Der Beitrag erschien erstmals am 5. Januar 2026 in der NZZ. Sie finden diesen hier.
Rede niemand über das Alter von Politikern, ohne über Konrad Adenauer zu sprechen. Mit 57 Jahren wurde er von den Nazis aus seinem Beruf als Oberbürgermeister von Köln entlassen, bevor er mit 69 Jahren in seinen Job zurückkehrte: ernannt von den Amerikanern und fünf Monate später wegen Unbotmäßigkeit erneut entlassen von den Briten. Dann wurde er eben Bundeskanzler, bei der Übernahme des Amtes etwas jünger als Metternich und Bismarck bei ihrem Ausscheiden. Adenauers Kanzlerschaft währte von seinem 74. bis zu seinem 88. Lebensjahr – und länger als fast alle demokratischen Regierungen: länger als Franklin D. Roosevelt, länger als jeder britische Premierminister seit Lord Salisbury und jeder französische Präsident seit Napoleon III., übertroffen erst von Helmut Kohl und Angela Merkel.
Adenauer war der zweite von zwei Politikern, die das mittlere Drittel des 20. Jahrhunderts in Deutschland bestimmten. Der andere war 13 Jahre jünger: Adolf Hitler. Während dessen Herrschaft in Zerstörung endete, war die Bundesrepublik, als Adenauer das Kanzleramt 18 Jahre später verließ, zu einer Macht innerhalb der westlichen Welt geworden, wie es 1945 niemand für möglich gehalten hätte. Dafür waren drei revolutionäre Innovationen verantwortlich: politische Stabilität durch eine neue Volkspartei; ökonomische Prosperität und soziale Stabilität durch das Modell der „Sozialen Marktwirtschaft“; und eine außenpolitische Umorientierung durch entschiedene Westbindung.
Seit ihrem Entstehen war die deutsche Parteienlandschaft stark fragmentiert, und eine ihrer zentralen Trennlinien war die konfessionelle. Darin lag auch ein Grund für die Instabilität des Parteiensystems der Weimarer Republik, die der NSDAP den Weg zur Macht eröffnete. Die Christlich-Demokratische Union als überkonfessionelle Volkspartei zu gründen, bedeutete eine revolutionäre Neuerung in der deutschen Parteiengeschichte, zumal in einer Zeit, da 96 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehörten. Und dass die Union in der Lage war, die politische Rechte in das politische System der Bundesrepublik zu integrieren, deutet auf ihre fortwährende Relevanz hin.
Das ging nicht ohne Kompromisse mit der deutschen Nazi-Vergangenheit. Adenauer regierte ein Land voller Täter und Mitläufer. Als Realist, der er war, war ihm die Unzuverlässigkeit seiner Landsleute nur allzu bewusst – und er wusste, dass er keine anderen hatte. Er enthielt sich des moralischen Purismus und erwartete Opportunismus von vormaligen Opportunisten. Einen hohen Beamten des Reichsinnenministeriums, der einen Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen verfasst hatte, zum Chef des Bundeskanzleramts zu machen, dokumentierte Adenauers Priorität im Umgang mit belasteten Landsleuten: ihre Anpassung an die demokratische Republik und ihre Institutionen.
Adenauers persönliche Integrität als Gegner des Nazi-Regimes stand außer Frage. Er engagierte sich für den Aufbau von Beziehungen zum Staat Israel, angefangen mit dem „Wiedergutmachungsabkommen“ von 1952, wobei der Begriff einen zeitgenössisch typischen Euphemismus darstellte. Der Vorrang lag jedoch auf innenpolitischer Stabilisierung und Integration. Was Adenauer kennzeichnete, waren die Bereitschaft, Kompromisse zu schließen, und die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen.
Die zweite fundamentale Neuerung lag im deutschen Modell der „Sozialen Marktwirtschaft“. Im Grunde bezeichnet der Begriff, was (im Unterschied zum skandinavisch-egalitären und zum anglo-amerikanisch-kompetitiven) das konservativ-korporatistische kontinentaleuropäische Modell genannt wird. Es fiel freilich nicht vom Himmel, sondern musste erst ausgestaltet werden. Während in der Union zunächst Ideen eines „christlichen Sozialismus“ populär waren, unterstützte Adenauer den politischen Vater des deutschen Ordoliberalismus, Ludwig Erhard. Gleichwohl war Adenauer auch hier kompromissbereit, als er mit Rücksicht auf die Bundestagswahlen 1957 das System der dynamischen Rente einführte, das dem Land ohne Strukturreformen heute auf die Füße fällt.
Nach mehr als vier Jahrzehnten der Kriege und Krisen, der Inflationen und Entbehrungen erlebten die Zeitgenossen seit den fünfziger Jahren, was sie das „Wirtschaftswunder“ nannten: mehr als zwei Jahrzehnte außergewöhnlich hoher Wachstumsraten, den Übergang in Konsumgesellschaft und Wohlfahrtsstaat und den tatsächlichen Anbruch von „Wohlstand für alle“. Auch wenn vieles davon günstigen Rahmenbedingungen und nachholenden Entwicklungen zuzuschreiben ist: das deutsche Modell hatte einen wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung.
Es stand immer vor der Herausforderung, ökonomische Wettbewerbsfähigkeit und soziale Wohlfahrt auszubalancieren. Zugleich entwickelte es seine eigene Antizyklik: Wenn das deutsche Modell bewundert wurde, war es gerade dabei, Reformen zu versäumen. Und wenn seine Krise ausgerufen wurde, war es in der Regel schon auf dem Weg zu Reformen. Insofern mag die gegenwärtige Klage über den deutschen Niedergang ein gutes Zeichen sein – allerdings ist dieser Mechanismus kein Automatismus. Es muss auch getan werden. Was Adenauer dabei auszeichnete, war die immer wieder neu auszutarierende Balance von Prinzipien und Pragmatismus anstelle von Absolutheit und Dogmatismus.
