Von Barbara Zehnpfennig
Ideologisch begründete Gegnerschaften leben von Vereinfachungen. Obwohl sich das Links – Rechts-Schema auf die gegenwärtigen politischen Frontstellungen nur noch begrenzt anwenden lässt, ist es nach wie vor eine Art Automatismus, alles, was nicht in das rot-grüne Spektrum passt, als rechts zu kennzeichnen. Dabei wird tunlichst nicht zwischen „rechts“ und „rechtsextrem“ unterschieden. Denn man will alles delegitimieren, was sich dem hegemonialen Anspruch einer rot-grünen Kultur- und Deutungselite widersetzt.
Nicht in ein solches Raster passt der Begriff des Bürgerlichen. Auch er lässt sich zwar als Feindbild verwenden, wenn man etwa an den „Spießbürger“ denkt, der seinen engen Horizont trotz aller Anmutungen der Zeit zu bewahren weiß. Doch der Begriff des Bürgerlichen muss nicht von seinem Zerrbild her verstanden werden. Er steht vielmehr für eine durchaus anspruchsvolle Lebensform und hat eine Herkunftsgeschichte, die eng mit der Entwicklung der Demokratie verbunden ist. Wenn man sich über den Bedeutungshorizont des „Bürgerlichen“ vergewissern will, hilft der Rückgriff auf eine Rede, die einer der herausragenden Vertreter jener Lebensform, Joachim Fest, anlässlich der Verleihung des Thomas-Mann-Preises 1981 in Lübeck hielt.[1] Was Fest hier ausführt, ist nicht veraltet. Es ist vielmehr eine konzise Darstellung der wesentlichen Merkmale der bürgerlichen Existenz, die über seine Zeit hinausweist.
Bürgertum im Niedergang?
Es gibt kaum einen präziseren Chronisten der bürgerlichen Lebensweise als Thomas Mann, und so war Fests Themenwahl bei der Dankesrede für den Thomas-Mann-Preis naheliegend. Die bürgerliche Existenz, die Mann in seinen Werken immer wieder porträtiert, balanciert allerdings am Abgrund. Immer umweht sie ein Hauch von Vergänglichkeit, und wer an das Ende der „Buddenbrooks“ denkt, kann in diesem Roman nur den Abgesang an eine Epoche erblicken. Und nicht nur das Tragische verbindet Mann mit der bürgerlichen Existenz, sondern auch das Komische. Der Kontrast zur Künstler-Existenz wird genüsslich ausbuchstabiert, hier das Ätherische, dort das allzu Bodenständige, hier das Genie, dort die Normalität, um nicht zu sagen: Banalität. Doch selbst durch das Parodistische hindurch wird die enge Verbundenheit Manns mit einer Existenzform erkennbar, die trotz seines Künstlertums auch seine eigene war. Dass er dieser Existenzform keine Zukunft mehr zutraute, dass er bereits an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert glaubte, das Zeitalter der Bürgerlichkeit gehe unwiederbringlich zu Ende, ist für Fest der Anlass, das Phänomen des Bürgerlichen noch einmal genauer in den Blick zu nehmen.
Denn auch zum Zeitpunkt von Fests Rede, in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, schien es so, als würde die Bastion des Bürgerlichen fallen. Die 68iger-Bewegung war nicht zuletzt ein Aufstand gegen das Bürgertum, das als Wegbereiter und Bewahrer des Faschismus betrachtet wurde. Insofern hätte Fest ebenso wie Thomas Mann allen Grund gehabt, das Ende des bürgerlichen Zeitalters einzuläuten. Doch das tat er nicht, und das hängt damit zusammen, welches Potential er im Bürgertum nach wie vor erblickte.
Was ist bürgerlich? Regelmäßigkeit
Wenn Fest das Bürgerliche würdigt, verkennt er nicht dessen Ambivalenz. Bürgerliche Beharrlichkeit kann in Starrheit, bürgerliche Selbstgewissheit in Selbstgefälligkeit umschlagen. Aber hier wie in allen anderen Fällen gilt: Der Missbrauch oder die Verfallsform einer Sache ist kein Argument gegen die Sache selbst. Die Sache selbst hält Fest für unbedingt bewahrenswert und leitet daraus seinen Auftrag ab. Denn: „Das Bürgertum hat schlechthin keinen Anwalt mehr.“ (12) Dieser Diagnose kann man sich wohl auch für unsere Zeit anschließen.
