Guten Morgen Sarah, erste Frage: Wie geht es der Demokratie in den USA?
Mittelprächtig, das ist aber nicht erst seit Trump so.
Was passiert derzeit?
Was Demokratisches: die «No Kings» Demonstrationen vom Samstag und den ungefähr zwei Wochenenden davor. Abertausende Menschen demonstrieren gegen den Iran-Krieg, gegen die Abschiebungspolitik der Regierung, gegen die «Invasion» amerikanischer Städte durch ICE-Beamten, gegen Israel, gegen Trump. Demonstrationen, die aber – denke ich – bald wieder versiegen werden. Amerika ist der langfristigen Demonstration nicht fähig. Wie sagte mir mal jemand, den ich sehr schätze? Ein Philosophieprofessor aus New York: erst wenn die Leute hier keinen Fernseher, kein Auto, kein Ladegerät mehr haben, sind sie der Demonstration fähig.
Dann tobt ein Haushaltsstreit …
Um die Finanzierung der ebenfalls zum Department of Homeland Security gehörenden Untereinheit ICE – die Demokraten weigern sich, deren Budget aufzustocken. Die Regierung fror die Gehälter der TSA – die an amerikanischen Flughäfen für Sicherheitskontrollen zuständig sind – ein, um die Demokraten unter Druck zu setzen. Denn TSA (für Transportation Security Administration) gehört ebenfalls zum Department of Homeland Security. Viele der Angestellten blieben aus Protest der Arbeit fern, meldeten sich krank. Kurzfristig schickte die Regierung ausgerechnet die allseits verhassten ICE-Beamten an Flughäfen, damit sie dort bei der Passagierabfertigung helfen. Dennoch mussten amerikanischen Flughäfen Passgiere stundenlang warten, das Auto wollten manche auch nicht mehr so richtig nehmen, wegen der irre hohen Benzinpreise seit dem Irankrieg. Nun gab es seitens der Regierung eine Notzahlung an die Mitarbeiter der TSA, derzeit geht es an den Flughäfen wieder.
Du sprichst das Benzin an. In einem Sonntagsinterview mit der «Financial Times» sagte Trump, was Ihm am besten gefalle, sei, das «Öl im Iran zu nehmen».
Das taten die USA bereits in Venezuela nach dem Sturz Maduros und übernahmen die Kontrolle über die venezolanischen Ölfelder. Nun zieht Trump US-Truppen in der Region um den Iran zusammen und in den USA steigt der Ölpreis. In Südkalifornien kostet eine Gallone Benzin (knapp vier Liter) nun sieben Dollar, in Upstate New York stieg der Gallonenpreis von 2,95 Dollar auf 3,85 Dollar, manchmal über vier. Das ist gemessen an den Preisen in Europa vielleicht immer noch wenig, für Amerikaner, die gesamtgesellschaftlich mehr als jedes andere westliche Volk, auf das Auto angewiesen, sehr viel. Dass der Ölpreis derzeit so hoch liegt, hängt zeitlich wahrscheinlich mit den Angriffen der vom Iran unterstützten Houthis auf Israel zusammen. Die Houthis könnten die Meerenge von Bab el-Mandeb unter ihre Kontrolle bringen, durch die Tanker etwa 10 % des weltweiten Öls aus dem Roten Meer in den Golf von Aden und in das Arabische Meer transportieren.
Während seines Wahlkampfes 2025 inszenierte Trump sich aber als «Friedenspräsident». Er sei nicht gekommen, um Kriege zu machen, sondern sie zu beenden. Nun bricht er mit der republikanisch-konservativen Tradition der Nicht-Intervention – in fremde Konflikte, in den Markt, et cetera. Ist nun wirklich das MAGA-Schisma da – Isolationisten versus «Kriegstreiber» –, von dem alle reden? Oder nochmal anders formuliert: Zerbricht MAGA am Irankrieg?
