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Bürgerliche Politik im Schatten neuer Machtpolitik und der Erosion der liberalen Ordnung

Eine gekürzte und leicht bearbeitete Version des Vortrags erschien am 16. April im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Sie finden den Beitrag hier.

I. Drei Krisen auf einmal
„Der Weltprozess gerät plötzlich in furchtbare Schnelligkeit; Entwicklungen, die sonst Jahrhunderte brauchen, scheinen in Monaten und Wochen wie flüchtige Phantome vorüberzugehen und damit erledigt zu sein“. So beschrieb Jacob Burckhardt vor 150 Jahren die „geschichtlichen Krisen“.

In den 2020er Jahren verlaufen gleich drei solcher Krisen zur selben Zeit, deren erste sich im Zweifelsfall eher nach Tagen und Stunden bemisst: die Herausbildung einer neuen geopolitischen Ordnung, der vierten Neuordnung Europas seit dem Ersten Weltkrieg – nach der Pariser Ordnung von 1919/29, der bipolaren Ordnung des Ost-West-Konflikts nach 1945 und der liberalen Ordnung von 1990.

Diese Ordnung wird durch eine Achse revisionistischer Mächte unter der Führung Russlands und Chinas herausgefordert, die auf hegemoniale Herrschaftsräume setzen. Insofern lässt sich die neue Konstellation der 2020er Jahre als neuer Ost-West-Konflikt verstehen – würden nicht die USA unter Donald Trump diese liberale Ordnung mit einer ihrerseits hegemonialen Attitüde und dem Habitus ungebändigter Großmachtpolitik diese liberale Ordnung ebenfalls in Frage stellen. Oder fügen sich die Intervention in Venezuela, die strategischen Interessen in Grönland und der Krieg gegen den Iran in eine grand strategy gegen ein expansives China – und somit doch in einen neuen Ost-West-Konflikt? Diese Frage nicht zu vorschnell und zu selbstgewiss zu beantworten, ist einer Sache angemessen, die selbst nicht klar ist. Klar ist hingegen, dass die Welt sich im Umbruch einer globalen Neuformierung befindet, so wie es 1946/47 im Übergang zum Kalten Krieg der Fall war.

Der zweite Umbruch ist ökonomisch-technologischer Natur und ebenfalls von Widersprüchen geprägt. Einerseits erreicht die Digitalisierung mit Künstlicher Intelligenz ein neues Stadium, in dem neue IT-Infrastrukturen eine Hypervernetzung herbeiführen. Andererseits hätte vor zwanzig Jahren niemand für möglich gehalten, dass die scheinbar unumkehrbare Globalisierung in einen Zustand der Deglobalisierung durch Protektionismus, Reshoring und Handelskonflikte übergehen könnte. Die Frage ist, ob Europa, indem es sich auf weitreichende und tiefgreifende Klimaziele festgelegt hat, zur Avantgarde eines neuen Innovationszyklus wird – oder vor dem Hintergrund sozialer Strukturprobleme durch demographische Alterung und Migration sowie einer Kultur der Risikoaversion im globalen Wettbewerb strukturell zurückfällt.

Drittens erleben die 2020er Jahre nicht weniger als eine Kulturrevolution in westlichen Gesellschaften, indem eine neurechte Gegenrevolution gegen die postmodern-grüne Revolution voranschreitet, die in den 2010er Jahren hegemonial geworden war.

II. Die Ordnung von 1990
Beide, die postmodern-grüne Revolution ebenso wie die neurechte Gegenrevolution, richteten sich zugleich gegen die liberale Ordnung, wie sie 1989/90 triumphiert hatte. Diese Neuordnung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime und des sowjetischen Herrschaftsbereichs manifestierte sich in der Charta von Paris der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa vom 21. November 1990. Die unterzeichnenden Staaten Europas und Nordamerikas verpflichteten sich darin auf Demokratie und Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte, individuelle Freiheit und Pluralismus als leitende Prinzipien nach innen.