Was das bürgerliche Leben schon rein äußerlich kennzeichnet, so Fest, ist eine Neigung zu regelmäßiger Wiederkehr, zu ritualisierten Abläufen, ganz allgemein zum Geregelten. Das ist das Gegenbild zur rauschhaften Entgrenzung, zur chaotischen Außer-Kraft-Setzung von Regeln. Wer bislang vielleicht dazu neigte, solche Regelkonformität als spießig zu empfinden, wird angesichts der aktuellen Aufkündigung der regelbasierten Weltordnung durch Autokraten wie Putin oder Autokraten-Anwärter wie Trump möglicherweise nun anders darüber denken.
Die von Fest konstatierte bürgerliche Orientierung am Geregelten ist aber nicht Ausdruck eines uninspirierten Charakters, sondern Folge eines bestimmten Ethos. Sie resultiert daraus, sich selbst in die Pflicht zu nehmen, also sozusagen dem inneren Chaos und der immer wieder anbrandenden Versuchung, sich gehenzulassen, ein Ordnungsprinzip entgegenzusetzen, dem man sich freiwillig unterwirft. Zustimmend zitiert Fest Georg Lukács: „Bürgerlicher Beruf als Form des Lebens bedeutet in erster Linie das Primat der Ethik im Leben; daß das Leben durch das beherrscht wird, was sich systematisch, regelmäßig wiederholt, durch das, was pflichtgemäß wiederkehrt, durch das, was getan werden muß ohne Rücksicht auf Lust oder Unlust. Mit anderen Worten: die Herrschaft der Ordnung über die Stimmung, des Dauernden über das Momentane, der ruhigen Arbeit über die Genialität, die von Sensationen gespeist wird.“ (12)
Das alles mag langweilig klingen, ist aber systemerhaltend. Denn jedes echte System ist ein Ordnungssystem, eine Ordnung ineinandergreifender Funktionen, die immer wieder nach demselben Muster ablaufen. Fest erinnert in diesem Zusammenhang an die natürlichen Abläufe von Tag und Nacht, von Wochen und Monaten, an den Rhythmus der Jahreszeiten. Eine solche „Fügung ins Zyklische“ (14), wie sie die bürgerliche Existenz kennzeichnet, könnte man also geradezu als Widerspiegelung der Ordnung in der Natur betrachten. Dass eine derartige Existenz gegenwärtig, wo jede Berufung auf etwas Natürliches am Menschen schon als halb faschistisch gilt, auf heftige Ablehnung stößt, ist nachvollziehbar. Wenn man alles im Menschen, selbst sein Geschlecht, als Ergebnis seiner eigenen Konstruktion deutet, gibt es keine Natur des Menschen und keine Natur im Menschen. Fraglich ist dann nur, wer da konstruiert. Ein Konstrukteur, der sich selbst gleich mitkonstruiert?
Was ist bürgerlich? Leistungswille
Die Orientierung an Regeln ist für Fest allerdings nur die Außenseite des Bürgerlichen oder die Rahmenbedingung, unter der sich Bürgerlichkeit entfalten kann. Den Kern der Bürgerlichkeit erblickt er im Leistungswillen, „dem das Bürgertum alles verdankt, was erinnerungswürdig an ihm ist.“ (14) Natürlich ist dieser Leistungswille Ausdruck des schon genannten Ethos der Selbstüberwindung und Selbstdisziplin. Auf jeden Fall sieht Fest in dem Willen, sich selbst zur Leistung anzuspornen, den Nukleus, aus dem sich alle weiteren Kennzeichen des Bürgerlichen ableiten lassen.