Ich habe in einem Gespräch, dass wir vor einiger Zeit geführt haben, schon einmal gesagt, dass die Isolationisten, die Kriegsgegner, innerhalb von MAGA – damit meinte ich auch die Basis, die Wählerschaft – eine krasse Minderheit darstellen, und dass MAGA weit geschlossener ist, als seine Kritiker es wahrhaben mögen. Das gilt auch jetzt. Für MAGA, seine verschiedenen Untergruppen und Anhänger ist Trump in der grossen Mehrheit weiterhin «their guy», der «für sie» das Establishment, die Eliten aufs Korn nimmt, und das nicht nur rhetorisch, sondern eben auch wirtschaftlich – durch die Verhängung von Zöllen. Ausserdem hat Trump die Senkung von Medikamentenpreisen verordnet. Derzeit skandieren Zeitungen mit Überschriften wie «MAGA is split», die Associated Press spricht von «Rissen» im MAGA-Gefüge, «The Week» von Trumps unverzeihlichem Betrug an MAGA. Also ich weiss nicht. Soweit ich sehen kann, inszenieren sich derzeit vier prominente MAGA-Leute, die schon länger verschwörungstheoretische Tendenzen zeigen, als Antikriegstreiber: die beiden ehemaligen «Fox News» Moderatoren Megyn Kelly und Tucker Carlson, ausserdem die ehemalige Abgeordnete Marjorie Taylor-Greene aus Georgia und Steve Bannon. Sie alle stehen für «America First», und sie alle werden von den Medien aufgegriffen und zur Kernzelle eines grösseren Widerstands aufgebauscht – dem ist aber nicht so, das zeigen auch Umfragen.
Du sprachst das Thema Verschwörungstheorien an – laut Umfragen wächst in den USA der Bevölkerungsanteil, der an die ein oder andere Verschwörungstheorie glaubt, rapide an.
Verschwörungstheorien erkennt man, wie man Porno erkennt, intuitiv und auch ohne je etwas davon geschaut oder gehört zu haben. Und ja, insgesamt sind Verschwörungstheorien sichtbar und beliebt wie schon lange nicht mehr – nach dem Attentatsversuch auf Donald Trump explodierten sie, bis heute. Ungefähr 50 Prozent aller Amerikaner glauben an mindestens eine Verschwörungstheorie. Eine jüngste Studie des «Journal of Social and Political Relationships» versucht, den Hang zur Verschwörungstheorie anhand der von QAnon betriebenen Verschwörungsphantasien zu erklären. QAnon glaubt, dass die sogenannten gesellschaftlichen Eliten von einer geheimen Gruppe satanistischer, kannibalistischer Pädophiler aus dem „Deep State“ beherrscht wird. Und die einschlägigen Verschwörungstheorien kennen wir: Menschen sind überzeugt, der Klimawandel sei erlogen, von wem ist unklar, um dustere politische oder wirtschaftliche Ziele durchzusetzen. Wiederum andere glauben, dass Impfungen Autismus herbeiführen und die Pharmaindustrie, die selber nur Marionette grösserer Mächte ist, auf diesem Wege Menschen in gefügige Halbzombies verwandelt. Früher hielten manche Obama für ein Reptil aus dem Weltall, der sich angeblich von den Energien der Erde und ihrer Bewohner ernährte. In seinem Wahlkampf griff Donald Trump unzählige Verschwörungsängste auf und appellierte damit an Urängste seiner potentiellen Wähler. Weiterhin beschimpft MAGA die Medien als Lügenpresse und Verbreiter von „fake news“. Umgekehrt zeigen Medien sich dieser Tage besonders ungehalten allem gegenüber, was nur einen Funken Verschwörungstheorie in sich zu tragen scheint. Vor allem Rechtspopulisten geraten ins Visier, es herrscht Paranoia: Obsessiv berichten Medien, welcher Trumpist oder welcher AfD-ler an welche Verschwörung glaubt.
Dennoch, wir alle haben verschwörungstheoretische Momente ..
… kennen das Gefühl, ein Tag oder eine Situation habe sich gegen uns verschworen, wenn morgens erst der Föhn nicht anspringt, der Lippenstift abbricht, dann noch die Bahn ausfällt. Verschwörungstheorien sind ausserdem fast so alt wie die Menschheit, sie sind inzwischen nur stigmatisierter, oft aber auch radikaler als früher. Einst waren Verschwörungstheorien höchst salonfähig: elaborierte antike Redner evozierten Verschwörungsgerüchte im politischen Kampf um die Polis, im Mittelalter glaubten Menschen an die Hexenkomplotte, es gab den Mann mit der eisernen Maske und Watergate. Freimaurer, Sozialisten und Liberale wurden gerne als Verschwörer bezeichnet, der Mord an JFK wurde für manche vom CIA initiiert. Und Vorsicht im Hinblick auf Verschwörungstheorien walten zu lassen, ist bis zu einem gewissen Grad natürlich richtig, immerhin besteht ein direkter, kausaler Zusammenhang zwischen der (falschen) Erzählung von der jüdischen Weltverschwörung und dem Holocaust. Doch nicht alle Verschwörungstheorien sind im politischen rechts-aussen Spektrum angesiedelt, sind gewaltaffin, rassistisch oder anderweitig gefährlich. Verschwörungstheorien lassen sich auch anders betrachten als wirre Denkkollage, in der man nicht vor oder zurückspulen kann, oder als den paranoiden Symbolismus eines Sterneguckers – Alles hängt zusammen, alles verweist auf Obskures ist eine Denkfigur, auf die verschwörungstheoretisches Denken heruntergebrochen werden kann.
