Deutschland braucht dringend grundlegende Reformen: einen Ruck, einen Agenda-2010-Moment, einen echten Kurswechsel. Oder, wie Jochen Andritzky in seinem Buch fordert: Deutschland braucht Visionen – „Zukunftsbilder“, die wieder Orientierung geben.
In seinem Buch seziert der ehemalige Generalsekretär der Wirtschaftsweisen und Mitinitiator der Zukunft-Fabrik.2050, Jochen Andritzky, das politische Handwerk im Umgang mit vier großen, von ihm als „transformatorisch“ bezeichneten Herausforderungen: Alterung, Klimawandel, digitaler Wandel und geoökonomischer Wandel. Dabei arbeitet er die weitverbreitete Kurzfristorientierung der Wirtschaftspolitik heraus und stellt dieser Diagnose bewusst entworfene Zukunftsbilder als Alternative gegenüber.
Stark und anschaulich analysiert Andritzky die Mechanik des politischen Betriebs. Er zeigt überzeugend, wie sich Politik in Talkshows, Zwischenrufen und Pseudo-Reformen erschöpft, während strukturelle Fragen zu Rente, Demografie, Klima oder Digitalisierung vertagt werden. Weil ein langfristiger Kurs fehle, so seine These, untergrabe kleinteiliger Interventionismus Vertrauen und verhindere Investitionen.
Im Zentrum des Buches steht die Rehabilitation des Begriffs Vision. Andritzky unterscheidet sorgfältig zwischen Utopien, Visionen und Meilensteinen und argumentiert, dass demokratische Politik ohne geteilte Zukunftsbilder in technokratischer Flickschusterei versandet. An diesem Punkt wird jedoch nicht jeder Leser folgen wollen. Andritzky setzt den Wunsch nach Visionen als Orientierungsrahmen voraus. Viele Bürger erwarten aber etwas Bescheideneres: einen Staat, der funktioniert, eine Verwaltung, die Anträge bearbeitet, eine Infrastruktur, die nicht verfällt, und Staatsfinanzen, die nicht aus dem Ruder laufen. Ob es dafür eines dauerhaften visionären Narrativs bedarf, bleibt offen.
Das Buch richtet sich damit vor allem an Leser, die sich größere Veränderungen wünschen. Die teils weitreichenden Reformvorschläge sind im föderalen Gefüge Deutschlands nicht leicht umzusetzen. Doch gerade der Mut, neu zu denken, zeichnet das Buch aus. Es argumentiert ordnungspolitisch solide und zeigt anhand zahlreicher Beispiele, wie moralisch aufgeladene Kurzfristpolitik und dirigistische Detailsteuerung in die Komplexitätsfalle führen. Es ist ein weiterer, gut begründeter Anstoß dafür, dass Deutschland mutige Reformen braucht – und kommt damit zum richtigen Zeitpunkt.
Kleiner Hinweis: Am 19. Januar um 18:00 Uhr präsentiert Jochen Andritzky das Buch gemeinsam mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Johannes Winkel im KulturKaufhaus Dussmann in Berlin. Das Buch finden Sie hier.
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Nils Hesse berät und unterstützt die Denkfabrik R21 in Fragen der Ordnungspolitik und der Weiterentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft. Er hat Abschlüsse in VWL, BWL, Social Science und Politikwissenschaften und an der Uni Freiburg / Abteilung für Wirtschaftspolitik promoviert. Nils Hesse hat unter anderem als Redenschreiber im Bundeswirtschaftsministerium, Referent beim BDI, Wirtschaftspolitischer Grundsatzreferent im Kanzleramt, Journalist, Economic Analyst bei der EU-Kommission, Lehrbeauftragter und Fraktionsreferent der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gearbeitet. Derzeit arbeitet er an einer Habilitationsschrift zum Thema „Ordoliberalismus und Populismus“.
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