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Glücksspiel, Birthright, Schnipsmanie: Die USA im April

Liebe Sarah, in den USA lässt nun auch der Frühling sein blaues Band …

Na, zumindest hier an der Ostküste ist der Frühling kurz und schmerzlos, alles ist kalt, binnen einer Woche kommen plötzlich die Blätter, dann ist Sommer bis Ende September. Jetzt gerade macht in Manhattan im Central Park das Boat House auf, die Botanischen Gärten stellen Orchideen oder Kirschblüten aus, aber draussen ist noch alles dürr und braun, blattlos, paar Narzissen hier und da. In den Hamptons sterben Kanadische Gänse an Vogelgrippe, überall liegen Kadaver.

Was hast Du noch so beobachtet?

An vielen amerikanischen Universitäten hat Fingerschnipsen das Klatschen ersetzt, zum Beispiel nach Vorträgen, auf Konferenzen, zum Ende der Vorlesung. Klatschen gilt als koloniale Geste des weißen Mannes, Fingerschnipsen – dabei ist es wichtig, dass der Daumen und Mittelfinger schnipsen, nicht etwa der Zeigefinder – ist Geste der sogenannten „Ball Culture“, der afroamerikanischen und latin LGBTQ+ Disko-Underground-Tanzkultur, die zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung um die Mitte des 20. Jahrhunderts entstand, zum Beispiel in Harlem, New Orleans oder Chicago, und auf die im 19. Jahrhundert von ehemaligen Sklaven organisierten „drag balls“ zurückgeht. Die amerikanische „Ball Culture“ ist also seit je safe space für Diversität, Inklusion und Aufbegehren gegen Rassismus und Ausgrenzung. Da insbesondere hiesige Geisteswissenschaften weiterhin überzeugt sind, dass das koloniale Zeitalter in den USA und im Westen alles andere als vorbei ist, sondern Institutionen und Gesellschaften, Gebräuche und Geschmäcker, Körper und Gesten weiterhin durchdringt, ist die Dekolonisierung aller Lebensbereiche das Gebot der Stunde. Indigene Stämme postulieren die Abkehr von kolonialer Ernährung und die Hinwendung zu diversem, traditionellem Essen. Die Klimapolitik gehört dekolonisiert, braucht das Wissen indigener Völker. Museen sind ohnehin koloniale Artefakte, die Kunst an sich, die gesamte Darstellungswelt muss von unterdrückerischen, weisse Vorherrschaft verherrlichenden Strukturen bereinigt werden, die künstliche Intelligenz ebenso, Theaterbühnen, Arztpraxen und Sportvereine, Make-Up, Design, Gesichter, Körper und Gedanken auch.

Und das Klatschen.

Yep. Klatschen, das einst im römischen Reich salonfähig wurde, gilt als Zeichen vom Ende, als harter Abschluss, wird als zu laut und aufdringlich empfunden, insbesondere, wenn es sich um schwierige Themen oder Vorträge handelt, zum Beispiel sexuelle Gewalt, Rassismus und so fort. Schnipsen, eher eine Form von Fingerreiben, gilt als weicher, offener und empathisch. An den Universitäten schnipst vor allem die Generation Z und aufwärts, also die ab den späten Neunzigern Geborenen.

Sag bitte etwas zu «Trump versus Barbara».

Seit dem 1. April finden vor dem Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof der USA, Anhörungen zur Änderung des «birthright citizenship» statt. Bei Amtsantritt hatte Trump das Dekret «Protecting the Meaning and Value of American Citizenship» unterschrieben. Es fordert eine Korrektur des bisherigen US-Staatsbürgerschaftsrechts, das vorsieht, dass alle auf amerikanischem Boden Geborenen US-Staatsbürger sind. Dagegen klagten mit Hilfe der American Civil Liberties Union (ACLU) verschiedene Familien, darunter eine honduranische Staatsbürgerin („Barbara“) und eine taiwanesische Studentin, außerdem eine Brasilianerin, deren Kinder nach Trumps Amtsantritt geboren wurden. Die Trump-Regierung fordert die Anpassung des Verfassungszusatzes des 14 Amendment, in dem steht: „All persons born or naturalized in the United States, and subject to the jurisdiction thereof, are citizens of the United States and of the State wherein they reside”.

