Guten Morgen, liebe Sarah, wie geht es Amerika?
Schwitzt. Ansonsten ok-ish. Das Land wurde 250 Jahre alt, anscheinend gab es in Washington das grösste Feuerwerk der Welt, auf dem Land Traktorshows und überall Paraden. Es war der heisseste 4th of July in der Geschichte der Staaten. Joe Biden hat für November per Video seine Memoiren angekündigt, «Promise me, America», er wirkt noch zerbrechlicher und älter. Taylor Swift hat in Manhattan geheiratet, im Madison Square Garden, dem Sportstadion oberhalb der Penn Station.
Ich und würde heute gerne mit den Demokraten beginnen, über die Kandidatenfrage sprechen, das Typ des Bad Ass Politician, wie er in den USA genannt wird.
Schön. In den USA hat man schon länger begriffen, dass die Zeit der glanzlosen Politiker dessen, was man in Deutschland immer noch «Mitte» nennt, vorbei ist. Die Menschen leben, denken, wählen an den Rändern, bzw. den Polen, und das nicht mehr nur alle vier Jahre, sondern auf Sozialen Medien im wütenden Dauerzustand, mit der Politik als Dauersendung. Die Polarisierung ist nicht nur Bestandteil der Politik, die Politik wird von der Polarisierung mitgerissen. Das politische Überleben erscheint ohne Polarisierungsstrategien unmöglich, und es braucht die passenden Kandidaten für diese Stimmung, hier in den USA auch als Gegenpol zum «alten» Populisten-Trump. Der neueste Trend insbesondere bei den Demokraten sind Bad Ass Politiker: junge Wilde, Authentische, die das Establishment verachten, die nicht auf der Ivy waren, sondern Soldaten, die als Handwerker oder Fischer arbeiten und nicht als Banker, die Krankenversicherung für alle wollen, und ohne die empathielose Uneinsichtigkeit und Unfähigkeit zur Selbstkritik, die Trump und viele MAGA-Politiker verkörpern.
Das geht aber nicht immer gut. Stichwort Graham Platner, der in Maine die republikanische Senatorin Susan Collins herausfordern sollte, die schon seit 1997 im Amt ist.
Ja. An Graham Platner zeigt sich das Kandidatenproblem der Demokraten, aber dazu gleich noch. Der Fall ist interessant, sachte tragisch. Platner, jung, wüst aussehend, war der demokratische Kandidat für den US-Senat in Maine und etwa ein Jahr lang so etwas wie der Star der progressiven Bewegung innerhalb der demokratischen Partei, die ja auf eine Weise von Bernie Sanders angeführt wird und – bis auf den New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani, ebenfalls von Sanders unterstützt –, bisher fast nur von jungen Politikerinnen exekutiert wurde: Alexandria Ocasio-Cortez, Ilhan Omar, Rashida Tlaib,– die sogenannte «Squad».
Es sind alles Women of color.
Richtig, mit limitierter politischer Reichweite, die drei Frauen sind weniger beliebt als bekannt, ihre Insistenz auf Identitätspolitik steht einer nachhaltigen Karriere auf nationaler Ebene im Weg. Was aber könnte klappen, hat man sich also gefragt? Was könnte Antwort auf Charlie Kirk, auf JD Vance etc. sein? Aha, eine andere Form von Rebellenpolitiker, mit Projektionspotential für die Anliegen derer, die Existenzschwierigkeiten haben – was viele, viele Menschen hier sind –, die MAGA aber ablehnen: Ah, hat man sich weiter gedacht, wir bräuchten einen weißen, eher jungen Typen vom Land, bodenständig, vielleicht noch mit irgendwelchen krassen Erfahrungen, wie Krieg und Versehrung, der sich nach Phasen der Traumabekämpfung ein neues, ehrliches Leben aufgebaut hat und die Anliegen der Bevölkerung kraft Lebenserfahrung intuitiv begreift, … hmmm, lass mal überlegen … wir nehmen einen Austernfischer, wir nehmen Graham Platner!
Austernfischer?
Yep. Was ja egal ist. Bis dato war Platner relativ unbekannt gewesen, wurde erst im Sommer 2025 von Headhuntern der Demokraten ausgegraben und hochgepimped. Irgendwie ist man auf ihn gestossen, weil er als Aktivist vor Ort auftrat, gegen die Ansiedlung von norwegischem Lachs in amerikanischen Gewässern protestierte. Früher war er beim US-Marine Corps und dann als Soldat in Afghanistan und dem Irak, leidet an posttraumatischem Stress, trinkt viel – so kam später raus. Er ist tätowiert, bärtig, trägt Flanellhemd – und postete Selfie-Videos für seine «Fanbase»: rustikal, direkte Sprache, intim und improvisiert, wirkt ehrlich und wetterte gegen das Establishment, gegen den Faschismus und gegen «big corporations». Was politische Inhalte angeht, war das vorhersehbar und voller Platitüden – zum Beispiel «Israels Genozid in Gaza» oder «Megareiche besteuern». Aber die Leute mochten ihn, trotz oder wegen Sätzen wie «My politics are deeply antifascist and anti-authoritarian and rooted in building power for working people».
Aber die Kampagne war von Anfang an problematisch.
