen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, beispielsweise die „Energiewende“ durchzusetzen – koste es, was wolle. Die Akteure dieses vorpolitischen Raumes stellen sich keiner Wahl, haben keine demokratische Legitimation, sind aber professionell durchorganisiert: mit fest angestellten Teams, eigenen Pressestellen und spezialisierten Juristen. „Wer wirklich verstehen will, wie heutzutage politische Entscheidungen entstehen, der muss diesen Vorraum in den Blick nehmen“, so Cotar. Denn es handele sich bei diesen Gruppen nicht um „charmantes Bürgerengagement“, sondern um gezielt aufgebaute und finanzierte Strukturen. Soft Power, so könnte man anmerken, wirkt eben alles andere als „soft“. Diejenigen, die das seit Jahrzehnten ignorieren, sind die Bürgerlichen: CDU/CSU und die bereits angezählte FDP. Der Preis, den das bürgerliche Lager dafür zahlt, nicht hinzusehen und zu sehen, was vor sich geht, ist nicht nur hoch, sondern mittlerweile existenzgefährend.

In der parlamentarischen Praxis bedeute diese Wirklichkeit nämlich, dass es kaum mehr jemand wagt, sich gegen diesen vorgeprägten, von linken Pressure-Groups dekretierten Konsens zu stellen. Denn es drohe nicht nur aggressiver, oft auch unsachlicher politischer Widerspruch, sondern moralische Deligitimierung. „Abgeordnete wissen das. Sie spüren den Druck lange vor der Abstimmung und passen sich an. Die Schere im Kopf wird übermächtig und es beginnt die Selbstzensur.“ Andere, so Cotar, „passen ihr Weltbild ganz selbstverständlich an“. So werde das Parlament schleichend entmachtet, ohne dass ihm formal Kompetenzen entzogen werden. Mahnendes Beispiel sei die CDU/CSU-Fraktion, die den Kundgebungen und Übergriffen, aber auch dem medialen Dauerfeuer nicht gewachsen war, nachdem die AfD im Bundestag einem Antrag der Union zum Thema Migration zugestimmt hatte und schon Stunden später ein bundesweites Netzwerk „Zusammen gegen Rechts“ die politische Situation in Deutschland gezielt eskalierte. Übrigens genauso, wie es Heidi Reichinnek von Linken im Parlament sogar angedroht hatte mit den Worten „Wir werden dafür sorgen, dass das jetzt hier ein Ende hat“. Und genau so kam es. Auch die 551 Fragen der Unionsfraktion zum NGO-Komplex verschwanden über Nacht im Nirvana. Offensichtlich reichte dafür bereits eine hochgezogene Augenbraue des Junior-Regierungspartners SPD. Möglicherweise wird die touretteartige Politik von Bundeskanzler Friedrich Merz nach Lektüre dieses Kapitels ebenfalls verständlicher.

Was tun? Joana Cotar bietet kein Patentrezept an. Aber sie gibt in ihrem letzten Kapitel „Denkanstöße für eine bürgerfreundliche Politik“ – sprich: einen „15-Punkte-Plan“, der bei Licht betrachtet kein Plan ist, sondern eine Sammlung von guten Ideen, die dazu führen könnten, unser parlamentarisches System wieder funktionsfähig und durchschaubar zu machen. Ihre Vorschläge reichen von punktuellen Volksentscheiden über eine Veränderung des Wahlrechts bis hin zu einer realistischen Politikerhaftung. Schließlich gilt das Haftungsprinzip auch für Top-Manager.

Fazit: „Inside Bundestag“ ist lohnenswerte Lektüre. Nur werden die Parteien, die es sich in Unsererdemokratie gerade bequem eingerichtet haben, eines sicherlich nicht tun: Auf Stimmen wie die von Joana Cotar hören.

Joana Cotar, Inside Bundestag. Wie ich in 8 Jahren im Zentrum der Macht das Vertrauen in unsere Demokratie verlor, Westend-Verlag Neu-Isenburg 2026, 24 Euro

Author

  • Jörg Hackeschmidt

    Jörg Hackeschmidt ist promovierter Historiker und arbeitet als Ghostwriter, Politikberater und Autor. Er war zehn Jahre lang als PR- und Public-Affairs-Berater bei Pleon (heute Ketchum Pleon) tätig. 2005 wurde er Grundsatzreferent im Bundespräsidialamt. Im Jahr 2006 wechselte er in den Stab Politische Planung, Grundsatzfragen und Sonderaufgaben des Bundeskanzleramtes. Dort arbeitete er bis Anfang 2018 vor allem als Redenschreiber und Grundsatzreferent und war u. a. federführend beteiligt an der Konzeption und der Durchführung des Dialogs über Deutschlands Zukunft (2011/12) der Bundeskanzlerin. Von April 2018 bis Januar 2021 verantwortete er die Strategische Planung im Bundesgesundheitsministerium unter Bundesminister Jens Spahn (CDU). Jörg Hackeschmidt ist Mitglied des European Speechwriter Network.

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Jörg Hackeschmidt

Jörg Hackeschmidt ist promovierter Historiker und arbeitet als Ghostwriter, Politikberater und Autor. Er war zehn Jahre lang als PR- und Public-Affairs-Berater bei Pleon (heute Ketchum Pleon) tätig. 2005 wurde er Grundsatzreferent im Bundespräsidialamt. Im Jahr 2006 wechselte er in den Stab Politische Planung, Grundsatzfragen und Sonderaufgaben des Bundeskanzleramtes. Dort arbeitete er bis Anfang 2018 vor allem als Redenschreiber und Grundsatzreferent und war u. a. federführend beteiligt an der Konzeption und der Durchführung des Dialogs über Deutschlands Zukunft (2011/12) der Bundeskanzlerin. Von April 2018 bis Januar 2021 verantwortete er die Strategische Planung im Bundesgesundheitsministerium unter Bundesminister Jens Spahn (CDU). Jörg Hackeschmidt ist Mitglied des European Speechwriter Network.

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