Und das Augenmerk liegt auf der Formulierung „subject to the jurisdiction thereof“.

Richtig. Als das 14. Amendment 1868 formuliert wurde, ging es darum, die nach dem Bürgerkrieg emanzipierten Sklaven zu Staatsbürgern zu machen. Heute spricht die Regierung von „birth tourism“, sagt, Einwanderung habe sich grundlegend geändert, das Gesetz sei nicht mehr zeitgemäß. Sie stellt ausserdem die Frage, ob Kinder illegaler Einwanderer oder von Personen mit temporärem Visa-Status überhaupt der Jurisdiktion der USA unterworfen sein können, oder nicht eher der Jurisdiktion der Herkunftsländer ihrer Eltern. Für in den USA geborene Kinder von Eltern aus fremden Jurisdiktionen soll daher die Einbürgerung durch Geburt entfallen, es sei denn, der Vater ist Amerikaner oder ein Elternteil hat eine Green Card.

Bei der ersten Anhörung am 1. April war Trump anwesend.

Zusammen mit der inzwischen entlassenen Justizministerin Pam Bondi. Es war das erste Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten, dass ein amtierender Präsident einer Anhörung im Supreme Court beiwohnte.

In einem unserer letzten Gespräche ging es um den wachsenden Aberglauben in der amerikanischen Bevölkerung, und um die Beliebtheit von Verschwörungstheorien. Dazu kommt nun noch was Neues: der Glücksspielmarkt für Prophezeiungen boomt.

Du meinst den amerikanischen «Prognosemarkt» und Wett-Start-Ups wie zum Beispiel «Kalshi», das von der aus Brasilien stammenden Luana Lopes Lara gegründet wurde? Lara hat übrigens am Massachusetts Institute of Technology studiert und ist laut Forbes mit einem Vermögen von 1,3 Milliarden Dollar die jüngste self-made Milliardärin der Welt – reicher als Taylor Swift, die nach der Unternehmerin Lucy Guo auf Platz drei ist.

Ja, genau.

Der Prognosemarkt ist so etwas wie das mächtigste Casino der Welt – übrigens sind die meisten dieser Prognosen sehr genau, das ist erstaunlich. Es gibt Kalshi, mit einem Marktwert von 11 Milliarden Dollar. Oder Polymarket, mit einem Marktwert von knapp 14 Milliarden Dollar. Abermillionen User wetten für Centbeträge auf den Ausgang realer Ereignisse, auf Sport, aber auch Politik und Wahlen, auf Pop, Film und Wetter. Derzeit sind Konfliktwetten beliebt: Wieviele Länder wird Israel noch angreifen, was passiert bis Ende April an der Straße von Hormuz, wie entwickelt sich der Ölpreis, wird im Mai ein Komet einschlagen, wird Kim Kardashian nochmal heiraten, wann kommt der Dritte Weltkrieg. Jetzt gerade ist glaube ich die mit 280 Millionen Dollar teuerste Frage auf Polymarket, ob oder wie lange die Waffenruhe zwischen den USA und Iran halten wird.

Ich verstehe es nicht ganz. In den USA ist Glücksspiel, ist das «gambling» doch verboten.

