Dr. Jacques Schuster führte das Interview, das erstmals am 22. Februar 2026 in der WamS erschienen ist. Sie finden es hier.
„Teufelskreis“ aus Kompromissen mit linken Parteien: Historiker und CDU-Mitglied Rödder seziert die Zwangslage, in die Kanzler Merz sich manövriert habe – und wie der Parteichef da wieder herausfinden könne. Im Ringen mit der AfD sei eines unvermeidbar.
Historiker Andreas Rödder, 58, ist seit 2005 Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Der Christdemokrat war Vorsitzender der Grundwertekommission seiner Partei.
WELT AM SONNTAG: Herr Professor Rödder, glaubt man den jüngsten Umfragen, dann sind die Minister der Ampel-Regierung heute angesehener als die der schwarz-roten Koalition. Wie erklären Sie sich diese Werte?
Andreas Rödder: Umfragen sind launische Diven. Ich rede lieber über inhaltliche Substanz als über diesen Schaum auf der Welle, der meistens nicht einmal bis zum nächsten Wochenende hält. Die große Kunst der Politik wäre es, sich von dieser Umfragen-Logik stärker freizumachen.
WAMS: Aber es geht ja nicht nur um Umfragen, sondern auch um die politische Wirkung nach innen. Ist Friedrich Merz Ihrer Meinung nach ein Opfer widriger Umstände – Wirtschaftskrise, internationale Konflikte, schwieriger Koalitionspartner? Oder trägt er durch Stil, Sprache und strategische Entscheidungen wesentlich zu diesem Umfrageproblem bei?
Rödder: Friedrich Merz ist natürlich ein Kanzler in schwierigen Zeiten. In dieser besonderen Situation hat er Entscheidungen getroffen – etwa die Schuldenbremse zu modifizieren und sich auf eine Koalition einzulassen, die permanent Kompromisse erfordert. Insofern hat er unter schwierigen Bedingungen spezifische Weichenstellungen vorgenommen, mit denen er nun regieren muss. Und diese Entscheidungen haben selbstverständlich auch Konsequenzen für das öffentliche Ansehen.
WAMS: Nun ist die öffentliche Meinung insofern ungerecht, als die Wähler die Union und SPD letztlich in diese Koalition gezwungen haben – und nun unzufrieden sind, dass der Kanzler Kompromisse schließen muss.
Rödder: Das ist natürlich die strukturelle Schwierigkeit des Regierens für Friedrich Merz. Aber – Stichwort Entscheidungen – es war eben auch eine eigene Entscheidung, sich an die SPD zu binden und jede andere Möglichkeit auszuschließen. Wer Alternativen von vornherein verwirft, hat gegenüber dem Koalitionspartner kein Druckmittel mehr in der Hand. Das führt zu einer Konstellation, die jetzt alternativlos wirkt – obwohl wir alle wissen, dass in der Politik nichts alternativlos ist.
WAMS: Was heißt das für die Union?
Rödder: Analytisch betrachtet befindet sich die Union in einem Teufelskreis: Sie ist auf die SPD beziehungsweise für Zwei-Drittel-Mehrheiten im Bundestag auf Rot-Rot-Grün angewiesen. Dadurch muss sie Kompromisse nach links machen. Diese Kompromisse schwächen sie bei ihrer eigenen Kernwählerschaft, stärken die AfD, erhöhen wiederum die Abhängigkeit von linken Parteien – und schwächen die Union weiter. Die Herausforderung besteht darin, diesen Teufelskreis strategisch zu adressieren und zu durchbrechen.
WAMS: Würde es Ihrer Meinung nach etwas bringen, wenn der Kanzler oder die Union stärker auf den Tisch schlügen und auch mit dem Bruch der Koalition drohten?
Rödder: Wenn Sie einen Teppich kaufen wollen und zum Händler sagen: Ich will diesen Teppich heute hier und um jeden Preis, dann verlassen Sie das Geschäft mit genau diesem Teppich – und zu genau dem Preis, den der Händler fordert. Wenn Sie dem Händler dagegen signalisieren: Ich kann auch anders, dann wird er sich überlegen, ob er nicht konzessionsbereiter sein sollte. Insofern gilt: ohne Bargaining-Chip keine Verhandlungen.
Es ist gar nicht in erster Linie eine Frage des Auf-den-Tisch-Hauens, sondern der glaubwürdigen Kommunikation, dass ich von meinem Gegenüber nicht abhängig bin, sondern auch anders kann – auch wenn das natürlich unbequem wäre. Es ist gewiss nicht die Situation für eine Minderheitsregierung – aber wenn ich keinen Druck ausüben kann, kann ich auch nicht verhandeln.
WAMS: Die außen- und sicherheitspolitische Lage ist ernst. Kann man sich innenpolitische Experimente leisten?
Rödder: Ich plädiere ja gar nicht für eine Minderheitsregierung. Aber wer gar kein Druckmittel hat, kann sich auch nicht durchsetzen. Und Angst vor dem Tode ist kein Rezept.
WAMS: Wie sähe eine entschlossene Haltung in der Regierung aus? Was stellen Sie sich konkret vor?