Dazu gehört die Idee der Konkurrenz, also des Wettbewerbs, mit dem Ziel der Exzellenz. Diese anzustreben, bedeutet wiederum, Rangunterschiede anzuerkennen und das Herausragende, Geniale als Vorbild wahrzunehmen. Konsequent geht es bei dieser Bewunderung des Einzigartigen auch um den Einzelnen, um das Individuum, das sich in seiner Besonderheit von den anderen unterscheidet. Ungleichheit ist deshalb im bürgerlichen Bewusstsein kein Schreckgespenst, sondern eine natürliche Folge jener Rangordnung, die sich durch die Anwendung des Leistungsprinzips herstellt. Fest betont aber bei aller Befürwortung des Leistungsprinzips, dass Ungleichheit den Einzelnen nicht hemmen darf, sondern den Ansporn liefern soll, sich auszuzeichnen.
Es ist also ein in sich zusammenhängendes System, das sich aus dem Kern des Bürgerlichen entwickelt, und wenn Fest Letzteren noch einmal genauer in den Blick nimmt, erkennt er hinter dem Leistungswillen den Glauben an die Selbstverantwortung des Menschen und den Auftrag zur Selbstformung. Diese unterscheidet sich deutlich von der vorhin erwähnten Selbstkonstruktion. Denn was Fest meint, ist ein Prozess der Selbstbildung und Selbsterziehung, also eine Überformung des natürlich Angelegten in Richtung Vervollkommnung, und nicht eine gottgleiche Schöpfung des Selbst aus dem Nichts.
Jenes bürgerliche Ideal, sich zu bilden und geistige Erfahrungen zu suchen, die Persönlichkeits-prägend wirken, hat im Begriff des „Bildungsbürgertums“ eine abwertende Konnotation bekommen. Das ist nicht ganz unverständlich. Natürlich gab es auch eine Höhere Töchter-Variante des Bildungsstrebens, eine effektheischende Kulturbeflissenheit ohne innere Substanz. Doch wieder gilt: Die Karikatur darf nicht für die Sache genommen werden. Sich selbst nicht einfach als gegeben zu betrachten, an sich zu arbeiten, im Selbstbildungsprozess auch mit Selbstkritik nicht zu sparen, ist eine durchaus achtenswerte Haltung. Sie fordert eben auch Distanz zu sich selbst, die man nicht entwickelt, wenn man sich einfach seinen Bedürfnissen ergibt. Man muss schon seine geistigen Kräfte aktivieren, um sich von außen betrachten und als verbesserungswürdig erkennen zu können.
Darin liegt für Fest auch der entscheidende Akt der Befreiung – eben eine Selbstbefreiung, die sich grundlegend von allen Versuchen unterscheidet, den Menschen von außen befreien zu wollen. Fest hat bei Letzterem natürlich vor allem die sozialistische Vorstellung vor Augen, Unheil und Heil rein im gesellschaftlichen Bereich zu verorten und daher alle Aktivität auf dieses Gebiet zu konzentrieren. Aus solcher Perspektive kommt es nicht auf das Individuum an, sondern auf das Kollektiv, und die Determiniertheit durch die gesellschaftlichen Verhältnisse reduziert die Selbstverantwortung des Einzelnen oder macht sie gar unmöglich. Das ist in der Tat das Gegenkonzept zum bürgerlichen. Zuallererst muss die innere Freiheit errungen werden, und das ist ein Auftrag, der alle Anstrengung rechtfertigt.
Was ist bürgerlich? Kritik und Selbstkritik
Wodurch konnte sich das Bürgertum trotz aller Gegenkräfte, trotz aller Krisen und obwohl es immer wieder totgesagt wurde, doch immer wieder behaupten? Fest macht seine Überlebensstärke in einer zentralen Fähigkeit aus: die der Kritik. Indem es auch immer ein Misstrauen gegen sich selbst hegte, konnte es sich zwischen Tradition und neuen Herausforderungen bewegen, ohne in Erstarrung zu verfallen oder den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Bereitschaft, obsolet Gewordenes in Frage zu stellen und abzustreifen, betrachtet Fest ebenso als bürgerliche Tugend wie die, sich dem Neuen zu öffnen, ja sogar dem radikal Neuen.
