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PISA 2.0

25 Jahre nach dem ersten PISA-Schock scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Die am 8. September 2026 veröffentlichten neuen PISA-Ergebnisse zeichnen ein ernüchterndes Bild: Die Leistungen deutscher Schüler fallen erneut auf ein historisches Tief.

Die ersten Reaktionen nennen reflexartig die (vermeintlichen) Ursachen für dieses niederschmetternde Ergebnis: Migration, fehlende Leistungskultur, Abhängigkeit eines erfolgreichen Schulabschlusses vom sozialen Herkunftsmilieu, Corona.

Doch ist die heutige Situation tatsächlich ein PISA-Schock 2.0? Oder zeigt der Vergleich mit dem Jahr 2000, dass zentrale Probleme des deutschen Bildungssystems trotz zahlreicher Reformen dieselben geblieben sind? Ein Blick zurück auf den ursprünglichen PISA-Schock und seine Folgen hilft, die aktuelle Situation einzuordnen und ihre grundsätzliche Dimension zu verstehen, um strategisch reagieren zu können, statt in reflexhafte Kurzschlüsse zu verfallen.

Die Diagnosen vor 25 Jahren waren zunächst, was Schulstruktur und soziale Ungleichheit anging, linke Narrative: der Mangel an Chancengleichheit; eine zu frühe Selektion, die zur sozialen Segregation führt; das Fehlen von ganztägigen Förderangeboten und von Hausaufgabenbetreuung für benachteiligte Kinder. Ein Vierteljahrhundert später ist festzustellen, dass weder mit dem Ausbau von ganztägigen Betreuungsangeboten noch mit der (Neu)Gliederung des Schulsystems eine wesentliche Verbesserung einhergegangen ist. Bayern schneidet mit der klassischen Dreigliederung (Haupt-, Realschule und Gymnasium) ähnlich gut ab wie Sachsen mit einem zweigliedrigen System aus Oberschulen und Gymnasien. Und der bundesweite Ausbau des Ganztagsangebots hat nicht zu signifikant besseren Leistungsergebnissen geführt. Insofern ist der ab dem 1. August 2026 geltende Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule, der durch milliardenschwere Investitionsprogramme des Bundes ermöglicht werden soll, ein ungedeckter Scheck.

Was die pädagogische Ausrichtung betrifft, so verschob sich der Fokus von der Wissensvermittlung hin zur Kompetenzorientierung. Die Grundidee war, dass Schüler nicht nur Wissen abrufen können, sondern anwenden und transferieren sollen. Seitdem gleichen die Lehrpläne einem Wimmelbuch von Lesekompetenz, Problemlösungskompetenz, Methodenkompetenz, Kommunikationskompetenz oder Inhaltskompetenz. Zugleich führte die Kulturministerkonferenz Bildungs- bzw. Regelstandards ein, um länderübergreifende Maßstäbe festzulegen.

Nun stehen die Reformen erneut auf den Prüfstand. Haben sie ihre Ziele erreicht – oder sind sie an ihre Grenzen gestoßen? Waren sie grundsätzlich falsch – oder wurden zwar richtigen Instrumente geschaffen, aber nicht konsequent genug umgesetzt?

Ganz grundsätzlich gesagt: Verbessert hat sich seit PISA 1.0 die Messung von Bildungsqualität – nicht aber der Bildungsqualität selbst. Wenn jetzt einmal mehr nur nach schnellen Lösungen und milliardenschweren Paketen geschaut wird, ist die nächste Katastrophe vorprogrammiert. Die folgenden Beobachtungen plädieren daher dafür, erst einmal innezuhalten und neu nachzudenken.

Es gibt in den Parteien keine bildungspolitischen Debatten mehr. Keine Partei ringt mehr leidenschaftlich um eine substanzielle Idee. Daher konkurrieren sie auch nicht miteinander. Zudem verwässern die gemeinsamen Beschlüsse der Kultusministerkonferenz jegliche Konturen. Reformen basieren auf einem Minimalkonsens der Länder und sind häufig rein formaler Art. Die Ursachen der Leistungsprobleme haben sie nachweislich nicht beseitigt. Wir brauchen mehr denn je ein Bewusstsein dafür und eine offene Debatte darüber, dass Bildung mehr ist als die Schaffung von Bildungsstandards, die flächendeckende Einführung von iPads und statistische Standards im Vergleich.

Die internationalen Vergleiche sind nur bedingt aussagekräftig, da sie unterschiedliche politische und gesellschaftliche Systeme gleichsetzen. Auf der Strecke bleiben die ganz unterschiedlichen Traditionen von Schulen und Lehrerrolle, Lernkulturen, Selektions- und Prüfungssysteme, soziale Bedingungen, verschiedene Vorstellungen über den Zweck von Schule. Kurzum: Man vergleicht Äpfel mit Birnen.

