Von Jörg Hackeschmidt und Caroline König
Im Juli 2025 wird dem Mitarbeiter des SPD-Bundestagsabgeordneten Falko Droßmann der Zutritt zu einem Bundestagsgebäude verwehrt. Der Grund: Er verstößt gegen die Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages, denn er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Antifascist Allstars“. Nur drei Monate später schließt der Linken-Abgeordnete Ferat Koçak eine Rede im Parlament mit der Losung “Alerta, alerta, antifascista!”. Und das ohne eine Intervention des Bundestagspräsidenten, Koçaks Parteigenossen Bodo Ramelow, der die Sitzung leitete.
Unterschiedlicher könnten diese zwei Begebenheiten unter ein- und demselben Dach nicht sein. Aber sie machen erstens klar: Antifaschismus schillert. Zweitens ist der Begriff gelebter, aktiv bewirtschafteter Teil linker Identität, von der SPD über die Linke bis zu den Grünen. Und er wird von Linken als politische Waffe in der Tagespolitik eingesetzt.
Falsche Freunde im Kampf gegen den Faschismus
Nun könnte man sagen, Antifaschismus müsste dem Wortsinn gemäß, als dezidierte Absage an jegliche Form des Faschismus, für jeden freiheitsliebenden Demokraten eine Selbstverständlichkeit sein. Doch das ignoriert den historischen Kontext, und vom dem ist der Begriff nicht zu trennen. Außerdem: Wo der “Antifaschismus” ist, ist die fast niedlich klingende “Antifa” nicht weit. “Antifa” oder “Antifaschistische Aktion” wiederum ist eine Sammlung unterschiedlichster Gruppierungen, die zum Teil gewalttätig gegen alles vorgehen, das sie für “rechts”, “faschistisch” oder “rassistisch” halten – kritische Infrastruktur und Unternehmens-Sachwerte, aber auch Leib und Leben einzelner Personen. Die sogenannte Antifa hat nicht ohne Grund ihren Stammplatz im Verfassungsschutzbericht, und zwar unter “Linksextremismus”.
Aus diesem Grund machte Saskia Esken im Jahr 2020 Schlagzeilen, als sie über sich selbst twitterte: “58 und Antifa. Selbstverständlich.” Anscheinend wusste sie nicht, dass die Sozialdemokratie selbst vor Jahrzehnten zur Zielscheibe antifaschistischer Propaganda wurde. Und dass es sozialdemokratische bzw. sozialistische Partei-Granden waren, die schon vor 100 Jahren eindringlich vor falschen Freunden im Kampf gegen den Faschismus warnten.
Die Anfänge des Antifaschismus
Die erste faschistische Bewegung nahm bekanntermaßen 1919 in Italien mit Benito Mussolini ihren Anfang. Sie negierte alle Prinzipien, für die die nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen liberal-demokratischen Systeme standen: Humanismus, Liberalismus, Pluralismus und Parlamentarismus. Während sich in Italien relativ rasch unterschiedliche liberale, demokratische und antitotalitäre Strömungen gegen den Faschismus bildeten, setzte sich international und auch in Deutschland die sowjetkommunistische Linie durch. Die „Antifaschistische Weltliga“ von 1923 und in der Folgezeit die kommunistische Internationale, die “Komintern”, erklärten den Faschismus zu einer Etappe des zu überwindenden Kapitalismus und machten für den Aufstieg der Faschisten die Sozialdemokratie mit verantwortlich. Ernst Thälmann, Anführer der KPD und linientreuer Stalinist, beschimpfte die Sozialdemokraten als „Sozialfaschisten“. Den Unternehmern wiederum wurde vorgeworfen, mit dem Faschismus eine radikalisierte Form des “Kapitalismus” geschaffen zu haben.
Umgekehrt warnten Sozialisten und Sozialdemokraten schon früh vor den Gefahren des Sowjet-Kommunismus. Einer ihrer Theoretiker, Karl Kautsky, erklärte bereits 1918, eine „kommunistische Wirtschaft“ ohne Demokratie müsse in Despotie münden. Und der einflussreiche SPD-Vordenker Eduard Bernstein wies schon früh darauf hin, dass sich die sowjetischen Kommunisten Terror und blanker Gewalt bedienten, um die Diktatur einer Partei zu erzwingen. Kurt Schumacher warnte 1930 aus guten Gründen vor der KPD, die er als „rotlackierte Doppelausgabe der Nationalsozialisten” sah. Ähnlich äußerte sich 1931 auch Otto Wels.