Weil die Demokraten so versessen auf das Bild waren, das er verkörpern sollte, dass sie ihn nicht richtig ge-vetted haben, sie haben nur einen oberflächlichen Background-Check vorgenommen. Das was er sein sollte, war er wirklich, nur schlimmer als angenommen. Nach und nach kam raus: Vor Jahren hatte Platner auf Reddit im Zusammenhang mit seiner Zeit in der Army homophobe und frauenfeindliche Kommentare gepostet; dann hat er sich irgendwann mal betrunken in Kroatien tätowieren lassen, einen Totenkopf, der dem Totenkopf-Motiv der SS sehr ähnlich sieht – ich glaube ihm, wenn er sagt, er habe von der Symbolik zunächst nichts gewusst. Irgendwann aber schon, zumindest gab das eine Exfreundin von ihm an die Presse weiter. Dann meldeten sich Frauen, die sagten, er habe ein Frauenproblem, trinke nicht nur viel, sondern werde betrunken schnell handgreiflich. Und so fort. Jedes Mal konnte Platner noch ausweichen, erklären, sich entschuldigen, er sei heute ein neuer, anderer, besserer Mensch, verheiratet und so fort. Dann kam raus, er sextet anderen Frauen, auch das redete er weg.
Und dann beschuldigte ihn eine Frau der Vergewaltigung im Jahr 2021, in einem grossen Interview mit Politico.
Richtig. Das war das Ende, die Demokraten liessen Platner fallen, er beendete seinen Wahlkampf. In einem elfminütigen Video klagte er das politische Establishment an, grössere Mächte hätten ihn benutzt, fallen gelassen, er habe immer nur ein einfacher Mann sein gewollt. Was für die progressive Bewegung erst Triumph war, wurde zur politischen Krise und zur Debatte: funktioniert der Typ Bad Ass Kandidat überhaupt?
Und was denkst Du?
Einerseits sind Amerikaner empfänglicher für alternative, unkonventionelle Ästhetiken in öffentlichen Ämtern geworden. In Colorado kandidiert die 27-jährige Kelly Dennison für die Republikaner, sie wird Goth Baddie genannt, auf ihrer Kampagnen-Website kann man T-Shirts mit wilden Logos kaufen; in Nebraska der von den Demokraten unterstütze unabhängige Kandidat Dan Osborn, Arbeiterklasse, Veteran der Navy, jung, rough, und so fort. Der Bad Ass funktioniert sicherlich irgendwie; das Problem ist eher das übertriebene Kandidatenengineering. Verkauft werden nicht wirkliche, handfeste politische Inhalte, oder klare, verlässliche Ansagen, sondern Visionen einer Person, Charakterprojektionen, die Kandidaten stehen für viel zu viel außerhalb ihrer Selbst und kollabieren dann, wenn man so will, das Bild faltet sich ein.
Du meinst, sie können nicht erfüllen …
… was ihnen als Projektion auferlegt wird, oder was sie sich selbst auferlegen. Kamala Harris war eine erfolgreiche, harte, zeitweise die Todesstrafende fordernde Generalstaatsanwältin von Kalifornien, wurde Vizepräsidentin, auch noch der/die unbeliebteste aller Zeiten, musste dann für Biden als Präsidentschaftkandidatin einspringen und mit ihrer indisch-jamaikanischen Hintergrund sowas wie das feministische Polit-Gesicht der Black-Lives-Matter-Bewegung werden – and failed. Platner war der erste linke weiße Wilde der Demokraten, sogar mit Aussicht, bei der nächsten Wahl demokratischer Präsidentschaftskandidat zu werden. In Texas hat Talarico im Februar die Primaries für die Midterms gewonnen, über den wir schon sprachen. Was ihn verwegen und anders macht, ist seine einwanderungsaffirmierende und extreme Religiösität, als inklusives Gegenbild zu Vance. Ihr glaube aber auch hier: das ist und wird vielen Wählern zu extrem, funktioniert höchstens auf bundesstaatlicher, nicht aber auf nationaler Ebene.
Hat alles etwas von Castingcouch, oder?
Aber Politik ist nicht Hollywood. Aufgrund bestimmter Qualitäten ausgesucht werden, ein Bild wird erschaffen, eine Vision, die über allen politischen Inhalten steht, eventuell dann fallengelassen werden, sollte es nicht klappen – so funktioniert Politik nicht. Die Demokraten haben solche Angst vor dem Bild des normalen älteren oder mittelalten weißen Mannes, der aber durchaus gute Politik machen könnte, dass sie – was neue Polit-Talente oder Spitzenkandidaten angeht – um dieses Angstbild herum pseudo-ideale Verzerrungen entwerfen, die nur scheitern können.
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Sarah Pines ist im Sauerland und in Bonn aufgewachsen, hat Literaturwissenschaft in Köln und an der Stanford University studiert und wurde in Düsseldorf mit einer Arbeit über Baudelaire promoviert. Sie schreibt für die Kulturressorts der ›Zeit‹, der ›Welt‹ und der ›NZZ‹. Pines lebt als freie Autorin in New York. 2020 veröffentlichte sie die Kurzgeschichtensammlung ›Damenbart‹; im August 2024 erscheint ihr erster Roman ›Der Drahtzieher‹.
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