Obama sagte einmal so klug, Trump sei nicht die Gegenwart, sondern symptomatisiere sie nur. Gilt das auch für Verschwörungstheorien in den USA?
Sicherlich. Die Gegenwart ist unendlich komplex, von widersprüchlichen Informationen und Deepfakes überschwemmt; esoterisch angehauchte Bücher wie Theo of Golden von Allen Levi sind auf Platz eins der Bestsellerlisten. Die Menschen machen zunehmend ihre eigenen «Recherchen» im Bereich Wirtschaft oder Politik und auch sonst, urteilen nicht mehr nüchtern-objektiv, sondern bedeutungsschwanger. Immer geht es dabei um die Idee des Komplotts: ein paar Wenige versuchen – böswillig – alle Anderen zu beherrschen. Verschwörungstheoretiker sind überzeugt, einem Komplott auf der Spur zu sein. Für sie gibt es keine Zufälle, sie sehen nur die perfiden Pläne anderer Mächte am Werk.
Was unterscheidet die Verschwörungstheorie von der normalen Verschwörung?
Der Massstab und das Eintreffen. Der Mord an Julius Cäsar wurde von einer Gruppe Senatoren um seinem Adoptivsohn Marcus Junius Brutus geplant und durchgeführt. Es war von vorneherein ein zu realisierender Plan, das Ziel war begrenzt, der Aufwand auch. Verschwörungstheorien operieren mit grösseren Zahlen und Zielen, wären kaum umzusetzen und ihre Umstände nur schwerlich zu kontrollieren. Vertreter von Verschwörungstheorien sind überzeugt, die Wahrheit entdeckt zu haben, sind unter einer Masse dröger, äsender Schafe die wachen und fidelen, die die gleichgeschalteten Hirne (die „Gleichschaltung“ ist eine in Verschwörungstheorien beliebte Metapher) der Massengesellschaft und Marionettenparlamente anklagen.
Vielleicht nochmal was zu den grassierenden «linken» Verschwörungstheorien in den USA heute?
Na, der Glaube, dass «big coorporations» die Welt kontrollieren, der Glaube an «globale Eliten» als Herrscherkaste über eine durch den Kapitalismus versklavte Bevölkerung, der Glaube an eine irgendwie «von rechts» gesteuerte Sabotage linker Klimapolitik durch das Zurückhalten wichtiger Klimadaten.
A propos: was machen eigentlich die Demokraten grade, wie steht es um die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft?
Es geht. Die Chancen, dass die Demokraten bei den Midterms den Senat zurückgewinnen, sind bescheiden. Der demokratischen Partei gelingt es nicht, außerhalb ihrer Aversionsbubble im Hinblick auf Trump zu denken. Und junge Demokraten unterscheiden sich von der alten Biden-wählenden Generation, konsumieren die Medien auch anders. Es gibt in den USA die Platform Meidas Touch – so etwas wie die linksaussen Version von dem, was einmal Breitbart für Rechtsaußen war. Hier warte ich wirklich auf eine ausgiebige Medienanalyse. Die Plattform wurde 2020 von den drei Meiselas-Brüdern gegründet, eine hysterische Kakophonie aus Videos, Pseudointerview, Hass und Hetze, übrigens auch krass verschwörungstheoretisch angehaucht, narzisstisch aufgeplustert, insinuierend, polarisierend. Ich glaube, die Hysterisierung und Spaltung der amerikanischen Gesellschaft ist alles andere als stabil, wird eher noch weiter voranschreiten.
Author
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Sarah Pines ist im Sauerland und in Bonn aufgewachsen, hat Literaturwissenschaft in Köln und an der Stanford University studiert und wurde in Düsseldorf mit einer Arbeit über Baudelaire promoviert. Sie schreibt für die Kulturressorts der ›Zeit‹, der ›Welt‹ und der ›NZZ‹. Pines lebt als freie Autorin in New York. 2020 veröffentlichte sie die Kurzgeschichtensammlung ›Damenbart‹; im August 2024 erscheint ihr erster Roman ›Der Drahtzieher‹.
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