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ZDF-KI-Skandal: Die kritische (Gegen-)Öffentlichkeit ist zurück

Die kritische Gegenöffentlichkeit in unserem Mediensystem ist so vital wie lange nicht mehr. Dem aufklärerischen Wert der Nius-Recherche zur KI-Montage im ZDF-Heute Journal ist ein hoher demokratischer Wert beizumessen, in zweierlei Hinsicht. Erstens besteht eine Aufklärungsleistung in der Sache: Das ZDF, vom Zuschauer beauftragt und bezahlt, ihn über die Realität zu informieren, hat ihn getäuscht. Dies war kein handwerklicher Flüchtigkeitsfehler, sondern ist, wie nun bekannt ist, bewusst und gegen redaktionsinterne Kritik geschehen. Selbst Chefredakteurin Bettina Schausten erkannte das in einer internen Betriebsversammlung an, jedoch bislang nicht öffentlich.

Zäsur in ÖRR-Debatte

Zweitens besteht ein Aufklärungsleistung für die politische Debatte um den ÖRR im Allgemeinen: Die unfreiwillige Selbstoffenbarung eines vor Faktentreue vorrangigen Haltungsjournalismus‘ (Theveßen: „Kein einziges Wort […] war falsch.“) ist ein Novum und wird die Debatte nachhaltig verändern. Denn bislang unterlagen die ÖRR-Kritiker einer oft unerwiderten Beweispflicht – stets in der Gefahr, mindestens als empörungsgetrieben, schlimmstenfalls als verschwörungstheoretisch gebrandmarkt zu sein. Verweise auf Fehlleistungen wurden als Einzelfälle abgetan[1], Dissidenten wie Julia Ruhs wurde die Sendungsmoderation unter fadenscheinigen Vorwänden entzogen[2]. Selbst dem bei einigen ZDF-Redakteuren durchaus bestehenden Unmut über systematische journalistische Qualitätsdefizite wurde offensichtlich keine Beachtung geschenkt, wie durch den an Nius geleakten Mitschnitt der Betriebsversammlung klar wurde.

Diese Strategie der Unanfechtbarkeit geht nun nicht mehr auf. Beschwörungsformeln für den Erhalt von „Qualitätsmedien als Bollwerk gegen Desinformationen“ (Ottilie Klein, CDU) und Wehklagen über einen „Generalangriff auf den ÖRR“ (Sven Lehmann, Grüne) wirken abgenutzt und inhaltsleer, solange die offenkundige Selbstverpflichtung des ÖRR zur Faktentreue unterbleibt oder – wie im ZDF-Fall nachgewiesen – sogar bewusst gebrochen wird.

Radikale Selbstverpflichtung zur Rechenschaft

Der einzige Ausweg für das ZDF und den ÖRR allgemein ist ein radikales Umdenken weg vom Haltungsjournalismus, weil es offensichtlich immer wieder zu schwerwiegenden handwerklichen Fehlern kommt, was aus bürgerlicher Sicht zu einer veritablen Diskursverengung führt. Mittel zum Zweck wäre die Umkehr der Beweispflicht für die Kritiker in eine proaktive Rechenschaftspflicht der eigenen Leute. Regelmäßige, wissenschaftlich begleitete Rechenschaftsberichte über die Einhaltung von Faktentreue und Perspektivenvielfalt in den Flaggschiff-Nachrichtenformaten könnten diesem Zweck ebenso dienen wie die Einrichtung flächendeckender Redaktionsausschüsse, an die sich Redakteure bei Störgefühlen und Kritik wenden können. Es bleibt zu hoffen, dass derartige Lehren aus der neuen, höchst funktionalen Gegenöffentlichkeit gezogen werden, anstatt die eindeutig belegte Recherchearbeit von Nius als „Geraune“ abzutun. Erst dann kann das Gesamtsystem gesunden.

 


[1] Den Vorgang, verdeckt eigene Redakteure zu interviewen und sie als normale Passanten auszugeben bezeichnete etwa der WDR-Chefredakteur als „Verkettung unglücklicher Umstände“, https://www.welt.de/politik/deutschland/plus246708008/Tagesschau-Penny-Beitrag-war-laut-WDR-eine-Verkettung-ungluecklicher-Umstaende.html

[2] Trotz Ruhs‘ großer Beliebtheit begründete NDR-Programmchef Frank Beckmann die plötzliche Abberufung ihrer Person damit, „Themen statt Köpfe“ zu bevorzugen.

 

 

Gefördert durch das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

 

Author

Alice Klinkhammer

Alice Klinkhammer ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin und leitet die R-21-Initiative für Medien, Öffentlichkeit und Meinungsfreiheit. Ihre Analysen finden Sie hier.

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