Rödder: Die Union hat zwei große Aufgaben, die beide unter dem Begriff „Politikwechsel“ zusammenfallen. Das eine ist die Einleitung einer konsequenten Reformpolitik mit dem Ziel, das schwer angeschlagene Modell Deutschland wieder zukunftsfähig zu machen. Das andere ist der Kampf um die Vorherrschaft auf der rechten Seite des politischen Spektrums. Denn das ist die zentrale Auseinandersetzung, die derzeit in vielen westlichen Gesellschaften geführt wird. In den USA ist sie einstweilen zugunsten des MAGA-Lagers entschieden, in Italien zugunsten von Giorgia Meloni.
In Deutschland ist die Entscheidung offen. Die Union wird diese Auseinandersetzung um die Vorherrschaft auf der rechten Seite des politischen Spektrums mit der AfD führen müssen. Und sie kann sie nur durch eine überzeugende eigene Politik führen. Damit sind wir wieder beim Politikwechsel hin zu einer Reformpolitik, die sie sowohl in der Auseinandersetzung mit der AfD als auch in der Selbstbehauptung gegenüber der politischen Linken profilieren würde.
WAMS: Weil Sie die MAGA-Bewegung gerade erwähnt haben. Wie bewerten Sie die Rede des Bundeskanzlers auf der Münchner Sicherheitskonferenz?
Rödder: Friedrich Merz hat in München einen energischen Auftritt absolviert und Führungsanspruch dokumentiert. Und er hat Fehlentwicklungen der deutschen Außenpolitik der letzten Jahrzehnte deutlich benannt.
Auf der anderen Seite wundere ich mich, dass er sich so apodiktisch vom Thema Kulturkampf distanziert. Denn wenn die Amerikaner konkretisieren, was sie mit Kulturkampf meinen – J. D. Vance etwa mit Blick auf die Meinungsfreiheit, Rubio mit Blick auf Klimapolitik und Migration –, dann sind das in der Tat zentrale Politikfelder, auf denen sich die Europäer kritisch selbst hinterfragen müssen. Merz weist den Kulturkampf von sich. Aber was sind die Energiewende, das Verbrenner-Aus oder die Migrationspolitik anderes als Folgen kultureller Grundsatzkonflikte?
WAMS: Die CDU war lange die politische Heimat der bürgerlichen Mitte. Wie hat sich diese Mitte verändert?
Rödder: Unter Angela Merkel ist die Union bewusst nach links gerückt – in der Annahme, die AfD werde ihr nicht gefährlich, sondern stärke sogar die Glaubwürdigkeit der CDU als Partei der Mitte, die damit zugleich die Linke schwäche. Das funktionierte in den 2010er-Jahren, allerdings um einen doppelten Preis, nämlich der inhaltlichen Entkernung der CDU und dem Anwachsen der AfD. Dieses Anwachsen steht im Zusammenhang eines fortschreitenden Vertrauensverlustes in politische Institutionen und einer zunehmenden Frustration in bürgerlichen Kreisen – und das ist eine toxische Mischung.
WAMS: Merz sagt, wenn Deutschland gut regiert werde, schrumpfe die AfD. Tut sie aber nicht.
Rödder: Das wiederum setzt den Politikwechsel voraus. Ich will als Historiker gar nicht vorschnell urteilen. Helmut Kohl wurde nach 1983 vorgeworfen, er verspiele die Wende – und rückblickend sehen wir, dass sich mehr verändert hat, als die Zeitgenossen wahrgenommen haben. Dennoch: Dass der angekündigte Politikwechsel bislang in vielen Bereichen ausbleibt, ist ein Befund, der kaum zu bestreiten ist.
WAMS: Ist die AfD überhaupt noch kleinzukriegen?
Rödder: Sicher nicht, indem man sie hinter einer Brandmauer quarantänisiert und so tut, als gäbe es sie nicht. Auf null wird man sie nicht zurückbringen. Aber viele Wähler, beispielsweise diejenigen, die zwischen 2021 und 2025 zur AfD gegangen sind, ließen sich zurückgewinnen. Jedenfalls lohnt sich der Kampf um diese Wähler.
WAMS: Was würde es für die CDU bedeuten, wenn sie in den ostdeutschen Ländern dauerhaft nur noch zweite oder drittstärkste Kraft hinter der AfD wäre? Verändert das am Ende zwangsläufig auch die Programmatik der Bundespartei?
Rödder: Ich fürchte, dass die Wahlergebnisse in den neuen Ländern die Union vor eine Zerreißprobe stellen, auf die sie sich strategisch nicht vorbereitet hat. Nehmen Sie Sachsen-Anhalt: Manche sagen ja schon, das Einfachste wäre, wenn die AfD die absolute Mehrheit gewänne – dann müsste man über nichts weiter nachdenken. Das ist die Kapitulation, bevor die Schlacht begonnen hat.
