„logo!“ ließ Kinder Spitzenkandidaten zuhören, vergleichen und selbst urteilen. Nach der Kritik am Siegmund-Interview soll nun stärker „eingeordnet“ werden – ein Rückschritt für die politische Bildung.
Zwei Spitzenkandidaten, zwei Interviews, ähnliche Fragen: Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ließ „logo!“ Landesschülersprecherin Lucienne Balke jeweils rund dreißig Minuten mit Ulrich Siegmund (AfD) und Sven Schulze (CDU) sprechen. Für Acht- bis Zwölfjährige ein bemerkenswertes Konzept: Sie erleben die Vertreter der beiden stärksten politischen Kräfte im O-Ton, befragt von einer Identifikationsfigur: Politische Bildung durch Anschauung statt Vorsortierung.
Dass ein Shitstorm folgen würde, wusste die „logo!“-Leitung. Noch vor der Ausstrahlung erklärte die verantwortliche Redaktionsleiterin Constanze Knöchel auf LinkedIn, Journalismus dürfe seine Entscheidungen nicht danach treffen, „wo der größere Shitstorm droht“. Auch über umstrittene Parteien mit hohen Zustimmungswerten müsse berichtet werden. Kinder bräuchten Informationen, „um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Auch dann, wenn es unbequem wird.“
Eine respektable Haltung. Nur hält das ZDF sie nicht durch. Nach massiver Kritik und einer von Schülerinnen und Schülern initiierten Campact-Petition ändert „logo!“ für die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern sein Konzept. Die Interviews mit Manuela Schwesig (SPD) und Enrico Schult (AfD) sollen nun in einen redaktionellen Beitrag integriert werden.
Die Petition wirft Siegmund vor, im Interview „menschenverachtende Positionen“ unwidersprochen verbreitet zu haben. Doch ihre eigenen Beispiele tragen dieses Urteil nicht. Zur Erinnerungskultur fordert Siegmund eine breitere Betrachtung deutscher Geschichte, nennt positive wie negative Kapitel und betont ausdrücklich: Die heutige Generation trage keine Schuld, müsse aber aus den historischen Tiefpunkten lernen. Getrennte Klassen begründet er mit unterschiedlichen Bleibeperspektiven und Entlastung für Lehrer: Einwanderer mit dauerhafter Perspektive sollen reguläre Klassen besuchen, Geflüchtete ohne Bleibeperspektive gesondert unterrichtet werden. Sicherheitsdienste wiederum will er an Schulen einsetzen, die tatsächlich mit erheblichen Gewaltproblemen konfrontiert sind.
Man kann all das ablehnen: historisch für verkürzt, integrationspolitisch für kontraproduktiv, rechtlich für problematisch oder sicherheitspolitisch für verfehlt halten. Genau darüber sollte gestritten werden. „Menschenverachtend“ ist jedoch keine selbsterklärende Eigenschaft dieser Aussagen. Wer ein solches Etikett verlangt, muss es am konkreten Inhalt begründen.
Ebenso wenig überzeugt der Vorwurf, die Schülerreporterin sei Siegmund unvorbereitet ausgeliefert gewesen. Der von professionellen Journalisten vorbereitete Fragenkatalog enthält kritische Gegenpositionen. So wird Siegmund unter Verweis auf Art. 3 GG ausdrücklich damit konfrontiert, wie die von ihm vorgeschlagene Trennung von Schülergruppen mit Gleichheitsgrundsatz und Diskriminierungsverbot vereinbar sein soll. Kritischer Journalismus verlangt nicht nach jeder Antwort ein demonstratives „Aber“. Eine präzise Gegenfrage kann erkenntnisreicher sein als der Widerspruch des Interviewers.
Auch die Forderung, „logo!“ müsse Kindern erklären, was Rechtsextremismus bedeutet und weshalb die AfD entsprechend bewertet wird, läuft ins Leere. Ein solches Erklärangebot existiert bereits und ist im Umfeld der Interviews prominent zugänglich. Kontextualisierung findet also statt – nur getrennt vom politischen O-Ton. Gerade das erlaubt Kindern, Information und Bewertung zunächst auseinanderzuhalten.
Besonders erstaunlich ist deshalb, dass die Petition ausgerechnet den Beutelsbacher Konsens bemüht. Dessen Kontroversitätsgebot verlangt, politisch Kontroverses auch in der politischen Bildung kontrovers erscheinen zu lassen; sein Überwältigungsverbot schützt die selbstständige Urteilsbildung. Wer hingegen fordert, Aussagen schon im Interview als „menschenverachtend“, „undemokratisch“ oder „extremistisch“ zu markieren, obwohl diese Wertung aus ihrem konkreten Inhalt nicht zwingend folgt, verwechselt Einordnung mit Vorentscheidung.
„logo!“ hatte einen respektablen Vorstoß gewagt: zuhören, vergleichen, nachdenken, urteilen. Das war öffentlich-rechtlicher Bildungsauftrag im besten Sinne – und bemerkenswert nah an Beutelsbach. Dass das ZDF dieses Format erst selbstbewusst gegen den erwartbaren Shitstorm verteidigt und nun doch einknickt, ist deshalb besonders bedauerlich.
Gefördert durch das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
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Alle Beiträge ansehenAlice Klinkhammer ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin und leitet die R-21-Initiative für Medien, Öffentlichkeit und Meinungsfreiheit. Ihre Analysen finden Sie hier.