Gegen diese Lebendigkeit, die zwischen Ableben und erneuertem Wiederaufleben changiert, erscheinen Fest Sozialismus und Nationalsozialismus als historisch ergraute Bewegungen. Dass es nicht einmal Hitler, dem „großen Ruinierer“ (19) gelang, das Bürgertum zu zerstören, bewies dessen Überlegenheit allen kulturpessimistischen Unkenrufen zum Trotz. Den Anteil, den das Bürgertum am Aufstieg Hitlers hatte, verschweigt Fest nicht. Er sieht das Versagen der bürgerlichen Schicht aber als keines an, welches das der anderen gesellschaftlichen Gruppen übertroffen hätte. Hitler war „das Desaster eines Volkes“ (19). Ergänzend könnte man hinzufügen: Dem Bürgertum entstammten auch beachtliche Teile des Widerstands gegen Hitler.
Auf jeden Fall sieht Fest den Grund für die Langlebigkeit einer immer wieder totgesagten Lebensform in der Fähigkeit des Bürgertums, Kritik auch gegen das von ihm selbst Geschaffene zu richten und sich von dem zu befreien, was zum toten Ballast werden könnte. Zugleich aber erfolgt der Ausgriff auf das Neue, das an seine Stelle treten soll. Die Gegenwart steht also immer im Spannungsfeld zwischen Herkunft und Zukunft; Tradition und Fortschritt werden gegeneinander abgewogen und austariert. Dass dies keine Selbstverständlichkeit darstellt, obwohl es so naheliegend erscheint, zeigt sich an den anti-bürgerlichen Bewegungen.
Das anti-bürgerliche Programm: Kritik ohne Selbstkritik
Es wäre interessant zu sehen, wie Fest unsere Gegenwart beurteilen würde, in der sich Dogmatismus und zersetzende Kritik am Bestehenden auf einzigartige Weise paaren und damit die bürgerliche Verbindung von Kritik und Selbstkritik fundamental in Frage stellen. Von rechter Seite aus erfolgt eine hemmungslose Eliten-, Parteien- und Medienkritik, die sich selbst großspurig und verantwortungsscheu zuschreibt, was sie bei allen anderen vermisst. Von linker Seite aus wird eine moralische Überlegenheit in Anspruch genommen, die der „Mehrheitsgesellschaft“ unterschiedslos „strukturellen“ Rassismus, Sexismus usw. unterstellt. Die einzige Daseinsberechtigung dieser „Mehrheitsgesellschaft“ scheint nur noch darin zu bestehen, den als unterdrückt gekennzeichneten Kollektiven Privilegien und finanzielle Förderungen zukommen zu lassen. Rechter Populismus und linke Identitätspolitik sind Phänomene, die Fest in dieser Form nicht mehr erlebt hat. Er starb 2006. Aber es ist aufschlussreich, was er als den Geist der 80iger Jahre, in der seine Rede entstand, wahrnimmt. Man erkennt nämlich durchaus die Vorboten dessen, was uns heute beschäftigt.
Fest beklagt eine zunehmende Aggression, die sich nicht nur gegen die Reglementierung des Lebens, sondern gegen „alle Ordnungskategorien“ überhaupt richtet sowie einen „Extremismus, der die bürgerliche ‚Idee der Mitte‘ als eine Form der Unmoral betrachtet. Eine uferlos gewordene, alles und jedes ergreifende Angriffslust offenbart, weil sie weder Sympathie noch Unterscheidungsvermögen kennt, gerade den Verlust jenes kritischen Bewußtseins, das sie für sich reklamiert.“ (20) Die Grenzenlosigkeit der Vorwürfe, auf die Fest hier anspielt, folgt wohl aus der fehlenden Selbstkritik. Denn der kritische Blick auf sich selbst führt in der Regel zur Mäßigung in seinen Ansprüchen an andere. Davon ist aber schon zu Fests Zeiten nichts mehr zu spüren, und so liest sich seine weitere Zeitdiagnose wie eine Zukunftsprognose.