Eine liberale Demokratie und eine erfolgreiche Soziale Marktwirtschaft war nicht nur das Ergebnis innenpolitischer Entscheidungen. Es war Teil einer dritten revolutionären Neuerung: der deutschen Westintegration.
Bereits im Oktober 1945 war Adenauer überzeugt, dass die Spaltung Europas in „Osteuropa, das russische Gebiet, und Westeuropa eine Tatsache“ sei: „Der nicht von Russland besetzte Teil Deutschlands ist ein integrierender Teil Westeuropas. Wenn er krank bleibt, wird das von schwersten Folgen für ganz Westeuropa (…) sein. Es liegt im eigensten Interesse nicht nur des nicht von Russland besetzten Teiles Deutschlands, sondern auch von England und Frankreich, Westeuropa unter ihrer Führung zusammenzuschließen, den nicht russisch besetzten Teil Deutschlands politisch und wirtschaftlich zu beruhigen und wieder gesund zu machen.“
Was Adenauer fehleinschätzte, war der Verbleib der USA in Europa. Was er geradezu prophetisch voraussah, war die historische Chance, die der ausbrechende Ost-West-Konflikt für die Bundesrepublik eröffnete: den Wandel vom total besiegten Kriegsgegner zum unverzichtbaren Bündnispartner. Adenauer setzte auf die feste Einbindung der Bundesrepublik in den Westen, als bewusste Entscheidung unter Abkehr von Traditionen einer unabhängigen deutschen Mittellage. Er verband Realpolitik nach 1945 mit einer strategischen Neuausrichtung Deutschlands im 20. Jahrhundert.
Was unter den Bedingungen des kalten Krieges allerdings nicht zusammenging, waren die Westintegration und das Verfassungsziel der Wiedervereinigung. Als Stalin den Westmächten 1952 das Angebot eines vereinten Deutschlands um den Preis seiner Neutralität machte, drängte Adenauer auf Ablehnung. Dies wurde ihm immer wieder als versäumte Chance vorgehalten und entfremdete Adenauer der ostdeutschen Bevölkerung, mit Nachwirkungen bis heute. Sein Sicherheitsstreben, sein Antikommunismus und seine Furcht vor „Sowjetrussland“ mochten zuweilen obsessiv wirken (und von der deutschen Vergangenheit ablenken) – sie erscheinen in der Rückschau freilich realistischer als spätere Hoffnungen auf „Wandel durch Handel“.
Adenauer ordnete die Wiedervereinigung der Westbindung unter, hielt den Anspruch auf die deutsche Einheit aufrecht – und verschob ihre Umsetzung. Der „Magnettheorie“ zufolge sollte die DDR eines Tages zusammenbrechen und sich der Bundesrepublik anschließen. Dieses Szenario wurde seit den 1960er zunehmend unrealistisch, brachte die Bonner Deutschlandpolitik unter Anpassungszwang, den Status quo der deutschen Teilung anzuerkennen – und wurde dann, längst vergessen, zur Blaupause der deutschen Wiedervereinigung von 1990.
Dies war zu Adenauers Zeiten nicht vorauszusehen. Für seine Führung aber gilt, dass er Prioritäten vor Popularität setzte. Zugleich verband er Realpolitik und Werte, nationale Interessen und internationale Kooperation. Nachdem die europäischen Staaten jahrhundertelang kriegerisch aufeinander losgegangen waren, bedeutete der multilateral integrierte, kooperative Nationalstaat die fundamentale historische Innovation der europäischen Integration.
Hat Konrad Adenauer 150 Jahre nach seiner Geburt, über 75 Jahre nach dem Beginn und über 60 Jahre nach dem Ende seiner Kanzlerschaft dem 21. Jahrhundert noch etwas zu sagen? In der Tat sind es drei Lektionen über politische Führung, die diese historische Gestalt bereit hält.
Nachhaltige Führung verlangt, Auseinanderstrebendes zu verbinden und dabei Amivalenzen und Uneindeutigkeiten auszuhalten: nationale Interessen und universale Werte, Realpolitik und Strategie, Pragmatismus und Prinzipien.
Bedeutende Führung verlangt, Prioritäten zu setzen und ihnen treu zu bleiben: Substanz geht vor Popularität.
Und außergewöhnliche Führung verlangt, sich von der Offenheit der Geschichte inspirieren zu lassen: Die Zukunft ist gestaltbar. Das Unwahrscheinliche ist möglich. Und das Mögliche verlangt Phantasie.
Wirkliche Führung folgt nicht. Sie führt.
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Andreas Rödder ist Leiter der Denkfabrik R21 und Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Gegenwärtig wirkt er als Helmut Schmidt Distinguished Visiting Professor an der Johns Hopkins University in Washington. Er war Fellow am Historischen Kolleg in München sowie Gastprofessor an der Brandeis University bei Boston, Mass., und an der London School of Economics. Rödder hat sechs Monographien publiziert, darunter „21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ (2015) und „Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems“ (2018), sowie die politische Streitschrift „Konservativ 21.0. Eine Agenda für Deutschland“ (2019). Andreas Rödder nimmt als Talkshowgast, Interviewpartner und Autor regelmäßig in nationalen und internationalen Medien zu gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung; er ist Mitglied im Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung und Präsident der Stresemann-Gesellschaft.
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