Guten Morgen, Sarah. Wie geht es der USA im August?
Sie schaut die Odyssee, regt sich wie immer über Trump auf, und die Leute kehren allmählich aus dem Sommerurlaub zurück. Anfang September, immer um den Labor Day herum, ist in den USA Schulanfang.
Ging dir in den letzten Tagen irgendwas anderes als sonst durch den Kopf im Hinblick auf die USA?
Das tat es tatsächlich. Ich war im Hudson Valley ganz oberhalb von New York City, Richtung Upstate New York und unterhalb der Catskills und habe in einem recht einfachen Motel übernachtet, ganz klassisch, mit flachen Dächern, Neonbeleuchtung und die Aussentüren führten direkt in die Zimmer. Am Morgen saßen im Frühstückszimmer, zwei alte Frauen, die eine weiß, die andere afroamerikanisch, beide sehr übergewichtig, und tranken einen Kaffee. Als ich hereinkam, sagten sie so lieb, „oh, Sie tragen aber ein schönes Kleid, gehen Sie denn nach Patterson zu der Parade der Zeugen Jehovas? Da sind auch immer alles so schick.“ So freundlich. Dann begannen Sie, zu putzen, ganz langsam, mit Tippelschritten. Erst im Foyer, dann Zimmer nach Zimmer. Es gab auch noch eine Gruppe junger, lateinamerikanischer Frauen, die waren wesentlich schneller, aber niemand trieb die alten Damen an.
Und was dachtest Du?
In dem Moment einfach, dass Amerikaner einen völlig anderen Begriff vom Ruhestand haben als die Deutschen. Es gibt – bis auf wenige Ausnahmen, Staatsangestellte – die Idee vom staatsfinanzierten letzten Lebensdekaden nicht, während derer man Urlaub macht, oder jedes Wochenende wandern geht. Die USA sind kein Wohlfahrtsstaat, bieten nicht die Form der finanziellen Unterstützung, wenn es um das Gesundheitswesen, Bildung und Rente geht. Die Leute sorgen selber vor, arbeiten irgendwie immer – und das übrigens auch gerne oder zumindest leichtherziger als in Deutschland; es gibt kein Ende, keine Vorstellung vom so-jetzt-leg-ich-die-Füsse-hoch. 70 Prozent der Amerikaner können sich – dies belegen Umfragen – überhaupt nicht vorstellen, je in den Ruhestand zu gehen. Arbeit in den USA ist als Konzept, als Idee etwas viel Würdigeres, als in Deutschland.
Kein Wohlfahrtsstaat aber ein Land der Wohlfahrt.
Genau. In wohl keinem westlichen Land wirken so viele Menschen ehrenamtlich wohltätig wie in den USA – und das mit Abstand. Schulklassen helfen in Essensvergabestellen für Obdachlose, Supermärkte wie Wholefoods geben zerknautschtes, zerknicktes, aber noch geniessbares Essen umsonst an Bedürftige, von den zahlreichen Organisationen, Kirchenvereinen und so fort garnicht zu reden. Etwa 30 Prozent der Amerikaner sind offiziell ehrenamtlich tätig, dazu kommen noch mal etwa 54 Prozent, die inoffiziell ehrenamtlich wirken, einfach freiwillig und vor Ort, ohne Organisation dahinter, und kompensieren durch Nächstenliebe das kaum vorhandene staatliche Auffangnetz. Wenn es in Deutschland im Zusammenhang mit der derzeitigen Rentendebatte darum geht, den Sozialstaat zu beschneiden, dann macht die Politik sich garnicht klar, dass nichts diese Beschneidung auffangen könnte. Zum Beispiel halte ich die deutsche Gesellschaft der grenzenlosen Wohlfahrt und uneigennützigen Hilfe für nicht fähig, die Amerikaner aber schon.
Was ist mit den Benzinpreisen?
Die sind immer noch hoch, die krasse Teuerung ist zum Wähleranliegen vor den Midterms geworden. Kurz vor dem Midterms müssten die Preise sinken, vielleicht durch die Freigabe nationaler Reserven – diesen Erfolg braucht Trump.
Wir wollen heute etwas über die neurechte polit-intellektuelle Männerszene in den USA plaudern, die Manosphere streifen, nur zur Erklärung: ein Geflecht aus Online-Foren, Websites und Social-Media-Plattformen, auf denen Männer oft krass frauenfeindliche Inhalte verbreiten.
Nur kurz: Die neurechte politisch-kulturelle «Männerszene» trägt sicher Züge der Manosphere, aber nicht nur. Letztere ist ausserdem kein wirklich neues Phänomen. Das, was heute die Manosphere ist, war früher der Billiardkeller unten im Haus oder die Garage, in der Männer auf ausgeleierten Sofas rumhocken und sich über Frauen und das Leben beschweren, denken wir an die amerikanische Kultserie «King of Queens».