Er stellt nämlich fest, dass dem bürgerlichen Individualismus inzwischen ein hemmungsloser Subjektivismus entgegengesetzt wird. Wenn man den Unterschied beider im Sinne Fests kennzeichnen wollte, könnte man sagen: Individualität ist Ergebnis der Anstrengung, aus sich selbst eine Persönlichkeit zu formen. Subjektivität ist die Selbstbehauptung des Ichs, so, wie es sich vorfindet. Hinter einer solchen Selbstbehauptung steht, so Fest, „eine Anspruchsgesinnung, die auf alle Begründungen lange verzichtet hat, auf nichts mehr verweist und verweisen kann als die eigenen Begehrlichkeiten und daher so unvermittelt in Larmoyanz umschlägt.“ (21)
Nun könnte man sich fragen, wie diese Fixierung auf das Ich zu der 68iger-Bewegung und ihrem Kampf für die Entrechteten passt. Denn Fest sieht die damalige Zeit ja als geprägt durch die Studentenbewegung und ihre radikale Infragestellung der bürgerlichen Gesellschaft. Doch dem sozialen Anliegen als entscheidender Triebkraft traut er offensichtlich nicht, wenn er hinter der Radikalkritik Egomanie vermutet. Er nimmt vor allem das Zerstörerische wahr, das im Gewand des Kampfes für eine gerechtere Gesellschaft auftritt. Die vollständige Abwertung der Leistungsorientierung, der Normalität, des Ordnungsgedankens ist stärker als jeder utopische Gehalt.
Inzwischen, so der Eindruck, hat man sich in die Verdammung des Bestehenden so verbissen, dass gar keine Utopie am Horizont mehr erkennbar ist. Rechter und linker Dogmatismus lassen zwar kein gutes Haar an den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, geben aber auch keinen Hinweis darauf, wie denn eine Zukunftsgesellschaft aussehen könnte, die ihren Ansprüchen genügte. Es scheint, dass unsere Gegenwart den Raum durchmessen hat, an dessen Eingang Fest noch stand. Das Alte ist obsolet, aber eine Tür zum Neuen zeigt sich nicht.
Die Zukunft des Bürgertums
Hat das Bürgertum angesichts dessen, was Fest zu seiner Zeit wahrnahm, und angesichts dessen, was unsere heutige Welt prägt, überhaupt eine Zukunft? Kann es wieder einmal und noch einmal unter Beweis stellen, wie lebendig es ist, obwohl man ihm bereits so oft den Untergang prophezeit hat?
Fests Argument dafür, dass es so sein könnte, ist das Fehlen einer echten Alternative – jedenfalls einer, die für die gesamte Gesellschaft tragfähig wäre. Die Arbeiterklasse, die in den 80iger Jahren schon nur noch in Ansätzen vorhanden war und als relevante Schicht heute gänzlich verschwunden ist, hat in Fests Augen nie eine eigene Kultur entwickelt; wenn es ihren Angehörigen möglich war, wählten sie den Aufstieg in das Bürgertum. Über Ersteres kann man streiten, Letzteres ist wohl unstrittig. Und was sich zur Zeit seines Vortrags als gesellschaftliche Alternative darstellte, nämlich sozialistische und ökologisch-bewegte Gruppierungen, findet in seinen Augen keine Gnade. Er sieht in ihnen „eher die Ausweichbewegungen einer produktiv unlustigen Minderheit“ (22), welche bürgerliche Ordnung, Pflichtgefühl etc. zwar verachtet, aber von den Früchten des Verachteten durchaus zu zehren versteht.