Nach außen verpflichteten die Charta von Paris ebenso wie das Budapester Memorandum vom 5. Dezember 1994 ihre Unterzeichner auf das Prinzip der Integrität, das Selbstbestimmungsrecht und die Bündnisfreiheit gleichberechtigt souveräner Staaten. Die ökonomische Ordnung wurde nicht formell kodifiziert, kristallisierte sich nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Planwirtschaften und vor dem Hintergrund der marktliberalen Reformen in westlichen Gesellschaften in den 1980er Jahren im „Washington Consensus“: Marktwirtschaft und Wettbewerb, Deregulierung und Privatisierung, solide Staatsfinanzen und Subventionsabbau sowie Freihandel und Globalisierung.

Diese triumphante liberale Ordnung, so die verbreitete Erwartung, besiegelte das „Ende der Geschichte“ und würde sich, so die späthegelianische Vorstellung nicht nur Francis Fukuyamas, mit geschichtsteleologischer Notwendigkeit auch in Ländern wie Russland und China und über den gesamten Globus verbreiten.

III. Die postmodern-grüne Revolution
Diese Erwartung übersah freilich, dass der Triumph der liberalen Ordnung nicht nur in Russland und China keineswegs akzeptiert wurde. Auch innerhalb der westlichen Welt selbst stellte eine postmoderne Revolution den siegreichen Westen in Frage.

Was im Anglo-Amerikanischen als „French theory“ firmiert, entstand in akademischen Elfenbeintürmen, vor allem in Paris. Michel Foucault erhob den Anspruch, grundsätzlich „anders zu denken“, vor allem über Macht, die „Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale“ überhaupt erst „produziert“, und zwar durch Sprache. Denn „alles ist Text“ (Jacques Derrida): es gibt keine Realität jenseits der Sprache. Sprache ist Macht und allgemeiner Konsens ein Instrument zur Unterdrückung des Abweichenden, so Jean-François Lyotard.

In der Konsequenz machte sich die Postmoderne an die Dekonstruktion herrschender Denkformen, Begriffe und Ordnungsvorstellungen. Universaler Rationalismus oder der Wahrheitsanspruch und die Vernunftorientierung der Aufklärung galten dem Postkolonialismus als hegemoniale westliche Epistemologie. Emanzipation und Fortschrittsglaube des Liberalismus wurden als „große Erzählungen“ der bürgerlichen Moderne dekonstruiert, die, so der ikonische Satz von Lyotard, „ihre Glaubwürdigkeit verloren“ hatten.

Die Geschlechterrollen der bürgerlichen Moderne hatte schon Simone de Beauvoir 1949 als kulturelles Artefakt kritisiert: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Die Postmoderne, vor allem Judith Butler in Berkeley, stellte darüber hinaus die Existenz biologischer Geschlechter überhaupt in Frage. Auch die Nation galt nicht mehr als etwas Gegebenes, sondern als „vorgestellte Gemeinschaft“ (Benedict Anderson). Und der Postkolonialismus identifizierte den Westen nicht mit Zivilisation und Freiheit, Wohlstand und Demokratie, sondern mit Unterdrückung und Ausbeutung, Rassismus und Zerstörung. Zusammen mit der Klimabewegung, die sich seit den späten 1980er Jahren formierte, entstand somit ein neues Narrativ der westlichen Gesellschaft als strukturell diskriminierend und zerstörerisch.

Das hing mit einer Aufwertung des Status von Opfern von Unterdrückung und Gewalt seit den 1970er Jahren zusammen, wie sie in der Ausstrahlung der Fernsehserien „Roots“ über die Opfer von Sklaverei (1977) und „Holocaust“ (1978) zum Ausdruck kam. Was als Bewegung der Empathie und der Emanzipation begann, führte im Zuge einer woken Ideologisierung zu einer dichotomischen Einteilung in Täter und Opfer, die mit pauschalen, kollektiven Zuschreibungen konstruiert wurde: Ein weißer männlicher Westen als rassistisch, sexistisch, transphob und historisch schuldig gegenüber Frauen, People of Colour, Migranten, Queers und dem globalen Süden.

