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Wann ist ein Mann ein Mann? Jungen brauchen keine Pädagogik, die ihnen erklärt, was an ihnen falsch ist

Ausgerechnet Ricarda Lang. Die Grünen-Politikerin hat ein Manifest für ein neues Männerbild unterzeichnet. Darin geht es um eine Frage, die erstaunlich lange vor allem negativ beantwortet wurde: Was soll ein Mann heute eigentlich sein? Nicht gewalttätig, nicht dominant, nicht toxisch, nicht frauenfeindlich – die Liste dessen, was Männer nicht sein sollen, und die insbesondere die Grünen über Jahrzehnte ausgerollt haben, ist lang. Viel seltener wird darüber gesprochen, was Jungen und Männer stattdessen sein dürfen. Das ist nicht nur eine gesellschaftspolitische Debatte. Es ist auch eine pädagogische Frage. Denn wer Jungen erziehen will, muss ihnen irgendwann eine Antwort auf eine sehr einfache Frage geben: Was kann aus mir werden?

Diese Frage stellt sich umso dringlicher, als Jungen und junge Männer in unserem Bildungssystem tatsächlich an einigen Stellen schlechter dastehen als Mädchen. 2024 waren 55 Prozent der Abiturienten weiblich und nur 45 Prozent männlich. Bei den Absolventen mit erstem Schulabschluss dagegen lag der Männeranteil bei 59 Prozent. Das Bild vom Jungen als Bildungsverlierer ist also nicht völlig aus der Luft gegriffen – aber es ist auch zu einfach.

Denn bei den Kompetenzen zeigt sich ein anderes Bild. Bei PISA 2022 lagen Jungen in Deutschland in Mathematik im Durchschnitt vorn, während Mädchen beim Lesen deutlich bessere Ergebnisse erzielten. Besonders auffällig ist, dass 29 Prozent der Jungen, aber nur 22 Prozent der Mädchen beim Lesen nicht das Kompetenzniveau 2 erreichten. Jungen sind also nicht einfach „schlechter“ in der Schule. Sie haben andere Stärken und andere Schwächen – und diese Unterschiede werden im Verlauf der Schullaufbahn unterschiedlich relevant. Vielleicht liegt genau hier ein Denkfehler unserer Pädagogik: Wir fragen häufig, was mit den Jungen nicht stimmt, statt zu fragen, was mit unseren Lernangeboten nicht stimmt, wenn wir einen erheblichen Teil der Jungen weniger gut erreichen.

Es wäre zu einfach, die Ursache in der viel diskutierten „Feminisierung“ der Schule zu suchen. Dass Jungen mehr männliche Lehrer brauchen, ist als Gedanke nachvollziehbar. Ein männliches Rollenvorbild kann für manche Jungen wichtig sein. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass ein Lehrer automatisch besser mit Jungen arbeitet als eine Lehrerin. Entscheidend ist nicht allein das Geschlecht der Lehrkraft, sondern ihre Fähigkeit, Jungen ernst zu nehmen, ihnen etwas zuzutrauen und gleichzeitig klare Erwartungen zu formulieren.

Gerade beim Lesen zeigt sich eine zentrale Herausforderung. Lesen ist keine Spezialkompetenz für Deutschunterricht und Bücherfreunde. Wer Texte nicht sicher verstehen, Informationen einordnen und Zusammenhänge herstellen kann, hat in nahezu jedem Fach Nachteile. Die Frage lautet deshalb nicht, wie man Jungen möglichst spielerisch zum Lesen „überredet“. Die anspruchsvollere Frage lautet: Wie machen wir Jungen erfahrbar, dass Lesen ihnen verhilft, Wissen und Deutung über die Welt zu erlangen?

Das kann ein Sachtext über Technik sein, der Mythos von Odysseus, eine Reportage, ein Kriminalroman oder ein wissenschaftliches Experiment. Entscheidend ist, dass Lesen nicht als pädagogische Pflichtübung erscheint, sondern als Zugang zu Wissen, Selbstständigkeit und Handlungsmöglichkeiten.

Ähnliches gilt für das selbstständige Lernen. Untersuchungen zeigen, dass Mädchen im Durchschnitt häufiger Strategien wie Planen, Überprüfen und Reflektieren des eigenen Lernens einsetzen. Jungen müssen deshalb nicht „weiblicher“ werden. Aber sie müssen lernen, ihr eigenes Lernen zu steuern. Ein Junge, der weiß, wie er eine schwierige Aufgabe in Schritte zerlegt, einen Fehler erkennt und einen zweiten Lösungsweg ausprobiert, gewinnt etwas Entscheidendes: Selbstwirksamkeit.

Auch Bewegung und Wettbewerb können dabei eine Rolle spielen – aber bitte nicht als neue Jungenklischees. Nicht jeder Junge will Fußball spielen, und nicht jeder Junge lernt besser, wenn es laut und hektisch zugeht. Wettbewerb kann motivieren, aber auch entmutigen. Bewegung kann Lernen unterstützen, ersetzt aber nicht die Konzentration. Die pädagogische Aufgabe besteht deshalb darin, unterschiedliche Zugänge zum Lernen zu eröffnen: experimentieren, messen, bauen, diskutieren, argumentieren, ausprobieren – und anschließend darüber nachdenken, was man gelernt hat.

