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Schumpeters unbequeme Diagnose

Warum ausgerechnet Intellektuelle den Markt bekämpfen

Der Beitrag erschien erstmals am 21. Januar 2026 bei Cicero Online und ist hier abrufbar.

Ausgerechnet diejenigen, die sich als kritische Vordenker inszenieren, verhindern eine echte Debatte über Wohlstand, gesellschaftlichen Zusammenhalt und einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen. Schon Joseph A. Schumpeter warnte vor ihrem destruktiven Antikapitalismus.

Woher kommt eigentlich das Ressentiment vieler Intellektueller gegen eine freie Gesellschaft und liberale Wirtschaftsordnung? Warum ist der Großteil von ihnen fasziniert von sozialistischen, „gelenkten“, letztendlich unfreien Gesellschaftsmodellen – die der Öffentlichkeit als progressive Formen einer solidarischen, klimagerechten und bullerbü-mäßig nivellierten Zukunft verkauft werden?

Anders gefragt: Wie kann es sein, dass Autoren wie die taz-Redakteurin Ulrike Herrmann mit ihrer reichlich undurchdachten Forderung, wir müssten zur Rettung von Natur und Klima unseren Lebensstandard um 80 Jahre zurückdrehen und eine „Kriegswirtschaft“ einführen, seit Jahren ein Dauer-Abo in den TV-Talkshows hat? Woher kommt der Messianismus der Bestsellerautorin Maja Göpel, die das Ringen um den richtigen wirtschaftlichen Weg als „Scheindebatte um Wachstum versus Nichtwachstum“ abtut, „die alte Erzählung“ von Fortschritt und Entwicklung für überholt erklärt und einen umgedeuteten „Liberalismus 2.0“ propagiert? Warum arbeitet sich – in bestem Habermas-Jargon – der Berliner Soziologe Philipp Staab in seinem aktuellen Suhrkamp-Buch „Systemkrise. Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus“ am angeblich „liberalen Paradigma“ ab, das für unsere Probleme verantwortlich sei?

Fingerzeige, woher dieser Typus des antikapitalistischen Intellektuellen kommt und was ihn auszeichnet, gab der große Nationalökonom Joseph A. Schumpeter bereits in den 1940er Jahren. In „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ schreibt er, dass im reifen Kapitalismus, in dem das öffentliche Leben mehr und mehr bürokratisiert sei, ein wachsendes Heer von Intellektuellen entstehe, das dem Kapitalismus gegenüber feindlich gesinnt sei und eine entsprechende Atmosphäre schaffe. Zur „Entwicklung einer solchen Atmosphäre“ brauche es Gruppen, in deren Interesse es liegt, den „Groll“ zu steigern und zu organisieren, ihn zu hegen, zu pflegen und zu lenken.

Die „kapitalistische Zivilisation“ subventioniert ihre Feinde

Ein Hauptmerkmal dieser Gruppen ist nach Schumpeter ihre Unabhängigkeit von unmittelbarer praktischer Verantwortung: Sie reden, schreiben und polemisieren, treffen aber keine Entscheidungen in Unternehmen und stehen lediglich am Spielfeldrand des wirtschaftlichen Handelns.

Joseph Schumpeter ahnte, dass der Kapitalismus und mit ihm die liberale, bürgerliche Gesellschaftsordnung durch die Fundamentalkritik von links in existentielle Gefahr geraten. Interessanterweise beobachtete er schon Anfang der 1940er Jahre den sich abzeichnenden paradoxen Trend, dass die „kapitalistische Zivilisation“ ihre Feinde regelrecht „subventioniert“. Denn Kritik, selbst das Infragestellen ihrer bloßen Existenz, entspreche der Logik liberaler Marktwirtschaften. Selbstkritik gehöre zum Wesenskern des Kapitalismus, ebenso ein liberales Menschenbild. Allerdings mache dieser Umstand die bürgerliche Gesellschaft letztlich hilf- und wehrlos gegenüber jenen, die keine konstruktive Kritik üben, sondern das kapitalistische System selbst überwinden wollen.

Heute kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Echte Diskurse finden kaum mehr statt. Vielmehr wiederholen sich die ideologischen Selbstvergewisserungen mehr und mehr in getrennten Schützengräben. Das sogenannte „Canceln“ unliebsamer Meinungen ist mittlerweile Alltag geworden. Bei dieser „Diskurslenkung“ spielt der NGO-Komplex – ein deutungsmächtiges Geflecht aus Academia, Lobbygruppen und aktivistischen Medien – eine wichtige Rolle. Viele spannende Sachbücher liegen in den Buchhandlungen nicht mehr aus, weil ihre Autoren oder Verlage als „rechts“ desavouiert werden. Die großen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig schirmen sich gegen publizistische „Schmuddelkinder“ ab; diese organisieren ihr eigenes Branchentreffen in Halle. Zur Monotonie der Meinungskultur und zur Debattenarmut gehört auch die jammervolle Einseitigkeit in der Auswahl von Talkgästen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Ressentiment und Alltagsferne

Schumpeter bietet auch eine Begründung dafür an, warum die wachsende Gruppe der Intellektuellen an Hochschulen, in politischen Vorfeldorganisationen und in den Medien ein immer größeres Ressentiment gegen den Kapitalismus hegt. Denn es sei nicht logisch, dass die, die einerseits vom Kapitalismus leben, ihn andererseits überwinden und zerstören wollten. Schumpeter verweist auf die starke Ausdehnung des Bildungssektors, also die unverhältnismäßige Aufblähung sozialwissenschaftlicher Studiengänge: was zu Heerscharen von akademisch Ausgebildeten führe, die sich nicht selten in unterbezahlten, prekären und dadurch „unbefriedigenden Arbeitsbedingungen“ wiederfinden.