Beziehungsweise ist es so, dass Glücksspiel, Kasinos, Sportwetten oder Rubbelkarten nur in Nevada und Louisiana erlaubt sind, außerdem in losen Befestigungen, auf dem Wasser treibend und, seit der Indian Gaming Regulatory Act von 1988, in Reservaten. Etwa die Hälfte der rund 1000 Kasinos der USA stehen auf «Indianerland» (die Bezeichnung «Indianer» entspricht laut dem «Native American Indian Language & Culture in New York»-Handbuch des New Yorker Bildungsministeriums übrigens wieder den PC-Kriterien). 114 davon sind in Las Vegas: Die Wüstenmetropole gilt als Stadt des Glücksspiels schlechthin. Die meisten Kasinos der USA liegen jedoch in Gegenden ohne Aussicht auf Gewinn. Im sogenannten Rust Belt etwa, der heute verarmten Industriegegend längs der Großen Seen sollten Casinos Arbeitsplätze schaffen, das ging aber schief.

Trump ist glücksspielfreundlicher als die meisten Präsidenten vor ihm.

Und besaß ja auch mal mehrere Casinos in Atlantic City, Taj Mahal, Marina, Trump Plaza, die dann aber bankrott gingen. Trumps Sohn ist übrigens in dem Beraterteam von Polymarket. Früher waren Online-Prognosemärkte ebenso streng reguliert wie Online-Sportwetten, und für US-Bürger eigentlich nicht zugänglich. Insgesamt aber ist in den USA das Glücksspiel nicht mehr so stigmatisiert. Schätzungen zufolge haben US-Bürger 2022 vier Prozent des Bruttoinlandsproduktes verspielt, etwa fünfzig Prozent der amerikanischen Männer haben ein Sportwettenkonto. 2018 legalisierte der Supreme Court nämlich Online-Sportwetten, 2019 klagte Kalshi gegen das Verbot der Online-Prognose und gewann.

Ok, aber wie unterscheidet sich der Prognosemarkt vom Glücksspiel?

Prognosen, so ungefähr war Kalshis juristisches Argument, seien eben keine Casinos, die Pokertische oder Slotmaschines anbieten, sondern ortlose Online-Marktplätze, auf denen Kunden so etwas wie Aktienanteile an der Zukunft erwerben könnten.

Aktien- oder Datenanteile an der Zukunft.

Genau. Zukunftsroulette spielen. Auf dem Prophezeiungsmarkt wird alles zum Spektakel, es herrscht Katastrophenstimmung, man glaubt an das Unglück, sehnt es herbei, kauft es ein. Kritiker befürchten, dass diese Prophezeiungswetten Wahrheiten schaffen, noch bevor sie eintreffen, Realitäten schaffen, die von Millionen Menschen herbeigekauft wird. Andere wiederum sagen, es sei zynisch, auf das Unglück anderer zu wetten. Außerdem würden Kalshi und Polymarket die Rechte der nativen Stämme untergraben. Kritisiert wird auch, dass Trumps Sohn Don Jr. Berater und Investor bei Polymarket ist, außerdem Berater bei Kalshi. Unlängst kündigte Trump an, bald einen eigenen Prognosedienst anzubieten. Er soll „Truth Predict“ heissen.

Author

  • Sarah Pines

    Sarah Pines ist im Sauerland und in Bonn aufgewachsen, hat Literaturwissenschaft in Köln und an der Stanford University studiert und wurde in Düsseldorf mit einer Arbeit über Baudelaire promoviert. Sie schreibt für die Kulturressorts der ›Zeit‹, der ›Welt‹ und der ›NZZ‹. Pines lebt als freie Autorin in New York. 2020 veröffentlichte sie die Kurzgeschichtensammlung ›Damenbart‹; im August 2024 erscheint ihr erster Roman ›Der Drahtzieher‹.

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Sarah Pines

Sarah Pines ist im Sauerland und in Bonn aufgewachsen, hat Literaturwissenschaft in Köln und an der Stanford University studiert und wurde in Düsseldorf mit einer Arbeit über Baudelaire promoviert. Sie schreibt für die Kulturressorts der ›Zeit‹, der ›Welt‹ und der ›NZZ‹. Pines lebt als freie Autorin in New York. 2020 veröffentlichte sie die Kurzgeschichtensammlung ›Damenbart‹; im August 2024 erscheint ihr erster Roman ›Der Drahtzieher‹.

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