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Midterms, KI-Rechenzentren, Europa und Country – die USA im September

Liebe Sarah, in den USA nahen die Midterms; sie gelten als eine Art Abstimmung der Amerikaner über den regierenden Präsidenten. Die Trump-Regierung muss die Mehrheit im Senat und Kongress halten, die Demokraten versuchen, die Mehrheit zu gewinnen. Der Polit-Analyst Charlie Cook prophezeit, für die Republikaner würden die Midterms entweder, schlecht, sehr schlecht oder furchtbar ausgehen.

Wir werden sehen. Ich erwarte auf Seiten der Regierung zweierlei. Erstens: Sie wird – das sagte ich bei unserem letzten Gespräch schon – die Benzinpreise nicht zu lange vor den Midterms senken. Zweitens wird sie Europa weiter direkt oder indirekt schlechtreden müssen, um die eigene Politik zu rechtfertigen. Was die Senkung der Benzinpreise angeht, wäre das geeignete Narrativ dazu das Ölabkommen mit Venezuela. Am 30. August postete Trump vom “grössten Ölabkommen der Weltgeschichte”. Die Regierung, Trump weiter, habe über 65 Milliarden barrels Ölreserven gesichert, „ohne Kosten für den amerikanischen Steuerzahler. Diese historische Transaktion VERDOPPELT DIE AMERIKANISCHEN ÖLRESERVEN, erhöht unsere Ölversorgung erheblich und wird die Benzinpreise für alle Amerikaner auf lange Sicht deutlich senken (…).”

Und was hat das mit Europa zu tun?

Ein paar Tage nach dem Ölabkommen mit Venezuela gab der US-Finanzminister Scott Bessent in einem Interview mit Fox News der Ukraine die Schuld an der globalen Energiekrise – das war eine Retourkutsche für die Kritik europäischer Finanzminister am Krieg der USA mit Iran bei einem Finanzministergipfel in Nashville Anfang September – und wer, so die Implikation von Bessent, ist damit ebenso Schuld an der Energiekrise? Deutschland, Frankreich, all die EU-Länder, die die Ukraine weiter unterstützen. Hier ist es wichtig, dass Bessent bei Fox News auftrat.

Warum?

Bessent weiß, dass die einzige Art für die Regierung politisch zu überleben, ein Sieg bei den Midterms ist, egal wie knapp dieser ausfallen wird. Um die Basis von der bisherigen Politik, insbesondere der Außenpolitik trotz Energiekrise zu überzeugen, stützt sich die Regierung auf ein einfaches Narrativ, das zudem anti-europäisches Sentiment verbreitet und das ein regierungsnaher Sender wie Fox News bereitwillig aufgreift: die Ukraine will der EU und der NATO beitreten und das zieht uns, die Amerikaner in einen Krieg mit Russland und der NATO. Und das, so das Narrativ weiter, sollten die USA den amerikanischen Bürgern und Steuerzahlern nicht antun. Dieses von Fox News aufgegriffene Narrativ erreicht einen großen Teil der amerikanischen Bevölkerung – knapp vierzig Prozent –, die übrigens meist auch nicht viel von internationaler Politik verstehen, aber das gilt für beide Seiten des politischen Spektrums.

Und was ist dann die von Fox News verbreitete Botschaft der wie auch immer gearteten Einflussnahme über Venezuela?

Gut, dass wir dort die Kontrolle haben. Das muss so sein, weil Venezuela Öl illegal an China verkauft hatte und China nicht stärker werden darf als wir. Und wenn wir nun das venezolanische Öl haben und nicht China, macht uns das stärker als China und erlaubt uns auch, Druck auf den Iran auszuüben. Nochmal: Egal, was man von Fox News denkt, es ist ein führender, einflussreicher Sender und erreicht in den USA einen Bevölkerungsteil, der nicht genug von der Welt außerhalb der USA versteht um dieses Narrativ anzuzweifeln.

Fox bietet eine konsistente Erzählung.

Sie können alles, was in der Welt geschieht, in eine übergreifende Erzählung umwandeln, maßgeschneidert für die durchschnittlichsten aller Amerikaner und leichter zu begreifen, als die Erzählungen der Opposition. Das ist weiterhin die große Kunst der derzeitigen Regierung: das schlichte Narrativ, auch wenn es ein falsches ist. Die Botschaft, die hier gerade über allem steht: Die drei großen Player der Weltpolitik sind Russland, China und die USA; diese befinden sich in einem Wettkampf der Beherrschung der Hemisphären.

Und die USA schauen nicht länger auf Europa.

Die USA behandeln Europa nicht sehr gut, und das Interesse der USA an Europa war immer von Eigennutz geprägt. Nun haben die USA kein Interesse mehr an Europa. Europa hingegen profitierte lange von amerikanischer Außenpolitik, das ist nun vorbei.

Wenn du die USA wärest …

… dann würde ich sagen, es gibt nicht viel, was Europa mir bieten kann. Europa ist teuer. Es ist mir auch egal, ob Russland Land von Europa, beziehungsweise von osteuropäischen Staaten abzwackt.

Und auf wen würdest du blicken?