Wenn das nicht eintritt, was wahrscheinlich ist, blieben der Union dort drei Möglichkeiten: eine Volksfrontregierung gegen die AfD; eine eigene Minderheitsregierung, unter Umständen mit Zustimmung der AfD; oder die Tolerierung einer AfD-Regierung. Jede dieser Optionen würde die Union in eine Zerreißprobe führen. Gerade daran zeigen sich die Bruchlinien, die in der Partei angelegt sind.
WAMS: Und das heißt?
Rödder: Nach meinem Dafürhalten ist es zwingend notwendig, sich auf eine solche Situation strategisch vorzubereiten. Anderenfalls, fürchte ich, brauchen wir uns über vieles andere gar keine Gedanken mehr zu machen – dann drohen eruptive Veränderungen im Parteiensystem. Als Historiker weiß ich: Die Dinge sind weniger fest gefügt, als sie oft scheinen. Und die Ostdeutschen wissen das aus persönlicher Erfahrung erst recht.
WAMS: Wie groß ist die Gefahr, dass die Union in eine ähnliche Lage oder Falle gerät wie die SPD nach Gerhard Schröder – Regierungsverantwortung, Reformdruck, aber eine schleichende Erosion im eigenen Milieu und in der eigenen Partei?
Rödder: Die Analogie stimmt – und sie stimmt nicht. Die Union hat nicht das Problem, dass eine geleistete Reform wie die Agenda 2010 sie innerlich zerreißt. Ihr Problem ist eher der ausbleibende Politikwechsel hin zu einer Reformpolitik – und das Verhältnis zur Ära Merkel, die nicht durch Reformen wie die Agenda 2010 gekennzeichnet war, sondern durch politische Entscheidungen wie die Energiewende, die Migrationspolitik oder die Russland-Politik.
WAMS: Wenn Sie in zehn Jahren auf die jetzige Phase zurückblicken: Woran wird man den Merz-Kurs historisch messen? An wirtschaftlichen Kennzahlen, an seinen außenpolitischen Leistungen oder an der Frage, ob die CDU Volkspartei geblieben ist?
Rödder: Wer auf diese Frage eine definitive Antwort gibt, ist ein Scharlatan, denn wie die Gegenwart als Vergangenheit aussieht, hängt von der Zukunft ab, die wir noch nicht kennen. Was Sie aber sagen können: Die wirtschaftliche Entwicklung samt der sozialen Sicherungssysteme, die Selbstbehauptung Deutschlands und Europas in einer neuen globalen Ordnung und das Überleben der CDU als Volkspartei sind die großen Herausforderungen seiner Kanzlerschaft. Was dann am Ende überwiegt, hängt von den künftigen Entwicklungen ab. Erst in der Zukunft lässt sich beurteilen, wie die Gegenwart als Vergangenheit aussieht.
WAMS: Welchen Rat würden Sie Friedrich Merz als Historiker geben? Was darf er um keinen Preis tun – und was müsste er unbedingt wagen?
Rödder: Die Bedeutung einer Amtszeit hängt nicht von ihrer Länge ab. Allein schon von seinem Lebensalter her wäre Friedrich Merz der freieste Kanzler, um den für das Land dringend notwendigen Politikwechsel hin zu einer beherzten Reformpolitik einzuleiten – ohne Rücksicht auf eine Wiederwahl. Und dafür könnte ihm die CDU genau den Satz von Konrad Adenauer zurufen, den sie so gern zitiert: „Das Wichtigste ist der Mut.“
WAMS: Was Sie insgesamt gesagt haben – die Notwendigkeit von Grundsatzdebatten und eines Politikwechsels –, das setzt ja eine ungeheure Kraft innerhalb der Partei voraus. Besitzt die CDU diese Kraft überhaupt noch?
Rödder: Ich habe diese Kraft im Grundsatzprogramm-Prozess erlebt – und ich erlebe sie insbesondere bei den Jüngeren in der Partei. Gerade die Performance der Jungen Gruppe in der Rentendebatte, die aktuellen Interventionen vor dem Parteitag oder auch der jungen Frauen auf dem Hannoveraner Parteitag 2022 und viele Gespräche mit Jüngeren in der Partei führen mich zu einem vielleicht überraschend klingenden, positiven Befund: Gerade bei den Jüngeren schlummern besondere Potenziale. Wenn die Union darauf hört, hat sie die Kraft, eine wirklich dynamische, zukunftsfähige Partei zu sein.
Author
-
Andreas Rödder ist Leiter der Denkfabrik R21 und Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Gegenwärtig wirkt er als Helmut Schmidt Distinguished Visiting Professor an der Johns Hopkins University in Washington. Er war Fellow am Historischen Kolleg in München sowie Gastprofessor an der Brandeis University bei Boston, Mass., und an der London School of Economics. Rödder hat sechs Monographien publiziert, darunter „21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ (2015) und „Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems“ (2018), sowie die politische Streitschrift „Konservativ 21.0. Eine Agenda für Deutschland“ (2019). Andreas Rödder nimmt als Talkshowgast, Interviewpartner und Autor regelmäßig in nationalen und internationalen Medien zu gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung; er ist Mitglied im Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung und Präsident der Stresemann-Gesellschaft.
Alle Beiträge ansehen