So verschob sich die Perspektive von der bürgerlichen Leistungsgesellschaft auf die „Gemeinschaft der Vulnerablen“. Die „vulnerable Gesellschaft“ (Frauke Rostalski) richtete den Fokus auf benachteiligte Gruppen statt auf leistungsfähige Individuen und zielte auf Ausgleichsansprüche für die Opfer von Benachteiligungen aufgrund kollektiver Herkunftsmerkmale: Diversität, Gleichstellung, Inklusion, englisch: Diversity, Equity, Inclusion, kurz: DEI. Kollektive Quoten überlagerten individuelle Leistung und freie Entscheidung, Nachteilsausgleich überlagerte Wettbewerb. Der Begriff der „Gleichstellung“, die Ergebnisse gestaltet, ersetzte den der „Gleichberechtigung“, die Voraussetzungen schafft. Neuständische, nach Herkunftsmerkmalen modellierte „Diversität“ trat an die Stelle eines liberalen „Pluralismus“, der aus der freien Entfaltung der Individuen hervorgeht.

Dass Diversität zum neuen Konsens und strukturelle Diskriminierung zur neuen „großen Erzählung“ wurde, markiert im Übrigen den grundlegenden Selbstwiderspruch postmoderner Epigonen. Denn wenn alles Text, also sprachliches Konstrukt ist, dann gilt dies logischerweise auch für die eigenen Vorstellungen, die keinen Wahrheitsanspruch erheben können. Während Foucault dem wohl ohne Umschweife zugestimmt hätte, sahen Vertreter von gender mainstreaming und queer theory, Antidiskriminierung und Postkolonialismus ihre Vorstellungen allerdings keineswegs als machtbedingte Artefakte, sondern strebten eine „Ordnung der Dinge“ (Foucault) an, die keinen Dissens zuließ.

Diese Transformation war Teil eines trickle down-Effekts, mit dem in den 1970er und 1980er Jahren entstandene akademische Konstrukte aus den Höhen des philosophischen Diskurses in die Breite der Gesellschaft durchsickerten – und nach der Weltfinanzkrise von 2008 in vielen westlichen Gesellschaften errangen, was der italienische Marxist Antonio Gramsci als „kulturelle Hegemonie“ bezeichnet hat: die Herrschaft über die öffentliche Meinung.

„Öffentliche Meinung“ sind nach der klassischen Definition von Elisabeth-Noelle Neumann „Meinungen im kontroversen Bereich, die man äußern kann, ohne sich zu isolieren.“ Im „kontroversen Bereich“ lagen in den 2010er Jahren vor allem die Themenfelder Migration und Integration, Klima und Energie sowie Geschlecht und Diversität. Und Isolation funktionierte über Sprachspiele der Ausgrenzung durch Moralisierung: Wer als „Klimaleugner“ oder „Rassist“, als „transphob“ oder „menschenfeindlich“ etikettiert wurde, war aus dem legitimen Diskurs ausgeschlossen. „Kulturelle Hegemonie“ besitzt mit der Hoheit über das Sagbare zugleich die Hoheit über das Machbare. Denn sie bestimmt den Rahmen politischer Entscheidungen jenseits parteipolitischer Trennlinien und umgrenzt damit das Handeln auch von Mitte-Rechts-Regierungen. Das galt in Deutschland für die Energiewende und die Migrationspolitik, auf europäischer Ebene für das Verbrennerverbot und die ESG-Taxonomie.

Zur politischen Inkarnation dieser postmodern-grünen Hegemonie wurde die Ampel-Regierung von 2021 – und markierte neben ihrem Höhepunkt zugleich auch ihren Kipppunkt. Das Scheitern des Heizungsgesetzes an öffentlichen Widerständen signalisierte die Grenzen des energie- und klimapolitisch Machbaren. Nach dem 7. Oktober 2023 wurde das Thema des durch Migration importierten Antisemitismus öffentlich sagbar. Und es wirkt wie ein Symbol, dass die Ampel am Tag der Wiederwahl von Donald Trumps zum US-Präsidenten scheiterte, die zur Inkarnation des vibe shifts, der neurechten Gegenrevolution der 2020er Jahre wurde.