Ja, haha, stimmt. Also nochmal von vorn: die neurechte polit-intellektuelle Männerszene in den USA, was ist das?
Wie die Hipster in SoHo eine Ausgeburt westlichen Wohlstandes und Positionierung im Kulturkampf. Oder wie es Jonathan Keeperman, Gründer des neurechten Verlags Passage Press, in einem Interview mit der New York Times formulierte: ein loser kultureller Apparat, der ein „ein beständiges und bedeutendes Gegengewicht zu einer dominanten Linken“ bildet. Keeperman gibt unzensierte Versionen alter, amerikanischer Klassiker heraus, ohne Triggerwarnungen, kämpft gegen Zensur und politische Korrektheit.
Also keine geschlossene Gruppe oder Bewegung?
Nein, eher ein Milieu, ein kulturkämpferischer Vibe, mal schrill, mal gemässigt. Dazu gehören Podcaster, Schriftsteller, Influencer, Dissidenten, anti-progressive oder post-linke, oder neo-reaktionäre Intellektuelle, manchmal mit Verbindungen zum Tech. Dieses Milieu geht weit über den konventionellen Republikanismus hinaus, ist relativ jung beziehungsweise mittelalt und stellt sich Online dar, oder in Podcasts ..
Wen würdest du in dieses neurechte Milieu einsortieren?
Wie gesagt, ich rede von einem Vibe, einem Trend, einer Stimmung – auch Frauen spielen hier eine Rolle, aber untergeordnet. Und nicht alle, die ich nun nenne, sind in jeder Hinsicht gleich. Aber ich denke an Curtis Yarvin, Bronze Age Pervert, Raw Egg Nationalist, Jack Posobiec, Nick Fuentes, Nick Land, Steve Sailer, etwas entfernter sicher auch Tucker Carlson oder J.D. Vance.
Kannst Du das spezifizieren?
Diese neue Rechte tut das, was die Konservativen in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr geschafft haben, vielleicht garnicht mehr schaffen können: Sie werden zu intellektuellen, kulturellen, ästhetischen Trendsettern. Dies in einer Gesellschaft – ich meine hier die Gesellschaften des globalen Nordens –, in denen das Trendsettertum in Kunst und Entertainment bisher dem linksprogressiven Spektrum vorbehalten war.
Und nun?
Kommt eine rechte Kultur, ein rechter Geist, der genauso vital ist – sein soll – wie der linke, wenn nicht vitaler, getrieben und energetisch, der Kunst fähig, der klugen Gedanken, der neue politische Theorien entwirft, philosophisch denkt, Bücher schreibt.
Zum Beispiel Curtis Yarvin, ein Software-Engineer, der seit 2007 blogged und interessante, kluge Texte auf Substack veröffentlicht.
Früher nannte Yarvin sich Menicus Goldbug, schrieb den Blog Unqualified Reservations. Er gilt als Gründer der „dunklen Aufklärung“, auch „Neoreaction“, oder NRx genannt, eine politisch-philosophische, Demokratie-kritische Bewegung. Yarvin wird übrigens von Keeperman verlegt und gerne von J.D. Vance und Peter Thiel gelesen. Junge Konservative, die ihm folgen, nennen ihn „Lord“ oder „Prophet“. Dass man ihn mit der dunklen Seite der Aufklärung in Verbindung bringt, ist sinnig. Die Aufklärung und ihre Vertreter, denk mal an Lichtenberg, Mozart, Rousseau, Goya, oder die Französische Revolution selbst, war Vernunft und Unvernunft zugleich, hell und fein, anstößig und dunkel. Die Welt der Aufklärung war immer auch ihre Gegenwelt.
Wie Yarvins Denken?
Yarvin würde eher sagen, wie unsere Demokratie. Für Yarvin sind unsere Demokratien sklerotisch mürbe Konstrukte ohne klare Grundlage, weil der Wille des Volkes zu willkürlich und zu unterschiedlich ist, ausserdem zu progressiv und daher wirklichkeitsfremd. Die Werte und Vorstellungen des Progressivismus kommen über die sogenannte „Kathedrale“ zustande: die Mainstream speiende und liberaldemokratische Troika aus Universitäten, Schulen und Medien.
Von Yarvin stammt das Zitat: “Das Wesentliche jeder Haltung des 21. Jahrhunderts ist die Einheit von (…) der modernen ingenieurwissenschaftlichen Denkweise und dem großen historischen Erbe des antiken, klassischen und viktorianischen vordemokratischen Denkens.”
