Seit letzter Woche sind in allen Bundesländern die Sommerferien vorüber. Das neue Schuljahr hat begonnen. Die neuen Fünftklässler haben ihre Grundschulen verlassen. Aufgeregt, neugierig, voller guter Vorsätze kommen sie zu uns.
Ich schreibe an die Tafel. Eine ganz gewöhnliche Schreibschrift, klassisch, flüssig, die lateinische Ausgangsschrift. Für mich selbstverständlich. Für einige meiner neuen Schülerinnen und Schüler offenbar nicht. Sie schauen auf die Tafel, schauen in ihr Heft und schauen wieder zur Tafel. Die Schrift des Lehrers ist ihnen fremd: „Ich kann das nicht lesen, was Du da schreibst“. So das Lehrer-Du eines neuen Sextaners.
Wir erleben inzwischen einen erstaunlichen Zustand: Kinder lernen in der Grundschule unterschiedliche Ausgangsschriften und treffen anschließend in einer Klasse aufeinander. In Rheinland-Pfalz lässt die Schulautonomie den Schulen bei der Schrift große Wahlfreiheit. Und nicht nur in Rheinland-Pfalz. Bremen, Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und Hamburg lassen dies ebenfalls einen Spielraum zu. So lernen die einen die Vereinfachte Ausgangsschrift, andere die Schulausgangsschrift, wieder andere die Grundschrift. Und natürlich entwickelt jedes Kind darüber hinaus seine ganz persönliche Variante. Manche Kinder schreiben sehr leserlich. Andere haben eine Schrift entwickelt, die aussieht, als befände sie sich noch mitten in der Verhandlung mit dem Alphabet. Buchstaben sind kaum voneinander zu unterscheiden, der Schreibfluss wirkt abgehackt, Linien und Bögen wechseln sich in einem eigentümlichen Zickzack ab. Besonders schön wird es, wenn man entscheiden soll, ob da nun ein n oder ein m steht. Und manchmal kommt der entscheidende Satz vom Kind selbst: „Ich kann das nicht mehr lesen.“ Das sollte uns zu denken geben.
Denn Handschrift ist kein Schmuckstück. Sie ist ein Werkzeug. Kinder schreiben nicht, damit ihre Hefte hübsch aussehen. Sie schreiben, um Sprache sichtbar zu machen, Gedanken festzuhalten und Gelerntes zu sichern. Dazu gehört auch die Rechtschreibung. Wer ein Wort schreibt, muss es anschließend wiedererkennen können. Die eigene Handschrift liefert dabei eine visuelle Repräsentation des Wortes. Je eindeutiger und vertrauter die Buchstaben gestaltet sind, desto leichter kann das Auge die Buchstabenfolge als zusammengehörige Einheit erfassen und mit der gespeicherten Wortform abgleichen. Das ist keine Zauberei und schon gar kein „fotografisches Gedächtnis“, das automatisch richtige Rechtschreibung erzeugt. Aber unser Gedächtnis arbeitet nicht unabhängig von dem, was unsere Augen sehen. Eine gut lesbare Schrift kann das Lernen und Erinnern unterstützen, weil das geschriebene Wort klar erkennbar bleibt.
Und noch etwas ist entscheidend: die Selbstkontrolle. Ein Kind kann einen Rechtschreibfehler nur dann zuverlässig entdecken und verbessern, wenn es überhaupt erkennen kann, was es geschrieben hat. Wer beim Überlesen des eigenen Textes zwischen einem n und einem m, einem u und mehreren undefinierbaren Bögen unterscheiden muss, hat eine zusätzliche Hürde zu überwinden. Eine lesbare Handschrift ist deshalb nicht bloß eine Frage der Schönheit. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass das Geschriebene kontrolliert, verglichen und gegebenenfalls korrigiert werden kann.
Denn die Ergebnisse der vergangenen PISA-Studien und anderer Bildungsstudien geben wenig Anlass zur Selbstzufriedenheit. Laut einer Erhebung des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) bleiben 30 Prozent der neuen Fünftklässler unterhalb des Mindeststandards in Orthografie.
Unsere Kinder müssen beim Lesen und Schreiben besser werden. Natürlich liegt das nicht an einer bestimmten Schreibschrift. Die Ursachen sind vielfältig, und wer behauptet, mit der richtigen Ausgangsschrift ließen sich die Rechtschreibprobleme lösen, macht es sich zu einfach.
Aber wenn wir wissen, dass Kinder eine klare und lesbare Schrift brauchen: Warum überlassen wir dann ausgerechnet diese grundlegende Kulturtechnik weitgehend unterschiedlichen Schulentscheidungen?
Dabei wäre eine gemeinsame Grundlage gerade beim Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule sinnvoll. Die Kinder müssen sich an neue Fächer, neue Lehrer und neue Anforderungen gewöhnen. Wenigstens die Schrift, in der sie ihre Gedanken festhalten, könnte ihnen vertraut bleiben.
Deshalb ist es nötig, dass die Entscheidung, welche Schrift in der Grundschule eingeführt werden müsste, von den Bildungsministerien getroffen wird und nicht in der Entscheidungfreiheit der einzelnen Schulen liegt. Nicht mit der Frage, „Welche Schrift ist die schönste?“, sondern mit der Frage, „Welche Schrift ist für Kinder am besten lesbar, eindeutig und flüssig schreibbar – und eignet sich damit als gemeinsame Grundlage über die Grundschule hinaus?“ Wenn eine solche Schrift diese Kriterien erfüllt, spricht einiges dafür, sie landesweit verbindlich vorzugeben.
Die Handschrift jedes Menschen wird individuell. Sie wird schneller, größer, schräger, schwungvoller oder eigenwilliger. Das soll auch so sein. Aber Individualität braucht eine gemeinsame Grundlage. Kinder dürfen ihre eigene Handschrift entwickeln. Aber alles zu seiner Zeit.
Und vielleicht sollten wir Erwachsenen uns gelegentlich daran erinnern, was Schrift eigentlich ist: eine Technik, mit der ein Mensch seine Gedanken so aufbewahrt, dass er sie später wieder lesen kann. Dies gilt auch im Zeitalter der digitalen Welt.
Silvana Rödder ist Studiendirektorin und Pädagogische Leiterin an einem Gymnasium in Mainz.