Wie er über die Anhänger der heutigen Identitätspolitik urteilen würde, ist leicht vorstellbar. Sie haben in ihrer Fixierung auf Teil-Kollektive der Gesellschaft im Grunde gar kein Konzept mehr für das Ganze. Von ihnen ist auch kein Impuls zu erwarten, wie man jene Produktivität, auf die sie bei ihrer Umverteilung setzen, auch nur bewahren könnte. Und der von der extremen Rechten vertretene Kollektivismus ist ebenfalls keine Alternative zu bürgerlichem Individualismus und bürgerlicher Verantwortungsethik. Eine homogene Volksgemeinschaft, die von der Freund-Feind-Unterscheidung lebt, zerstört das Prinzip der Persönlichkeit, das sich in der Vergangenheit als so heilsam und schöpferisch erwiesen hat. Zudem verrät sie den Gedanken des Menschheitlichen, der es verbietet, im Anderen den absoluten Feind zu sehen. Ob linker oder rechter Kollektivismus – den Einzelnen aufgrund seiner Zugehörigkeit zum Kollektiv von seiner Verantwortung für sich und die Gemeinschaft zu entlasten, Homogenität an die Stelle funktionaler Differenzierung zu setzen, hat in der Geschichte nicht funktioniert und ist auch für die Zukunft nicht erfolgversprechend. Insofern sieht es so aus, als könnte man auf das Bürgertum nicht verzichten.
Allerdings, und das wendet Fest selbst kritisch ein, ist die Frage, ob es immer noch jenes Potential in sich birgt, das es groß gemacht hat. Der Typus des Bourgeois, der sich durch Borniertheit, „reaktionäre Ängstlichkeit“ (23) und einem „von keinem Anspruch an sich selbst beunruhigten Behagen in der Kultur“ (23) auszeichnet, leistet jedenfalls nicht, was an Erneuerung von ihm zu erwarten wäre. Und der andere Typus, der die bürgerlichen Tugenden bewahrt hat und sich selbst in die Pflicht nimmt, neigt eher zum Rückzug, denn zur Behauptung seiner Lebensform.
Diese Tendenz, kann man hinzufügen, hat sich heute noch deutlich verstärkt. Weil die Normen des bürgerlichen Lebens so heftig unter Beschuss stehen, weil sie solche Verachtung ernten und für alle Übel dieser Welt verantwortlich gemacht werden, neigen ihre Vertreter dazu, sich aus der Schusslinie zu ziehen und lieber nicht auf sich aufmerksam zu machen. Genau gegen diese Tendenz richtet sich Fests Abschlussplädoyer: Er fordert die Bürger, die noch das Ethos pflegen, Ansprüche vor allem an sich selbst zu richten, dazu auf, „aus dem Schweigen zu treten“ (24). Wenn sie den anderen eine Angriffsfläche bieten, nötigen sie sie dazu, sich mit den bürgerlichen Werten auseinanderzusetzen, statt immer nur die selbstaufgebauten Pappkameraden umzuwerfen. Ein solches Eintreten in den Meinungskampf kann auch der Selbstvergewisserung dienen. Wenn man offensiv vertreten muss, wofür man steht, gewinnt man vielleicht auch für sich selbst neue Klarheit über die Werte, die man verteidigen will.
Ein Hindernis gibt es jedoch dabei, das lässt sich nicht leugnen. Der Bürger neigt nicht zum Kampf. Es ist Teil seiner Lebensform, eher auf Verständigung zu setzen, als in die Auseinandersetzung zu gehen. Wenn aber so viel auf dem Spiel steht wie in der Gegenwart, wenn die radikalen und destruktiven Kräfte von bürgerlicher Seite keinen nennenswerten Widerstand erfahren, können sie ein Zerstörungswerk sondergleichen anrichten und niederreißen, was in einem langen historischen Prozess geschaffen wurde. Es gibt also etwas zu verteidigen, und das gelingt nicht ohne die Bereitschaft zum Kampf. Gehört auch die Tapferkeit zu den bürgerlichen Tugenden? Wenn das bisher nicht so war, wäre jetzt die Gelegenheit, das zu ändern. Es wäre ein weiterer Beweis für die Überlebensfähigkeit des Bürgertums: dass es auch an seinen Tugenden arbeitet.
[1] Joachim Fest, Der Irrtum Hannos oder Bürgerlichkeit als geistige Lebensform. Eine Dankesrede, in: Joachim Fest, Bürgerlichkeit als Lebensform. Späte Essays, Reinbek 2008, S. 9-24.





