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Amerika zwischen Inflation, Symbolpolitik und Wahlkampf

Liebe Sarah, wie geht es den Amerikanern gerade?

Sie sind pleite, zumindest fühlt es sich für viele so an. Seit dem Irankrieg sind die Benzinpreise enorm gestiegen, selbst in ärmeren Gegenden von 2 Dollar 90 auf 4 Dollar 50 die Gallone. In einen Pickup oder grossen SUV – das typische Auto in ländlichen Regionen ohne wirklich effizientes öffentliches Verkehrsnetz – passen etwa 30 Gallonen, manchmal mehr. Der Grossteil der Amerikaner braucht ein Auto im Alltag, nur etwa knapp 5 Prozent amerikanische Angestellter pendeln mit Bus und Bahn zur Arbeit, und es gibt einen Grund, warum 16-jährige mit dem Auto zur Schule kommen: einfach, weil es nicht anders geht. Der Roadtrip ist das klassische Sommerferienmodell für die, die es sich ohnehin schon mal nicht leisten können, ins Ausland oder auch nur nach Florida zu fliegen. Man könnte also sagen, der American Dream, der ohne das Auto, den Highway, die Suburbs und das Selbstverständnis der freien Bewegung im Raum als Erzählung nicht funktionieren würde, steckt tiefer in der Krise denn je.

Jüngste Umfragen, unter anderem von CNN, zeigen ausserdem, 76 Prozent der Amerikaner spüren steigende Lebenshaltungskosten und sind in Sorge.

Ja. Was vor einem Jahr noch 60 Dollar bei Wholefoods kostete, kostet heute locker 100. Gleichzeitig wird im Weissen Haus der Ballsaal ausgebaut, und für den 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten hat die Regierung den Bau eines Triumphbogens in Auftrag gegeben, den grössten der Welt, mit Gold verziert. Er soll in Washington D.C. am Ufer des Potomac River stehen, gleich gegenüber dem Lincoln Memorial und unterhalb des Arlington National Cemetery. Seit dem Römischen Reich symbolisieren Triumphbögen militärische Siege oder bedeutsame Ereignisse einer Nation; der Arc de Triomphe in Paris zum Beispiel ehrt die in der Französischen Revolution und in den Napoleonischen Kriegen Gefallenen. Der für Washington geplante neue Triumphbogen ist hingegen keiner der Einigung. In einem Interview mit einem Architekturmagazin sagte der renommierte Architekt Eric Jenkins, der an der Catholic University of America lehrt, dass der auf eine Verkehrsinsel gebaute Triumphbogen auf visueller Ebene die symbolische Verbindung zwischen dem Lincoln Memorial und dem Arlington National Cemetery unterbrechen.

Denn diese beiden Orte sind nicht nur durch die Arlington Memorial Bridge miteinander verbunden, …

… sondern auch durch den Bürgerkrieg. Die Gefallenen dieses Krieges wurden auf dem Grundstück des ehemaligen Wohnsitzes, dem «Arlington House», von General Robert E. Lee bestattet, das direkt hinter dem Lincoln-Denkmal liegt. Beide, Lee und Abraham Lincoln stehen für die Vereinigung des amerikanischen Volkes nach dem Bürgerkrieg. Für manche symbolisiert der kommende Triumphbogen also jetzt schon die Zement gewordene Spaltung der amerikanischen Gesellschaft.

Und noch etwas passierte vor ein paar Tagen.

Meinst Du die Einweihung der Trump-Gold-Statue in Mar-a-Lago? Knapp 7 Meter hoch, mitten auf dem Golfplatz. Krypto-Investoren haben die Statue im Rahmen einer Werbekampagne für ein neues Memecoin finanziert.

Ja, das auch. Aber ich meinte eher Stichwort Midterms.

Gemäß der Washington Post sind etwa 52 der Amerikaner gegen den Triumphbogen und nur 21 Prozent dafür. Die von vielen empfundene Dekadenz der amerikanischen Regierung lässt die Republikaner bangen, die Demokraten hoffen – für den Wahlausgang bei den Midterms im Herbst. Derzeit tobt ein wirklich wichtiger und großer Streit um die in verschiedenen Staaten von regierenden Republikanern neu festgelegten Wahlkreisgrenzen. Anfang Mai hatte der US-Bundesstaat Tennessee die dortigen Wahlkreisgrenzen neu beschlossen, und dabei – absichtlich, sagen die Demokraten – den mehrheitlich von Schwarzen bewohnten 9. Kongresswahlkreis aufgelöst, also die demokratisch-afroamerikanische Stadt Memphis quasi in drei neue Teile zerlegt und die bisher in einem Wahlkreis vertretene mehrheitlich schwarze Bevölkerung mit vornehmlich weißen (tendenziell konservativen) Vororten vermischt. Das bedeutet, dass die Republikaner bei den Midterms im Herbst deutlich höhere Siegchancen haben. Ähnliches passierte in Texas, Missouri, North Carolina und Florida. Insgesamt könnten die Republikaner bei den Midterms vierzehn zusätzliche Sitze im Kongress gewinnen, die Demokraten entsprechend verlieren. Kritiker sprechen von Gerrymandering – die politische Manipulation von Wahlkreisgrenzen – um bestimmte Parteien oder sozioökonomische Gruppen zu begünstigen beziehungsweise zu benachteiligen.  In Kalifornien machen die Demokraten sich übrigens dieselbe Strategie zunutze, um bei den Midterms vier Sitze dazuzugewinnen.

Warum geht das?

Weil unlängst der Oberste Gerichtshof entschieden hatte, das Urteil im sogenannten Louisiana versus Callais Fall nach einer Gegenklage in Teilen aufzuheben. Zwar sei Gerrymandering gemäß des 14. Amendment der amerikanischen Verfassung weiterhin verboten – die bezeichnet den sogenannten Voting Rights Act von 1965 –, es müsse aber bewiesen werden, so argumentierte der Oberste Richter Alito, dass es sich um eine Form des politisch-manipulativen Racial Profiling handele. Und die Beweislast liegt natürlich bei den vermeintlich Benachteiligten – keine leichte Sache.

Was befürchten insbesondere die Demokraten?

Wählerunterdrückung. Dass insbesondere strukturell benachteiligte Gemeinden von people of color sich im Kongress nicht mehr von den Kandidaten ihrer Wahl vertreten lassen können.

Und dass die Demokraten nun auch Gerrymandern…

… macht das Ganze nicht besser.

 

 

Author

  • Sarah Pines

    Sarah Pines ist im Sauerland und in Bonn aufgewachsen, hat Literaturwissenschaft in Köln und an der Stanford University studiert und wurde in Düsseldorf mit einer Arbeit über Baudelaire promoviert. Sie schreibt für die Kulturressorts der ›Zeit‹, der ›Welt‹ und der ›NZZ‹. Pines lebt als freie Autorin in New York. 2020 veröffentlichte sie die Kurzgeschichtensammlung ›Damenbart‹; im August 2024 erscheint ihr erster Roman ›Der Drahtzieher‹.

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Sarah Pines

Sarah Pines ist im Sauerland und in Bonn aufgewachsen, hat Literaturwissenschaft in Köln und an der Stanford University studiert und wurde in Düsseldorf mit einer Arbeit über Baudelaire promoviert. Sie schreibt für die Kulturressorts der ›Zeit‹, der ›Welt‹ und der ›NZZ‹. Pines lebt als freie Autorin in New York. 2020 veröffentlichte sie die Kurzgeschichtensammlung ›Damenbart‹; im August 2024 erscheint ihr erster Roman ›Der Drahtzieher‹.

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