Der Gastbeitrag wurde erstmals am 1. März 2026 in der Allgemeinen Zeitung (VRM) veröffentlicht. Sie können ihn hier nachlesen.
Vorletztes Wochenende war schräg: Ich war eingeladen zum „Prozess gegen Deutschland“ um ein Verbot der AfD, den der Regisseur Milo Rau am Hamburger Thalia-Theater inszenierte – ohne Drehbuch, sondern als Spiel aus und mit der Realität.
Als mich der österreichische Sozialist Robert Misik fragte, ob ich bei diesem Polit-Theater mitmachen würde – ich wurde als Experte für den Umgang des bürgerlich-konservativen Milieus mit Rechtspopulismus geladen –, habe ich sofort zugesagt. Mich faszinierte die Idee, dass dort alle miteinander reden sollten, Linke und Rechte.
Und so kam auf der Hamburger Bühne allerlei buntes Volk zusammen: Journalisten und Publizisten, Wissenschaftler und Künstler, der Intendant des Staatstheaters in Weimar, der es vor Ort mit der AfD zu tun hat, ein NS-Aussteiger, ein jüdischer Aktivist und die meist großartige Herta Däubler-Gmelin als Vorsitzende Richterin.
Es hätte ein Fest der „robusten Zivilität“ einer demokratischen Öffentlichkeit werden können – wären da nicht die Misstöne gewesen, die für unsere Öffentlichkeit charakteristisch sind. Zunächst sagten eingeladene AfD-Vertreter reihenweise ab: Es sein ein inszenierter Schauprozess, dessen Urteil schon im Voraus feststehe, so ihr Grund.
Absagen, deren Kurzfristigkeit sich wohl aus der Hoffnung auf den öffentlichen Effekt speiste, gab es auch von Linken, die Rechten „keine Bühne“ bieten wollten, wie es im Jargon so heißt. Auch das Publikum spielte mit, vor allem mit wiederholten Missfallensbekundungen und demonstrativen Hustenanfällen gegenüber unliebsamen Meinungen – wer bekennen will, hört nicht zu.
Dann die Vernehmungen. Als ein deutsch-pakistanischer AfD-Wähler die Kriminalstatistik zitierte, wurde seine Aussage von der Vertreterin der Anklage als „Bullshit“ zurückgewiesen, weil er wohl die Zahlen des Bundeskriminalamts nicht kenne – die er doch gerade zitierte.
Mich selbst versuchte der Vertreter der Anklage, obwohl ich als Zeuge, nicht als Angeklagter geladen war, als Verharmloser zu desavouieren. Ich hatte von Theoretikern der „neuen Rechten“ gesprochen, und er meinte, die seien doch erwiesenermaßen „rechtsextrem“. Pech nur, dass er die Fachbegriffe nicht kannte: „neue Rechte“ ist der einschlägige wissenschaftliche Begriff – wer vorführen will, schaut nicht richtig hin.
Die schrägste Vernehmung war die von „Andrew Y“, früher Erik Ahrens, Tiktok-Guru der AfD, bekennender Rassist und Hauptbelastungszeuge der Correctiv-Recherche „Geheimplan gegen Deutschland“ über das Treffen in Potsdam, bei dem „die Vertreibung von Millionen von Menschen aus Deutschland“ (so die Correctiv-Diktion) geplant worden sei. Digital zugeschaltet, herzte der selbsterklärte „Aussteiger“ während der Vernehmung seine Verlobte und sprach nur Englisch, weil er die Sprache der „Täter“ nicht mehr spreche – wobei er sich nicht nur die Attitüde von Holocaust-Opfern anmaßte, sondern auch noch so schlecht Englisch sprach, dass er ständig deutsche Versatzstücke einbaute. Ganz skurrile Nummer – aber was sagt eine so dubiose Figur sowohl über die AfD und ihr Personal als auch über die Seriosität der Correctiv-Recherche aus, nach der Millionen Menschen in Deutschland auf die Straßen gegangen sind?
Schließlich das Urteil der Geschworenen: gegen ein AfD-Verbot, aber für die Einleitung eines Verbotsverfahrens. Also doch nicht so vorfestgelegt, wie die AfD-Vertreter behauptet hatten. Aber auch die taz schreckte vor fake news nicht zurück: sie betitelte ihren Bericht über den Prozess mit „Verbotsverfahren erfolgreich“.
Fazit: ein buntes Deutschland mit Kommunikationsstörungen, die das Zusammenleben gefährden. Was hilft? Drei therapeutische Vorschläge für alle Seiten:
Erstens: Die öffentliche Debatte setzt die Anerkennung von nachweisbaren Fakten als Grundlage der Diskussion voraus. Zweitens: präzise, sachlich begründete rote Linien des Zulässigen formulieren – und drittens: innerhalb dieses Rahmens mit robuster Zivilität streiten.
Das ist Demokratie. Hamburg zeigte, wie und warum es nicht geht – und zugleich: wie es gehen könnte und sollte. Ich war froh, dass ich zugesagt hatte.
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Andreas Rödder ist Leiter der Denkfabrik R21 und Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Gegenwärtig wirkt er als Helmut Schmidt Distinguished Visiting Professor an der Johns Hopkins University in Washington. Er war Fellow am Historischen Kolleg in München sowie Gastprofessor an der Brandeis University bei Boston, Mass., und an der London School of Economics. Rödder hat sechs Monographien publiziert, darunter „21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ (2015) und „Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems“ (2018), sowie die politische Streitschrift „Konservativ 21.0. Eine Agenda für Deutschland“ (2019). Andreas Rödder nimmt als Talkshowgast, Interviewpartner und Autor regelmäßig in nationalen und internationalen Medien zu gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung; er ist Mitglied im Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung und Präsident der Stresemann-Gesellschaft.
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