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Europas Emissionshandel braucht ein Update: Wir sollten nur noch vorangehen, wenn die Welt uns auch folgt

Europas zentrales Klimainstrument, der Emissionshandel (EU-ETS I), steht vor einem strategischen Wendepunkt: Entweder wird er durch immer neue Ausnahmen und Eingriffe beschädigt — oder er wird zum Hebel für globale Klimakooperation weiterentwickelt.

Die vorliegende Studie argumentiert, dass die aktuelle EU-Strategie an ihre Grenzen stößt. Ein immer schneller sinkender Emissionsdeckel bei gleichzeitig unzureichender Klimaanstrengung der übrigen Welt erhöht den Druck auf Europas Industrie, ohne die globalen Emissionen nennenswert zu senken. Die EU verantwortet nur rund 6–7 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Auch Instrumente wie der CO₂-Grenzausgleich (CBAM) a) gleichen die Wettbewerbsnachteile der europäischen Industrie kaum aus, b) reizen den Rest der Welt nur begrenzt an, den europäischen Klimaambitionen zu folgen, und c) schaffen neue bürokratische Lasten und handelspolitische Hemmnisse.

Klimaschutz nach dem Prinzip Gegenseitigkeit
Der Kernvorschlag der Studie ist ein Paradigmenwechsel: Der Emissionshandel wird an die Klimaanstrengungen anderer großer Emittenten gekoppelt. Konkret bedeutet das: Die EU setzt ihre Klimaziele weiter um — aber das Tempo zusätzlicher Verschärfungen hängt davon ab, ob wichtige Handelspartner vergleichbare Fortschritte erzielen. Bleiben diese Fortschritte aus, wird die weitere Absenkung des Emissionsdeckels vorübergehend pausiert. Kommen sie schneller, zieht auch die EU nach.

Diese „reziproke Klimapolitik“ verändert die Logik europäischer Klimapolitik grundlegend. Sie schützt die Industrie vor einseitiger Überlastung, erhöht den Druck auf große Emittenten wie die USA, China oder Indien — und schafft erstmals glaubwürdige Anreize für echte internationale Kooperation statt symbolischer Selbstverpflichtungen.

Die Studie zeigt zudem konkrete Wege auf, wie aus diesem Ansatz ein globales System entstehen kann: durch verknüpfte Emissionshandelssysteme, einen internationalen CO₂-Mindestpreis oder einen reziproken Klimaclub mit Staaten, die ihre Klimaambition an das Verhalten der anderen Clubmitglieder ausrichten.

Die zentrale Botschaft: Europa kann das Klima nicht im Alleingang retten. Aber es kann die Regeln so setzen, dass andere einen Anreiz haben mitzuziehen. Ein reziprok ausgestalteter Emissionshandel wäre dafür das bislang fehlende strategische Instrument — und zugleich der beste Schutz davor, dass die EU ausgerechnet ihr erfolgreichstes Klimainstrument durch immer neue Eingriffe selbst beschädigt.

Ein Factsheet zur Studie finden Sie hier.

 

 

 

 

 

Author

  • Nils Hesse

    Nils Hesse berät und unterstützt die Denkfabrik R21 in Fragen der Ordnungspolitik und der Weiterentwicklung der Sozialen Marktwirtschaft. Er hat Abschlüsse in VWL, BWL, Social Science und Politikwissenschaften und an der Uni Freiburg / Abteilung für Wirtschaftspolitik promoviert. Nils Hesse hat unter anderem als Redenschreiber im Bundeswirtschaftsministerium, Referent beim BDI, Wirtschaftspolitischer Grundsatzreferent im Kanzleramt, Journalist, Economic Analyst bei der EU-Kommission, Lehrbeauftragter und Fraktionsreferent der CDU/CSU-Bundestagsfraktion gearbeitet. Derzeit arbeitet er an einer Habilitationsschrift zum Thema „Ordoliberalismus und Populismus“.

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