Yarvin visioniert, die USA solle von einem ressentimentlos-unpersönlichen, technokratisch-effizienten, philosophisch angehauchten CEO-Monarchen regiert werden. Der Staat wäre die Firma, die Exekutive so etwas wie ein Konglomerat von Aktieninhabern, deren jeweilige Anteile in Wahlrechte übersetzt werden. Weiter. Ob die Forderung nach einer wie auch immer technisierten Monarchie klug ist, oder nicht eher so, als ersetze man Autos durch Kutschen? Und was für eine Monarchie meint Yarvin überhaupt? Eine absolute, eine konstitutionelle, eine lifestylemässige, wie die in Monaco?
Müsste man ihn mal fragen.
Monarchie-Apologeten nähmen letzten Endes die Entmachtung des souveränen Volkes in Kauf, zugunsten sogenannter Experten, zu denen sie sich natürlich selbst schon längst ernannt haben. Kritiker sehen in dieser Vision das Dräuen eines postmodernen Faschismus.
Dann gibt es noch den Bronze Age Pervert.
Bronze Age Pervert, eigentlich Costin Vlad Alamariu, schrieb das „Bronze Age Manifesto“, wendet neurechte politische Visionen in die Ästhetik des männlichen, neo-antiken Körpers, fast an der Grenze zur Homoerotik, vertritt einen aggressiv vorgetragenen Glauben an menschliche Grösse, männliche Grösse, die durch Linksprogressivismus, Mittelmass und Feminismus zerstört wurde – das tut auch Raw Egg Nationalist in seinem Text „The Last Men“. Tatsächlich hat die Fruchtbarkeit westlicher Männer seit den 70er Jahren um knapp 60 Prozent abgenommen. Und zu was, fragen Bronze Age Pervert et al., wären Männer nicht alles fähig, wenn sie endlich wieder frei wären, frei vom Sitzpinkelzwang, in starken Körpern, gesunden Geistern, mutig, selbstlos, jederzeit bereit, die Nation, das Haus, den Garten gegen Feinde mit seltsamen Namen und Gebräuchen zu verteidigen, und die vielleicht eines Tages in Warteschleifen am Telefon und während der Ansage for English, press one, for Spanisch, press two nicht mehr empört die Taste eins drücken müssen.
Was eint Männer wie J.D. Vance, Curtis Yarvin, Tucker Carlson, Bronze Age Pervert?
Wenn ich es bewusst allgemein formuliere: Die Einigkeit besteht in der politischen Vision, die auf einer Skala vor postliberal bis postmodern-faschistisch fluktuiert – es gibt hier aber wirklich grellere und gemäßigtere Ausformungen –, und sachte in dem Glauben an die Nation, Familie und Fruchtbarkeit, an Landesgrenzen und traditionelle, post-liberal hochgepimpte Werte. Einigkeit besteht vor allem im Hinblick auf Anti-Wokismus, Anti- oder Post-Progessivismus. Ferner im Glauben an Hierarchien und Lust an männlicher Autorität – Trump als Vaterfigur, wie oft wurde er von wem nicht alles schon „Daddy“ genannt –, der Verachtung von Schwäche und von der angeblichen „Verweiblichung“ der Menschen und Institutionen durch zuviel DEI und Inklusivität.
Eigentlich vertreten viele dieser neuen Rechten – allen voran Bronze Age Pervert – doch aber sehr alte Vorstellungen.
Auf eine Art ja. Ich denke da immer an einen semi-nostalgischen Kult, oder wie gesagt, einen Vibe, der um Vorstellungen vom Mann in der Gesellschaft kreist, duster und schrill zugleich. Geschichte kehrt nicht wieder, aber sie reimt sich, sagte Mark Twain. In diesen neuen-alten Männlichkeitsvorstellungen stecken Echos von Marinettis Futuristischem Manifest aus dem Jahr 1909 mit seiner Verehrung von Männlichkeit, Gewalt und Kämpfertum, von Krieg als Hygienemassnahme. Aber es sind eben nur Echos: Marinetti wollte Vergangenheit zerstören, das Erbe der Väter, die alten Werte – das will die neue, amerikanische Rechte nicht unbedingt –, der echte Mann war für Marinetti einer, der nur nach vorne schaut, metallen und hart. Aber beide Momente haben die ästhetisierte Gewalt gemein, die Verachtung von Weiblichkeit und Verweichlichung, das Gefühl des Aufbruchs und der Befreiung des Mannes.
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Sarah Pines ist im Sauerland und in Bonn aufgewachsen, hat Literaturwissenschaft in Köln und an der Stanford University studiert und wurde in Düsseldorf mit einer Arbeit über Baudelaire promoviert. Sie schreibt für die Kulturressorts der ›Zeit‹, der ›Welt‹ und der ›NZZ‹. Pines lebt als freie Autorin in New York. 2020 veröffentlichte sie die Kurzgeschichtensammlung ›Damenbart‹; im August 2024 erscheint ihr erster Roman ›Der Drahtzieher‹.
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