Jungen brauchen dabei durchaus Herausforderung. Sie brauchen nicht eine Schule, die ihre Anforderungen senkt, sondern eine Schule, die ihnen zutraut, hohe Anforderungen zu bewältigen.

An diesem Punkt wird die Frage politisch und gesellschaftlich interessant. Was passiert, wenn Männer sich nicht gesehen fühlen?

Die Bundestagswahl 2025 liefert einen Hinweis, dass sich politische Einstellungen junger Männer und Frauen zunehmend auseinanderentwickeln. Insgesamt gewann die AfD bei Männern 25,2 Prozent der Zweitstimmen, bei Frauen dagegen 16,7 Prozent. Bei den 18- bis 24-jährigen Männern war die AfD sogar die stärkste politische Kraft; bei den gleichaltrigen Frauen lag dagegen Die Linke deutlich vorn.

Diese Daten beweisen nicht, dass enttäuschte Schüler oder schulisch weniger erfolgreiche Jungen später AfD wählen. Ebenso wenig lässt sich aus ihnen eine einfache Kausalkette ableiten: schlechte Bildung, Frustration, AfD. Die Forschung zur AfD-Wählerschaft weist vielmehr auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren hin; monokausale Erklärungen greifen zu kurz.

Dennoch sollte uns dieser Befund interessieren. Es geht nicht darum, dass Schule ein Instrument politischer Prävention werden soll, und Schule hat nicht die Aufgabe, bestimmte politische Entscheidungen hervorzubringen.

Aber Schule hat die Aufgabe, jungen Menschen das Gefühl zu vermitteln: Ich kann etwas lernen. Ich kann etwas leisten. Ich kann mich entwickeln. Ich kann widersprechen. Ich kann mich beteiligen. Ich bin nicht von vornherein auf eine bestimmte Rolle festgelegt.

Das ist auch eine demokratische Ressource. Und Demokratieerziehung im wahrsten Sinne des Wortes.

Wer Jungen ernst nimmt, muss deshalb nicht jede ihrer Vorstellungen gutheißen. Im Gegenteil: Schule muss widersprechen, wenn aus Selbstbewusstsein Geringschätzung anderer wird.

Ich erinnere mich an einen Jungen, der zu einem Mädchen sagte, obwohl seine Noten schlechter waren als ihre: „Später werde ich dein Chef sein.“  Abgesehen davon, dass dies empirisch nicht mehr so ist, darf solch ein Satz darf nicht einfach als „typisches Jungenverhalten“ abgetan werden. Er transportiert eine Vorstellung von männlicher Überlegenheit, die zu Recht kritisiert werden muss. Wir sollten Jungen nicht dafür kritisieren, dass sie selbstbewusst sind, sondern ihnen vielmehr zeigen, wo Selbstbewusstsein in Überheblichkeit umschlägt. Wir sollten Wettbewerb nicht verdächtig machen, sondern zeigen, dass Wettbewerb ohne Fairness zerstörerisch werden kann. Wir sollten Durchsetzungsvermögen nicht abschaffen, sondern daraus Verantwortungsbereitschaft machen.

Vielleicht kann gerade die gegenwärtige Debatte etwas entbergen: Wir haben sehr genau darauf geschaut, welche traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit überwunden werden müssen. Wir haben aber weniger darüber gesprochen, welche positiven Vorstellungen Jungen an ihre Stelle setzen können. Dabei brauchen Jungen Orientierung.

Sie dürfen stark sein – ohne gewalttätig zu werden.
Sie dürfen selbstbewusst sein – ohne andere kleinzumachen.
Sie dürfen ehrgeizig sein – ohne rücksichtslos zu werden.
Sie dürfen konkurrieren – ohne den anderen als Feind zu betrachten.
Sie dürfen Risiken eingehen – aber auch Verantwortung für die Folgen übernehmen.

Und sie dürfen Schwäche zeigen, ohne das Gefühl zu bekommen, dadurch ihre Männlichkeit zu verlieren.

Denn vielleicht ist genau das die entscheidende pädagogische Aufgabe: Nicht Jungen so lange zu verändern, bis sie möglichst problemlos in unser bestehendes Schulsystem passen, sondern herauszufinden, wie Schule Jungen für Bildung gewinnen kann. Die Schule sollte Jungen dort abholen, wo sie stehen – aber sie darf sie dort nicht stehen lassen.

Die Antwort auf die Frage, Was soll ein Junge heute sein?, sollte daher zunächst lauten:

Nicht das Gegenteil eines Mädchens.
Nicht das Gegenteil einer Feministin.
Nicht das Gegenteil dessen, was man früher unter Männlichkeit verstanden hat.

Sondern ein junger Mensch, der seine Stärken kennt, seine Schwächen aushält, Verantwortung übernimmt und lernt, seine Fähigkeiten für mehr einzusetzen als nur für sich selbst.

Jungen brauchen keine Pädagogik, die ihnen erklärt, was an ihnen falsch ist. Sie brauchen eine Pädagogik, die ihnen zeigt, was aus ihren Stärken werden kann.

Silvana Rödder ist Studiendirektorin und Pädagogische Leiterin an einem Gymnasium in Mainz. 

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