Deutsche Schulen setzen immer noch auf „Tablet-Klassen“ – ein Irrweg, schreibt Kristina Schröder in ihrer aktuellen Kolumne in der „Welt“. Andere europäische Länder hätten längst umgesteuert.
„Schulen digitalisieren!“, lautete lange Zeit der Konsens in der deutschen Bildungspolitik. Schulbuch und Kreidetafel galten als Belege deutscher Rückständigkeit. Doch inzwischen haben andere europäische Länder die Fokussierung auf digitale Medien als Irrweg erkannt und steuern um, schreibt die stellvertretende Leiterin der Denkfabrik R21: „Schweden beispielsweise hat kürzlich die seit 2017 forsch betriebene Digitalisierung der Schulen gestoppt und ein Budget von 60 Millionen Euro bewilligt, um wieder Schulbücher anzuschaffen.“ Die Umstellung auf Bildschirme sei ein Experiment gewesen, das sich als Fehler erwiesen habe, so die liberale schwedische Bildungsministerin Lotta Edholm.
Kognitionswissenschaftliche Studien seien ziemlich eindeutig, so Schröder: Der Mensch geht mit Texten auf einem Screen anders um als mit solchen auf Papier. So konnte zum Beispiel der spanische Psychologe Pablo Delgado zeigen, dass Schüler Texte deutlich schlechter durchdringen, wenn sie sie in elektronischen Medien lesen.
„Ich fürchte ja, dass das noch nicht alles ist“, schreibt Kristina Schröder in ihrer Kolumne: „Das Bildschirm-Lesen führt dazu, dass man sich das Lesen längerer anspruchsvollerer Texte komplett abgewöhnt. Der Teaser hat doch schon weitgehend alles verraten, zur Not hilft auch eine KI-Zusammenfassung.“ Kinder und Jugendlichen seien gerade im Begriff, sich eine grundlegende Kulturtechnik gar nicht mehr anzueignen.
„Wer mit Hochschullehrern spricht, ahnt, was wir da gerade an intellektuellen Fähigkeiten verlieren“, so stellvertretende R21-Leiterin. Selbst in geisteswissenschaftlichen Fächern hätten es die meisten inzwischen aufgegeben, von ihren Studenten die Lektüre grundlegender Texte ihres Fachs zu verlangen. Die „kognitive Geduld“, so nennt es die amerikanische Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf, scheint auch bei vielen angehenden Akademikern schlicht nicht mehr vorhanden zu sein.
Natürlich sei es sinnvoll, die Vorteile mancher digitaler Anwendungen zu nutzen, schreibt Schröder: „Eine Vokabel-Lern-App, die gezielt immer wieder die Vokabeln abfragt, mit denen der Schüler Probleme hat, und auch direkt die Aussprache dazu liefert, kann eindeutig mehr als ein Vokabelheft.“ Und ab der Mittelstufe sei es sicher sinnvoll, die Schüler zu ihren Referaten auch eine Präsentation anfertigen zu lassen. Aber in all diesen Fällen sei Digitalisierung kein Inhalt von Bildung, sondern ein Instrument. „Um zu wissen, wie man Apps herunterlädt oder Grafiken anfertigt, brauchen die Schüler sicher keine Lehrer, eher umgekehrt“, so Schröder. „Und betont jugendlich auftretende Lehrer, die beifallheischend in ihren Online-Kanälen erklären, Social Media müsse Thema im Unterricht werden, kann ich nicht wirklich ernst nehmen.“
Schulen müssten sich auf „Ankerwissen“ konzentrieren, so Schröder – Kenntnisse also, die den Schüler lebenslang befähigen, neues Wissen sinnvoll einzuordnen: „Nur wer die grundlegenden Gedanken der Aufklärung einmal erfasst, möglichst ein paar zentrale Quellen im Original gelesen hat, wird in der Lage sein, in neuen Ideologien antiaufklärerische Argumentationen zu erkennen. Nur wer nachvollzogen hat, wie in der Weimarer Republik eine Demokratie von innen ausgehöhlt wurde, wird heute Ähnliches rechtzeitig erkennen können. Und nur wer einmal Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung verstanden hat, wird Aussagen über Häufigkeiten oder Risiken adäquat einordnen können.“
Bei der Vermittlung dieses Ankerwissens könnten digitale Anwendungen hier und da von Vorteil sein, meint die R21-Gründerin – „Aber der notwendigen Fähigkeit und Bereitschaft, sich auf komplexe Texte und Gedanken, auch aus anderen Epochen und Kulturkreisen, wirklich einzulassen, steht eine stark digitalisierte Form des Lernens eher im Weg.“
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Kristina Schröder ist stellvertretende Leiterin der Denkfabrik R21 und arbeitet als selbständige Unternehmensberaterin, Publizistin und Kolumnistin bei der Tageszeitung WELT. Von 2002 bis 2017 war die Christdemokratin Mitglied des Deutschen Bundestages. Neben ihrem Mandat schrieb sie ihre Dissertation bei dem Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter zum Unterschied zwischen Gleichheit und Gerechtigkeit. Von 2009 bis 2013 war sie Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. „Danke, emanzipiert sind wir selber. Abschied vom Diktat der Rollenbilder“ lautete der Titel ihrer 2012 erschienenen Streitschrift, in der sie für eine Politik der Wahlfreiheit und des Respekt des Staates gegenüber privaten Lebensentwürfen von Frauen und Familien plädiert. Im September 2021 veröffentlichte Kristina Schröder die Essaysammlung "FreiSinnig. Politische Notizen zur Lage der Zukunft". Schröder engagiert sich ehrenamtlich in der schulischen Elternarbeit und als Botschafterin der Initiative Neue soziale Marktwirtschaft.
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