Der Industriestandort Deutschland steht vor immensen Herausforderungen. Er soll in den geopolitischen Verwerfungen des 21. Jahrhunderts bestehen. Strategische Industrien (Chemie, Stahl, Pharmazie) sollen im Land prosperieren oder neu entstehen (KI, Robotik, Rüstung). Gleichzeitig will Deutschland angesichts des fortschreitenden Klimawandels eine CO2-arme Energieversorgung aufbauen, die primär auf Elektrifizierung beruht. Da aber unsere Stromversorgung größtenteils auf wetterabhängigen Erneuerbaren beruht, sind immense Kosten zu deren Absicherung, aber auch für den von den Erneuerbaren getriebenen Netzausbau zu erwarten.
Daher wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob ein Wiedereinstieg in die Kernenergie eine geeignete Strategie wäre, diesen Herausforderungen begegnen. Doch leider wird diese Debatte in Deutschland polarisiert und polemisch geführt. Gesichertes Wissen ist rar.
Dieses Wissensdefizit will unser Diskussionspapier angehen: Können die abgeschalteten deutschen Kernkraftwerke reaktiviert werden? Sind die vieldiskutierten neuen Reaktortypen nur ein Hype, oder machen sie wirklich einen Unterschied zur herkömmlichen Kerntechnik? Welche Anlagen könnten aktuell gebaut werden? Welche Sicherheitseigenschaften haben sie? Wieviel kostet das? Sind Kernkraftwerke mit Erneuerbaren kombinierbar? Wie übersteht ein Kernkraftwerk Dürreperioden mit niedrigen Flusswasserständen?
Diese Fragen adressiert das Diskussionspapier von R21. Die Autorin PD Dr. Anna Veronika Wendland ist Mitglied des Expertenrates für Klima- und Energiepolitik und ausgewiesene Kernenergieexpertin. Sie führt gut lesbar in den Stand der Forschung ein und kombiniert dies mit einem kritischen Blick auf das Verhalten der Akteure in der Atomdebatte. Sie plädiert für ein erneuerbar-nukleares Stromsystem, das die Systemkosten der Energiewende deutlich senken könnte, und sie gibt Empfehlungen, wie die Kernenergie wieder zu einem selbstverständlichen Bestandteil bürgerlich-realistischer Energiepolitik werden könnte. Das vollständige Diskussionspapier finden Sie hier.
Die zentralen Erkenntnisse auf einen Blick:
- Ein hoher Kernenergieanteil im deutschen Strommix würde das Gesamtsystem deutlich günstiger, klimafreundlicher und versorgungssicherer machen als die Fortführung der herkömmlichen Energiewende. Das gilt sogar dann, wenn man für den Neubau von Kernkraftwerken hohe Kosten ansetzt.
- Deutschland hat vier technologische Optionen: Rückbau-Moratorium und Modernisierung von Bestandsanlagen der Reaktorgeneration 2; Neubauprogramm von großen Druckwasserreaktoren der Generation 3; Small Modular Reactors; Kernfusion. Die ersten beiden Optionen erscheinen als die realistischsten, da sie sofort baubar sind und den enormen Strombedarf unseres Industriestandorts adressieren. Die letztgenannten sind vielversprechend für die Zukunft, aber aktuell nicht am Markt zu haben. Deutschland ist in der Stellerator-Fusionsforschung führend und sollte auf jeden Fall an diesem Projekt weiterarbeiten.
- Kernkraftwerke sind gute Lastfolgeanlagen und günstig mit Erneuerbaren Energien kombinierbar – vorausgesetzt, sie haben einen signifikanten Anteil von mindestens 40 Prozent am Strommix. Das wiederum setzt voraus, dass wir uns vom Ausbau der Erneuerbaren als Selbstzweck um jeden Preis verabschieden.
- Kernkraftwerke sind fit für den Klimawandel. Dank Kühltürmen, geschlossener Kühlkreisläufe, flexibler Fahrweisen und diversitärer Wasserversorgungen können sie auch in extremen Dürreperioden am Netz sein. Bereits die deutschen Bestandsanlagen hatten diese Eigenschaften. Selbst im zurückliegenden Dürresommer waren Ausfälle von Kernkraftwerken in der EU die Ausnahme, auch wenn die Berichterstattung häufig das Gegenteil suggerierte.
- Die sichere Verwahrung der Atomabfälle in geologischen Tiefenlagern ist eine wissenschaftlich-technisch ausgereifte Lösung und in Finnland bereits ausgeführt. In Deutschland verhinderten bislang vor allem politischen und kulturelle Ursachen die zügige Bestimmung eines Endlagerstandorts.
- Der erste Schritt zu einer Energiereform mit Kernenergie ist ein Rückbaumoratorium und die Änderung des Atomgesetzes, damit der Bau von Kernkraftwerken rechtlich wieder möglich wird. Darauf sollten Entscheider in Politik und Wirtschaft jetzt hinwirken.