IV. Die neurechte Gegenrevolution
Diese neurechte Gegenrevolution ist heterogener als die postmodern-grüne Revolution: in ihrer Entstehung, ihren nationalen Ausprägungen und ihren Inhalten. Die FPÖ in Österreich geht auf die unmittelbare Nachkriegszeit zurück und erfuhr mit der Wahl Jörg Haiders in den 1980er Jahren einen Schub; der Rassemblement National in Frankreich wurzelt im Front National der 1970er Jahre; die italienische Entwicklung beruht auf dem Zerfall der Democrazia Cristiana in den 1990er Jahren; die MAGA-Bewegung in den USA knüpfte an die Tea-Party-Bewegung nach 2009 an, und die AfD wurde 2013 gegründet. Die Bewegungen unterscheiden sich in ideologischen Grundsatzfragen wie der Haltung zur EU, zu Russland und zum Rechtsstaat, im Grad der Radikalität und in ihrer Kooperationsbereitschaft gegenüber der politischen Mitte. Und sie veränderten sich über die Zeit in unterschiedlichen Zyklen von Mäßigung und Radikalisierung. Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung unterscheidet daher zwischen extremistisch-autoritären, nationalistischen und gemäßigt rechtspopulistischen Parteien.

Ungeachtet ihrer Unterschiedlichkeit eint sie ihr breites Vordringen in vielen westlichen Gesellschaften in den 2010er Jahren und ein gemeinsamer inhaltlicher Kern: die Ablehnung der ideologischen Grundlagen der postmodern-grünen Hegemonie im Hinblick auf Migration, Klima und DEI; die Ablehnung aber auch einer Politik der etablierten Parteien in der politischen Mitte, die sich der grünen Hegemonie angepasst hatten. Paradigmatisch dafür stehen die Regierungen Angela Merkels mit dem Ausstieg aus der Atomkraft und der Energiewende oder der Migrationspolitik von 2015/16, die Victor Orbán als „humanitären Imperialismus“ ablehnte und in der die Nationale Sicherheitsstrategie der Regierung Trump vom November 2025 die Gefahr der „zivilisatorischen Auslöschung“ sieht.

Diese Ablehnung hat zugleich eine europäische und prozedurale Komponente. Die europäische Vergemeinschaftung von Migrationspolitik und Währung, von Green Deal, ESG und Datenpolitik führt zu einer Verrechtlichung der Politik in dem Sinne, dass sie ganze Politikfelder an Gerichte oder europäische Institutionen überstellt und damit nationalen Mehrheitsentscheidungen entzieht. Eine solche Verrechtlichung der Politik führt zu einer Politisierung des Rechts (bzw. der Administration) und einer Entdemokratisierung der Politik – und liefert denjenigen ein Argument, die sich als Vertreter der Demokratie gegen die etablierten Parteien stilisieren.

Zurück zu den Inhalten, ist die Bedeutung der Pandemie nicht zu unterschätzen. Restriktive Krisenpolitik trug in wesentlichem Maße dazu bei, dass Meinungsfreiheit zu einem rechten Thema gegen Wokeness und Establishment geworden ist – und damit eine Verkehrung der Fronten sichtbar wird: Die Macht ist nach links und die Kritik nach rechts gewandert. Zugleich sind fake news und „alternative Wahrheiten“, die objektive Fakten als Narrative des Establishments in Frage stellen, nichts anderes als die rechte Schwester des postmodernen Konstruktivismus. Und so hat es eine tiefere Logik, dass die Regierung Trump den Kulturkampf von links mit Kulturkampf von rechts beantwortet.

Zugleich richtet sich die Zollpolitik Donald Trumps gegen den Freihandel des Washington Consensus. Der Befund, dass die Globalisierung zur Deindustrialisierung geführt habe, den die USA mit Blick auf den Rust Belt längst vor Augen haben, steht Deutschland noch erst bevor, wenn spürbar wird, wie sehr Deutschland Güter nach China exportiert hat, mit deren Hilfe China nun der deutschen Industrie lebensgefährliche Konkurrenz macht. Jedenfalls finden die neurechten Bewegungen allenthalben Echo in einer Arbeiterschaft, die unter der Globalisierung leidet.

Aus alledem ergibt sich eine Stoßrichtung der neuen Rechten gegen die liberale Ordnung, die in der politischen Theorie unter dem Stichwort „Postliberalismus“ firmiert. Wenn der amerikanische Vordenker Patrick Deneen dabei „Liberalismus“ mit Wokeness gleichsetzt, dann zeichnet er ein Zerrbild des Liberalismus, das einen bürgerlichen Liberalkonservatismus ausblendet und eine Dichotomie von woker Linker und neuer Rechter aufbaut – in der das Momentum in den mittleren 2020er Jahren auf Seiten der Rechten liegt.

