Wir stehen kurz vor faschistischen Verhältnissen – das ist der Eindruck, den Peter Frey zur Debatte um Daniel Günther in einem Meinungsbeitrag der DLF-Sendung „Medias Res“ vermittelt. Ja, denkt der geneigte Hörer, denn wenn Staatsmänner von „Zensur“ reden, dann ist das der Wegbereiter für Unfreiheit und Faschismus. Das Erstaunliche: Der ehemalige ZDF-Chefredakteur sieht das Problem nicht bei Günthers überraschendem Auftritt in seinem Heimatsender. Im Gegenteil: Er sieht es beim Medienportal Nius. Dessen Abwehrreaktion gegen Günthers Kampfansage bezeichnet Frey als „Einschüchterung“ gegen einen „freidenkenden Konservativen“ (womit er wirklich Günther meint?). Frey plädiert überdies für eine Debatte um Qualitätsstandards im Journalismus. Und legt dabei ein merkwürdiges Verständnis von Freiheit zugrunde:
„Freiheit ohne Grenzen, Freiheit ohne Verantwortung macht den Weg frei für Ausgrenzung und Hetze. So war es in der Nazizeit und so ist die Gefahr jetzt.“ (Peter Frey, ehem. ZDF-Chefredakteur)
Was er mit „Freiheit“ und „Nazizeit“ meint, bleibt (wie manches von dem, was er sagt oder meint) unklar. Wichtiger: Das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Verantwortung ist keines, das Medien von sich aus auflösen müssen. Essenzieller Bestandteil der Pressefreiheit ist, dass Medien nicht nur frei sind in ihren Ansichten, sondern auch frei in der Wahl ihrer Stilmittel. Die Pressefreiheit schützt die spitze Feder des gehobenen Feuilletons genauso wie klobige Boulevard-Schlagzeilen auf Bildmontagen, solange sie sich innerhalb rechtlicher Grenzen bewegen. Es ist genau diese an Stil und Perspektiven facettenreiche Medienlandschaft, die den mündigen Bürger in die Lage versetzt, sein eigenes Urteil zu bilden. Die Causa Günther daher als „Testfall für Qualitätsjournalismus“ zu stilisieren, wie Frey es tut, impliziert eine gewollte Gleichförmigkeit stilistisch-medialer Berichterstattung, die nationalsozialistischen Verhältnissen eher nah als fernsteht – wenn man den Vergleich schon bemühen will.
Qualitätsjournalismus ist eine noble und unentbehrliche Funktion im demokratischen System, aber sie hat keinen Anspruch auf Exklusivität, denn das wäre unfrei. Fest steht: Wer als Staatsmann in einer Talkshow auftritt und Zensur bejaht, egal in welchem Kontext, ist töricht. Und wer ein freies Medium als „Feinde der Demokratie“ oder bevormundend als „unsere Gegner“ bezeichnet, der äußert eine undemokratische Feindmarkierung. Der scharfe, wenn auch polemische Widerspruch dagegen ist das agile Lebenszeichen eines demokratischen Mediensystems und einer kritischen Öffentlichkeit – nicht der Abgesang darauf.
Den Originalbeitrag von Peter Frey finden Sie hier.
Author
-
Alice Klinkhammer ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin und leitet die R-21-Initiative für Medien, Öffentlichkeit und Meinungsfreiheit. Ihre Analysen finden Sie hier.
Alle Beiträge ansehen





