Jan Böhmermann und Julian Reichelt stehen für gegensätzliche Pole der deutschen Medienöffentlichkeit. Hier der Satiriker im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dort der konservative Publizist und Vertreter einer medialen Gegenöffentlichkeit. Doch so unterschiedlich ihre politische und institutionelle Verortung ist, so ähnlich sind die kommunikativen Mittel, mit denen beide arbeiten: Personalisierung, Zuspitzung, Emotionalisierung und die Verdichtung komplexer politischer Konflikte auf einzelne Personen.
Zwei Fälle, ähnliche Dramaturgie
Die neue R21-Analyse „Gleiche Methoden, unterschiedliche Legitimation?“ untersucht diese Parallelen anhand zweier Fälle: Jan Böhmermanns Berichterstattung über den damaligen BSI-Präsidenten Arne Schönbohm und Julian Reichelts Beiträge über die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf. In beiden Fällen wurde eine einzelne Person zur Symbolfigur eines größeren politischen oder institutionellen Konflikts. Zugleich wurden beide Formen der Berichterstattung gesellschaftlich sehr unterschiedlich bewertet.
Die Analyse fragt deshalb weniger danach, wer politisch „recht“ hat, sondern wodurch publizistische Kritik demokratische Legitimität gewinnt – und wodurch sie diese verliert. Dabei werden drei Dimensionen betrachtet: die Rolle, aus der heraus Böhmermann und Reichelt sprechen, die Stoßrichtung ihrer Kritik und die Öffentlichkeiten, in denen ihre Beiträge Wirkung entfalten.
Institutioneller Schutzraum vs. Gegenöffentlichkeit
Ein zentraler Befund: Die unterschiedliche Bewertung beider Akteure lässt sich nur begrenzt durch ihre kommunikativen Methoden erklären. Böhmermann agiert innerhalb einer etablierten öffentlich-rechtlichen Institution und übt seine Kritik überwiegend systemimmanent. Reichelt positioniert sich dagegen bewusst als Akteur einer Gegenöffentlichkeit und richtet seine Kritik stärker gegen bestehende Macht-, Repräsentations- und Deutungsstrukturen. Diese unterschiedliche institutionelle Position prägt wesentlich, welche Legitimität ihrer Kritik zugeschrieben wird.
Gleiche Maßstäbe für publizistische Kritik
Damit berührt der Vergleich eine grundsätzliche Frage pluralistischer Öffentlichkeit: Gelten für vergleichbare Formen zugespitzter politischer Kommunikation auch vergleichbare Maßstäbe? Kritik an Personalisierung, Diffamierung oder kampagnenförmiger Berichterstattung ist notwendig. Sie sollte jedoch unabhängig davon erfolgen, ob sie aus einer etablierten Institution oder aus einer Gegenöffentlichkeit stammt. Denn demokratische Öffentlichkeit lebt nicht nur von Konsens und institutioneller Anschlussfähigkeit, sondern ebenso von Widerspruch, Konkurrenz und dem offenen Austrag gesellschaftlicher Konflikte.
Die vollständige Analyse finden Sie hier.
Gefördert durch das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Author
-
Alle Beiträge ansehenAlice Klinkhammer ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin und leitet die R-21-Initiative für Medien, Öffentlichkeit und Meinungsfreiheit. Ihre Analysen finden Sie hier.