V. Kulturrevolution: Bürgerliche Politik und der Pendelschlag nach rechts
Die 2020er Jahre erleben einen Pendelschlag nach rechts, und die entscheidende Frage ist: kann er in der rechten Mitte abgefangen werden oder schwingt er nach Rechtsaußen durch? Die entscheidende politische Auseinandersetzung der nächsten Jahre ist daher die über die Vorherrschaft auf der rechten Seite des politischen Spektrums. Sie ist zugleich die entscheidende Herausforderung für die rechte Mitte, der Mark Leonard in einer Studie über „The New Right: Anatomy of a Political Revolution“ (European Council of Foreign Relations Policy Brief, Februar 2026) drei Leitlinien aufgezeigt hat.

Erstens darf sie die Herausforderung durch die Neue Rechte nicht ignorieren und verweigern, sondern muss sie erkennen und annehmen, und das nicht mir Verachtung und Ausgrenzung, sondern mit Offenheit und Respekt. Zweitens darf sie keine Status-quo-Politik betreiben, die das Bestehende verwaltet, sondern muss ein ambitioniertes eigenes Gegenprojekt entgegensetzen: eine offensive Politik der Veränderungen und der Reformen aus eigener Kompetenz, einschließlich einer Politik zugunsten der Globalisierungsverlierer. Das bedeutet, Themen der neuen Rechten proaktiv zu adressieren, ohne deren Positionen zu übernehmen, also keinen einfachen Sozialpopulismus zu praktizieren, sondern das urbürgerliche Konzept von „Wohlstand für alle“ als wirtschafts-, sozial- und gesellschaftspolitisches Querschnittsprojekt wiederzubeleben.

Ein solches ambitioniertes und kohärentes Gegenprojekt setzt den Wiedergewinn der Politik gegen ihre Überrechtlichung und Bürokratisierung auf europäischer und auf nationaler Ebene voraus. Es erfordert Prinzipienfestigkeit in der Richtung und Pragmatismus in den Mitteln – und zwar beides zusammen, weil jedes allein ohne das andere nicht funktioniert –, und es verlangt die Bereitschaft bürgerlicher Politik, out of the box zu denken – so wie bürgerliche Politik im 19. Jahrhundert revolutionär war, wenn sie verhieß, dass sich die Position des Einzelnen in der Gesellschaft nicht nach Stand und Herkunft, sondern nach Qualifikation, Leistung und freiem Willen richten soll.

Damit ist ein drittes Erfordernis bürgerlicher Politik angesprochen: ein eigenes Narrativ, das glaubwürdig vermittelt, warum bürgerliche Politik das bessere Leben und eine bessere Zukunft verheißen soll. Voraussetzung dafür ist ein authentisches positives Selbstbewusstsein gegenüber woker Linker und neuer Rechter, gegenüber einem Selbstbild der Gesellschaft als zerstörerisch und diskriminierend ebenso wie gegenüber dem Defaitismus der Dekadenz. Diese Gesellschaft ist nicht im Niedergang, sondern hat alle Voraussetzungen, um Freiheit, Sicherheit und Wohlstand für alle zu mehren und zur Lösung globaler Herausforderungen beizutragen: durch Wachstum, über dessen faire Verteilung bürgerliche Politik neu und unideologisch diskutieren muss; durch neue Technologien, deren Förderung und reflektierte Anwendung ein Kernanliegen bürgerlicher Politik sein muss; und durch eine Kultur von Fleiß und fairen Chancen, individueller Freiheit und Selbstverantwortung, Risikobereitschaft und Innovationskraft, die bürgerliche Politik stark machen muss.

VI. Optionen und Perspektiven
Wie aber soll bürgerliche Politik konkret mit der Herausforderung einer neuen Rechten umgehen, die stetig an Stimmen gewinnt? Grundsätzlich gibt es dafür vier Optionen.