Erst 1935 war die Komintern bereit, eine Allianz mit demokratischen Bewegungen gegen die Nationalsozialisten zu bilden – was vor allem taktischer Natur war. 1939 hatte die “antifaschistische” Sowjetunion kein Problem damit, mit Hitler-Deutschland einen Neutralitätspakt zu schließen, inklusive der Übereinkunft, zusammen ganz Osteuropa zu überfallen und untereinander aufzuteilen.
“Antifaschismus” als Selbstlegitimierung und politisches Herrschaftsinstrument
Als das „Dritte Reich“ 1945 besiegt war, hatte die Sowjetunion keinerlei Interesse mehr an einem wirklich antifaschistischen internationalen Bündnis. Im Gegenteil: Die Demokratien Europas wurden wieder “faschistisch” genannt. Der bolschewistische “Antifaschismus” samt des ihm zugrundeliegenden Faschismusbegriffs wurde Baustein der Herrschaftsideologie der Sowjetunion wie auch ihrer Satelliten. Und er wurde als Selbstlegitimation umso wichtiger, je mehr sich die kommunistischen Heilsversprechen von Demokratie und Wohlstand als haltlos erwiesen.
“Antifaschismus” avancierte entsprechend zum Gründungsmythos und zur Staatsdoktrin der 1949 gegründeten DDR – und er wurde zum Mittel der politischen Repression: Wer Antifaschist war, das bestimmten die Kommunisten. Jederzeit konnte ein einstiger Nationalsozialist bei positivem Verhalten im Sinne des neuen Systems zum Antifaschisten erklärt werden. Umgekehrt erlitten überlebende NS-Widerstandskämpfer, gleich ob nicht-linientreue Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen oder bürgerliche Politiker, in der SBZ bzw. DDR Verfolgung und Inhaftierung.
Der Nachbar, die Bundesrepublik Deutschland, wurde in der DDR-Propaganda zum imperialistischen und revanchistischen Staat in der Nachfolge des Nationalsozialismus. In diese Logik gehörte auch die Bezeichnung der Mauer als „antifaschistischer Schutzwall“, der vor “faschistischen Agenten” oder Einflüssen aus dem Westen schütze. Politische Gegner oder Aufstände wie der 17. Juni 1953 wurden als „faschistische Provokationen“ diskreditiert.
Antifaschismus als moralische Pflicht
Auch in der Bundesrepublik verfing die kommunistische Lesart des Antifaschismus, vor allem bei der 68er Generation, die sich von ihren Eltern und Großeltern klar abgrenzen wollte und überzeugt war, dass die deutsche Gesellschaft eine radikale Reinigung vom Faschismus bräuchte. Zumal die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der Tat nur sehr verzögert begann und personelle Kontintuitäten zwischen der NS-Diktatur und der neuen Republik wenig problematisiert wurden.
Als radikal “antifaschistisch” verstand sich seit Ende der 60er Jahre insbesondere die linke Terrororganisation “Rote Armee Fraktion”, kurz RAF. Für sie war die Bundesrepublik „präfaschistisch“ oder bereits zur Gänze „faschistisch“. Dass die DDR nicht nur ideologischer Partner, sondern auch Rückzugsraum der RAF war, überrascht nur wenig. Die Gruppe um Andreas Baader und Ulrike Meinhof sah sich allen Ernstes in der Tradition des Widerstands gegen Hitler. Gewalt wurde daher als legitime „Notwehr“ gegen ein mörderisches System umgedeutet. Auch der “US-Imperialismus” galt ihnen als moderne Form des Faschismus, während man mit linkem Staatsterror von Mao bis Fidel Castro kein Problem hatte.
Das Verstörende ist: Grundsätzlich hat sich an dieser Bewertung im weiten Feld der Antifa-Szene bis heute nicht viel geändert. Große Teile militanter “Antifaschisten” schöpfen nach wie aus der ideologisch-doktrinären Konkursmasse des DDR-Realsozialismus und haben nicht selten den gleichen Sound wie eine Ulrike Meinhof oder die KPD unter Thälmann Ende der 1920er Jahre.
Wieso eigentlich nur Antifaschismus?
Es versteht sich von selbst: Rechtsextremismus wirksam entgegenzutreten, ist gerade in Deutschland vor dem Hintergrund der eigenen Geschichte eine nie endende Verantwortung.
Aber ein politisch vereinnahmender und Solidarität einfordernder “Antifaschismus” muss hellhörig machen. Spätestens dann, wenn deutlich antiliberale oder antidemokratische Ziele mitschwingen. Im übrigen kann man sich als Demokrat und als Bürgerlicher nicht in einen “Antifaschismus” einreihen, der sich letztendlich gegen einen selbst richtet.