Viele dieser Hochschulabgänger entwickelten einen „Groll“ und große „Unzufriedenheit“ – vor allem solchen Menschen gegenüber, denen sie sich intellektuell überlegen fühlen, die aber erfolgreicher und bessergestellt sind. Und deren Leben sich besser entwickelt.

Mit jedem innovativen Schub und jeder neuen Leistung des kapitalistischen Systems nehme die Feindseligkeit gegen die kapitalistische Ordnung eher zu statt ab. Das beinahe nietzscheanische Ressentiment der Intellektuellen müsse unweigerlich auf eine „moralische“ Ablehnung der kapitalistischen Ordnung hinauslaufen, so Schumpeter. Darin liege auch einer der Gründe dafür, dass man ihrer politischen Fundamentalkritik nur schwer mit rationalen Argumenten begegnen könne. Denn die tiefere Ursache ihres Ressentiments liege nicht in der Sache, sondern in ihrem gesellschaftlichen Status und ihrer Überzeugung, nicht genügend Anerkennung zu erfahren.

Alle totalitären Menschheitskatastrophen waren Kopfgeburten von Intellektuellen

Joseph Schumpeter war nicht sehr optimistisch, was die Überlebensfähigkeit des entwickelten Kapitalismus anbelangt. Er sah ihn früher oder später in einen Sozialismus übergehen, schon aus Gründen breiter Wohlstandsverwahrlosung sowie eines übermächtigen Bürokratismus. Dem Fatalismus des großen Ökonomen sollte das liberale Bürgertum nicht folgen, sondern vielmehr Strategien entwickeln, Marktwirtschaft und liberale Demokratie zu verteidigen: Ein erster Schritt zur Wiederherstellung des demokratischen Diskurses könnte darin bestehen, den Resonanzverstärker „NGO-Komplex“ zurückzuschneiden, indem man zweifelhafte politische Lobbygruppen nicht mehr mit dem Geld der Steuerzahler alimentiert. Ein zweiter Schritt wäre, die ideologische Schlagseite des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu korrigieren und auf Perspektivenvielfalt zu bestehen.

Denn mittlerweile wissen wir, wohin Unfreiheit und das Verleugnen anthropologischer Grundkonstanten führen. Alle totalitären Menschheitskatastrophen waren letztlich Kopfgeburten von Intellektuellen. Darauf wies bereits 2002 der liberale Publizist Roland Baader in seinem Buch „Totgedacht. Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören“ hin. Daran sollte man sich erinnern und die Forderungen mancher linker Intellektueller zu Ende denken – und sich ihre alternativen Gesellschaftsentwürfe ganz plastisch und möglichst konkret vor Augen führen. Dass beispielsweise eine Kriegs- und Mangelwirtschaft wirklich gut fürs Weltklima ist, darf man bezweifeln. Ähnliches gilt für einen bürokratisch gelenkten Gesinnungsstaat.

Verteilungskämpfe in Gesellschaften, die schleichend verarmen, sind weder besonders menschenfreundlich noch lassen sie Raum für technischen Fortschritt oder die Lösung von Umweltproblemen. Einen Hinweis darauf, dass Kommandowirtschaft nicht die Antwort ist, gibt der jährliche Umwelt-Index der Yale-University. Demnach performen die demokratischen Länder mit Abstand am besten.

Author

  • Jörg Hackeschmidt

    Jörg Hackeschmidt ist promovierter Historiker und arbeitet als Ghostwriter, Politikberater und Autor. Er war zehn Jahre lang als PR- und Public-Affairs-Berater bei Pleon (heute Ketchum Pleon) tätig. 2005 wurde er Grundsatzreferent im Bundespräsidialamt. Im Jahr 2006 wechselte er in den Stab Politische Planung, Grundsatzfragen und Sonderaufgaben des Bundeskanzleramtes. Dort arbeitete er bis Anfang 2018 vor allem als Redenschreiber und Grundsatzreferent und war u. a. federführend beteiligt an der Konzeption und der Durchführung des Dialogs über Deutschlands Zukunft (2011/12) der Bundeskanzlerin. Von April 2018 bis Januar 2021 verantwortete er die Strategische Planung im Bundesgesundheitsministerium unter Bundesminister Jens Spahn (CDU). Jörg Hackeschmidt ist Mitglied des European Speechwriter Network.

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