Tja, wer ist für die USA im Zeitalter kreativer KI interessant? Wer könnte die dringend benötigten Rechenzentren bereitstellen, um China zu überholen? Saudi-Arabien. Weil das Land alle Solarenergie der Welt hat, die niemals versiegen wird und Saudi-Arabien weiß, dass seine Ölquellen irgendwann einmal versiegt sein werden. Dasselbe gilt für die Emirate. Und sowohl Saudi-Arabien als auch die Emirate würden gerne geopolitisches Zentrum kreativer KI sein, übernehmen die Rolle, die Europa früher für die Vereinigten Staaten gespielt hat. Erst vor ein paar Tagen verkündeten die USA und Saudi-Arabien ein Rechenzentrums-Abkommen. Europa kann hier nicht mithalten und sollte die Rolle des beleidigt-enttäuschten Nachkriegsfreundes, der hofft, dass alles wieder besser wird, wenn Trump nicht mehr Präsident ist, verlassen. Anstatt beleidigt dazustehen, sollte man sich hiermit befassen: die Zukunft liegt bei KI Rechenzentren.

Was sonst geht dir durch den Kopf? Vielleicht was Popkulturelles?

Cowboyästhetik und Country Music als Austragungsort des Kulturkampfes. Vor ein paar Tagen war ich im West Village und bin an einem relativ neuen Geschäft vorbeigekommen: Ranger Station. Sie verkaufen in Nashville, Geburtsort der Country Music, hergestellte, ziemlich edle Parfums für Damen und Herren, manche sind unisex. Alle Düfte haben Wild West Namen: «Speak Easy», «Lady Luck», «High Horse», «Cowboy». Plötzlich gibt es Cowboysachen als schickes Konsumobjekt für Progressive, bereits 2024 hatte Beyonce das Album Cowboy Carter herausgegeben und die verstaubte Ästhetik der Country-Musik diversifiziert.

In den USA ist die Country-Ästhetik immer irgendwie beliebt gewesen.

Country Music ist so etwas wie der Soundtrack des Landes, aber der Cowboy ist ein Phantasma, kein amerikanischer Gott – anders als es der Literaturwissenschaftler Karl-Heinz Bohrer über Jazz, Kaugummi – zumindest damals – und Pop schrieb. Die amerikanischen Götter überbrachten nach 1945 eine neue Lebensweise der Nähe, die bis heute wirkt.

Lass mich kurz zitieren: „Als die amerikanischen Götter nach 45 aus dem Meer stiegen, die Kaugummi lutschten und diese wunderbare neue Musik spielten, haben wir zum ersten Mal einen Schritt in die Säkularisation getan“, schrieb Bohrer in dem Sammelband „Die Amerikanischen Götter“.

Die Ankunft des amerikanischen way of life – Musik, Lässigkeit – befreite die Nachkriegsgeneration von dem Staub schwermütiger Tradition.

Und der Cowboy?

Der Cowboy – erinnerst du dich an den Marlboro-Mann? –, der Cowboy also überbrachte eine Ästhetik der Distanz, der Isolation, war Archetyp der melancholischen Freiheit des Einzelnen, ein Außenseiter mit Stil, kein Gott, sondern ein Heide, ein Reitsportyp mit riesigen Steigbügeln und dreckigen Schuhen. Der Cowboy ist nach wie vor Hauptfigur der Country-Musik, diese liefert die Emotionen zum Cowboy-Mythos, nutzt den Cowboy und seine visuellen Stilmittel – für den Countrysänger Gürtelschnalle, Stiefel, Hut, für die Countrysängerin Hotpants, Stiefel, Glitzerhalstuch – genau wie die europäische Nachkriegskultur, als kulturphilosophischen Ritus. nur anders, neuer.

Was hat das mit Country-Musik heute zu tun?

Wie gesagt, Country Music und die Cowboy-Ästhetik ist umstrittenes Terrain. Wem gehört das amerikanischste aller Musikgenres, rechts oder links, oder vielleicht doch allen? Das ist sehr interessant. Die 27-jährige Countrysängerin Ella Langley – weiss, konservativ – ist meistgehörteste Sängerin des Landes, noch vor Ariana Grande.

Heute ist Country also eine Angelegenheit der Generation Z?

Insbesondere junge Frauen wie Ella Langley, Avery Anna, Megan Moroney, Lainey Wilson machen Country, sind Hybrid aus traditioneller Landmusiknudel und Selfie-süchtiger Gen-Z. Sie singen von Cowboyliebe, Ehe, Gott und Vaterland und die USA singen mit; ein Land, zwischen Verprovinzialisierung und Aufbruch.

Author

  • Sarah Pines

    Sarah Pines ist im Sauerland und in Bonn aufgewachsen, hat Literaturwissenschaft in Köln und an der Stanford University studiert und wurde in Düsseldorf mit einer Arbeit über Baudelaire promoviert. Sie schreibt für die Kulturressorts der ›Zeit‹, der ›Welt‹ und der ›NZZ‹. Pines lebt als freie Autorin in New York. 2020 veröffentlichte sie die Kurzgeschichtensammlung ›Damenbart‹; im August 2024 erscheint ihr erster Roman ›Der Drahtzieher‹.

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Sarah Pines

Sarah Pines ist im Sauerland und in Bonn aufgewachsen, hat Literaturwissenschaft in Köln und an der Stanford University studiert und wurde in Düsseldorf mit einer Arbeit über Baudelaire promoviert. Sie schreibt für die Kulturressorts der ›Zeit‹, der ›Welt‹ und der ›NZZ‹. Pines lebt als freie Autorin in New York. 2020 veröffentlichte sie die Kurzgeschichtensammlung ›Damenbart‹; im August 2024 erscheint ihr erster Roman ›Der Drahtzieher‹.

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