Und warum eigentlich nur Anti-Faschismus? Es wäre eine fragwürdige Geschichtsvergessenheit, würde man die Geschichte der zweiten deutschen Diktatur und des Kommunismus ausblenden und die strukturellen Ähnlichkeiten der totalitären Politiksysteme des 20. Jahrhunderts ignorieren, die Hannah Arendt in den 50er Jahren so hellsichtig analysiert hat. Totalitärer Herrschaft gehe es, so Arendt, in erster Linie um die Verdrängung demokratischer Regeln durch Terror und Gewalt, das Ersetzen von Individualität durch Massenorganisationen, die Vernichtung von bürgerlicher Öffentlichkeit und die Unterwerfung aller Lebensbereiche unter die jeweils herrschende Partei.
Es geht um Antiextremismus
Geschichte wiederholt sich nicht. Aber es treten immer wieder neue Varianten des Totalitarismus auf. Deswegen hat der Extremismusforscher Eckhard Jesse recht, wenn er von dem kontaminierten Terminus “Antifaschismus” abrät und stattdessen für einen umfassenden Antiextremismus plädiert, der alle antidemokratischen Strömungen ins Visier nimmt: Rechts- wie Linksextremismus ebenso wie den Islamismus.
Genauso wichtig ist Jesses Warnung vor einer reinen Abgrenzung mittels “Anti-” Begriffen. Eine demokratische Denkart habe überzeugend zu verdeutlichen, wofür sie steht, etwa Akzeptanz der Menschenrechte, Pluralismus, Liberalität, Konfliktbereitschaft, Reformwillen, Toleranz. “Das Wogegen verlangt ein Wofür.” So ist es.
Namensgeber dieser Kolumne ist der italienische Politiker, Publizist und marxistische Vordenker Antonio Gramsci (1891 - 1937). Er propagierte die Eroberung der “kulturellen Hegemonie”, um dadurch im nächsten Schritt reale politische Macht zu erlangen – ohne jemals dafür eine demokratische Mehrheit erlangt zu haben. Entscheidend sei dafür, den vorpolitischen Raum (Medien, Vereine, Institutionen und Sprache) zu beherrschen. Die von linken Ideen durchdrungene Zivilgesellschaft im Sinne Gramscis ermöglicht das “effektive Erzwingen von Veränderungen” (W. F. Haug).
Ein wichtiges Charakteristikum der kulturellen Hegemonie ist es, eigene (politische, kulturelle oder materielle) Interessen zu universalisieren, damit breite Gesellschaftsschichten diese als erstrebenswert erachten, selbst wenn sie den eigenen Interessen zuwiderlaufen. Wer über die Deutung von Ereignissen, Begriffen und Sachverhalten bestimmt, hat Macht.
In den 1920er Jahren gründete Gramsci mit anderen die Kommunistische Partei Italiens und folgte den revolutionären Vorgaben Lenins und der Sowjetunion. Er suchte nach einer Antwort auf die Frage, wieso die kommunistischen Revolutionen in Staaten wie Italien und Deutschland nicht gelangen. 1926 wurde Gramsci von der faschistischen Regierung Italiens verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Während seiner Haft verfasste er Texte mit philosophischen, soziologischen und politischen Überlegungen, die 32 Hefte füllen. Sie sind als “Gefängnishefte” bekannt geworden und bilden den Kern seiner Schriften.
Die Ideen und Instrumente Antonio Gramscis haben sich politische Bewegungen links von der Mitte zu eigen gemacht – von den Marxisten bis zu den woken, grünen Strömungen. Dort wird dieses strategische Vorgehen bis heute diskutiert, verfeinert und erfolgreich praktiziert. Seit einigen Jahren diskutieren auch extrem rechts stehende Kreise Gramscis strategische Ideen.
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Caroline König ist Expertin für strategische Kommunikation. Sie wirkte bis Herbst 2025 als Abteilungsleiterin „Politische Information“ im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung in Berlin. Sie war Pressesprecherin dreier Bundeskulturstaatsminister in den Jahren 2000 bis 2004. 2004 beobachtete die studierte Politikwissenschaftlerin in den USA den US-Präsidentschaftswahlkampf und berichtete u. a. regelmäßig in „ZEIT online“ darüber. Sie hat auch zu kommunikationspraktischen und tagesaktuellen Themen publiziert. Im Rahmen eines Sabbaticals 2020/21 hat sie die Arbeit der FDP-Bundestagsfraktion mit unterstützt.
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