Das erste liegt in der Festlegung auf Kooperationen mit Parteien der linken Mitte bzw. der politischen Linken und die Ausgrenzung der neuen Rechten, wie es mit der „Brandmauer“ in Deutschland geschieht. Dieser Versuch einer Quarantänisierung verweigert die Herausforderung, statt sie anzunehmen. Er führt die Union in den Teufelskreis der Abhängigkeit von linken Parteien: Sie fordert Konzessionen nach links, schwächt die Union auf der rechen Seite, macht sie damit noch abhängiger von linken Parteien, erfordert weitere Konzessionen und so geht es weiter, während sich die Wählerschaft immer stärker polarisiert. Die Hoffnung liegt darin, mit der SPD in einem „Agenda 2010-Moment“ zumindest gemäßigte Reformen umsetzen zu können; die Gefahr liegt in zentristischen Blockaden des politischen Systems.

Die zweite Option liegt in Kooperationen bürgerlicher Parteien mit der politischen Rechten. Politikwissenschaftliche Theorien behaupten oft, dies bedeute eine Anpassung und führe in den Untergang bürgerlicher Parteien. Die politische Realität fällt freilich differenzierter aus; die Niederlande, Finnland oder Spanien halten ganz unterschiedliche Formen und Erfahrungen bereit, und in Österreich hat die ÖVP die Erfahrung gemacht, die FPÖ durch Ausgrenzung zu stärken und durch Einbindung zu schwächen.

Damit zeichnet sich ein drittes Szenario wie in Schweden, Finnland oder Spanien ab: die Positionierung bürgerlicher Parteien als Zentralmacht im politischen System, die unter der Maßgabe roter Linien zu Minderheitsregierungen und zu Kooperationen nach links und rechts bereit sind. So zwingen sie neurechte Parteien, sich zwischen Radikalisierung oder Mäßigung zu entscheiden, leisten einen Beitrag zur Integrationskraft des politischen Systems und gewinnen zugleich strategische Handlungsspielräume, während verfestigte Blockaden sich eruptiv aufzulösen drohen.

Denn auch dieses vierte Szenario ist denkbar: Implosionen, Spaltungen, Neugründungen oder Neuformierungen in der rechten Mitte, wie es Italien mit dem Zerfall der Democrazia Cristiana oder die USA mit der Tea Party und der MAGA-Bewegung erlebt haben. Eine Ewigkeitsgarantie hat in Politik und Geschichte niemand, auch keine noch so verdiente Regierungspartei.

Ganz unterschiedliche nationale Konstellationen und Entwicklungen zeigen an: Es gibt es kein Patentrezept für den Umgang der rechten Mitte mit neurechten Parteien. Aber es gibt objektive Reform- und Veränderungsnotwendigkeiten in Europa. Und die erfordern von bürgerlicher Politik authentisches Selbstbewusstsein und strategisches Denken, intellektuelle Ambition und die Bereitschaft, unorthodox zu denken, und: Mut zum Risiko. Denn Politik ist, wie Helmut Schmidt formulierte, „immer auch ein Kampfsport“. Oder um es mit Otto von Bismarck zu formulieren: „Soll Revolution sein, so wollen wir sie lieber machen als erleiden.“

Author

  • Andreas Rödder

    Andreas Rödder ist Leiter der Denkfabrik R21 und Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er war Fellow am Historischen Kolleg in München sowie Gastprofessor an der Brandeis University bei Boston, Mass., und an der London School of Economics. Rödder hat sechs Monographien publiziert, darunter „21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ (2015) und „Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems“ (2018), sowie die politische Streitschrift „Konservativ 21.0. Eine Agenda für Deutschland“ (2019). Andreas Rödder nimmt als Talkshowgast, Interviewpartner und Autor regelmäßig in nationalen und internationalen Medien zu gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung; er ist Mitglied im Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung und Präsident der Stresemann-Gesellschaft.

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Andreas Rödder

Andreas Rödder ist Leiter der Denkfabrik R21 und Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er war Fellow am Historischen Kolleg in München sowie Gastprofessor an der Brandeis University bei Boston, Mass., und an der London School of Economics. Rödder hat sechs Monographien publiziert, darunter „21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ (2015) und „Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems“ (2018), sowie die politische Streitschrift „Konservativ 21.0. Eine Agenda für Deutschland“ (2019). Andreas Rödder nimmt als Talkshowgast, Interviewpartner und Autor regelmäßig in nationalen und internationalen Medien zu gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung; er ist Mitglied im Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung und Präsident der Stresemann-Gesellschaft.

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