Vor 25 Jahren war Finnland der große PISA-Sieger. In der Folge versuchte man, finnische Konzepte in das deutsche System zu transferieren. Dazu gehörten beispielsweise der Ausbau von Ganztagsschulen und individuelle Förderung. Finnland hat traditionell ein Gesamtschulsystem und erreicht damit in der Spitze nicht so hohe Ergebnisse wie Länder mit einem gegliederten System, allerdings auch nicht so starke Ausfälle im unteren Bereich. Zudem hat Finnland wesentlich kleinere Klassen, was auch wesentlich leichter ist als in einem Land wie Deutschland mit ähnlich großer Fläche und 15facher Einwohnerzahl. Es war zu kurz geschlossen; Finnland führt das Ranking mittlerweile nicht mehr an.

Und heute: Möchten wir uns wirklich mit China vergleichen, einem Land, in dem suizidales Verhalten von Schülern ein ernsthaftes Problem darstellt? In dem Schüler unter enormem Leistungsdruck stehen und das Individuum wenig zählt?

Das heißt nicht, dass es von den fernöstlicher Bildungssysteme nichts zu lernen gäbe. Aber es heißt: differenzierte Antworten statt pauschaler Aussagen. Statt Kurzschlüssigkeiten bedarf es eigener, passgenauer Lösungen. Und es heißt: Wir brauchen weniger PISA, wir sollten: mehr Politik wagen!

Was heißt dies konkret für Politik und Parteien?

Paul Kirchhof hat einmal gesagt: Eltern wollen arbeiten, und Kinder wollen ihre Eltern. Die Politik hat diese Dimension sträflich vernachlässigt. Wir sehen viel zu wenig, dass Bildungserfolg nicht nur eine Frage des sozialen Herkunftsmilieus ist, sondern auch eine Frage der elterlichen Zuwendung – und dass dieser Umstand andere Antworten erfordert als die übliche Kritik an der Bedeutung sozialer Herkunft. Die Reorientierung an einer vermeintlich besseren Welt der 1980er Jahre, wie sie die AfD betreibt, ist dafür allerdings zu kurz gegriffen: Helmut Kohl wird nicht wieder Kanzler werden.

Die Zeiten haben sich geändert und verlangen andere Antworten. Was notwendig ist: Familien- und Bildungspolitik ganzheitlich neu zu denken. Beispiel flächendeckender Ausbau des Ganztagsbereichs in Schulen: Der ernüchternde Befund ist, dass er weder den Leistungsschwächeren und Bildungsbenachteiligten noch den sogenannten Bildungsgewinnern geholfen hat. Wo früher auch Eltern eingebunden waren, was schulischen Erfolg angeht, bleiben sie heute vor der Tür: Hausaufgaben werden in der Schule erledigt, die Hefte bleiben dort, und noch nicht einmal ein Übungsdiktat wird zu Hause diktiert. Nie wurde geklärt, welche Verantwortungsbereiche neu definiert werden müssen. Stattdessen ist man stillschweigend davon ausgegangen, dass Lehrer und Schule alles kompensieren können. Dass das soziale Milieu allein darüber entscheidet, wer zu den Bildungsgewinnern zählt, ist ein großer Irrtum. Mittlerweile leiden viele Kinder an Wohlstandsverwahrlosung. Sie versagen trotz umfangreicher materieller Unterstützungsangebote. Nun sollen Lehrer das Problem lösen, dass viele Kinder handysüchtig sind. All dies kann und wird nicht ohne die Einbindung von Elternhäusern funktionieren.

Die digitale Welt rückt einen weiteren Aspekt in den Fokus, dem sich die Politik nicht verschließen darf: Bildung neu denken. Noch nie war der Zugang zum Wissenserwerb so niedrigschwellig. Die digitale Welt wurde nicht nur in der Corona-Krise, sondern generell zum Deus ex machina für allgemeine Chancengleichheit erklärt. Weit gefehlt: Bildungsverlierer sind alle. Wissenserwerb ist eine Voraussetzung von Bildung – aber Wissenserwerb ist noch keine Bildung. Heute können Schüler innerhalb von wenigen Sekunden Informationen, Erklärvideos und KI-Antworten abrufen. Verarbeitet wird das Wissen deshalb noch lange nicht – und folglich auch nicht erlernt.

Die digitale Revolution hat zwar den Zugang zu Wissen revolutioniert – aber das Problem der Bildung nicht gelöst. Bevor wir nun nach dem erneuten Pisa-Schock auf weitere messbare Leistungen und Kompetenzen sowie auf soziale Milieus schauen, sollten wir wir uns dringend fragen, was wir überhaupt messen wollen. Auch dies ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nicht zuletzt von politischen Parteien.

Und vor allem: Wir müssen wieder wieder lernen, für etwas zu brennen. Es ist ein zufälliges Wortspiel: aber einige Brennpunktschulen sind zu Musterschulen geworden, was Schul- und Bildungserfolg angeht. Gemeinsam ist ihnen, dass es leidenschaftliche Schulleiter mit ihren Lehrern gewesen sind, die Schulen gedreht haben. Sie haben Schüler in den Blick genommen, Beziehungen und eine positive Schulkultur aufgebaut. Es ist solche Leidenschaft, von der eine neue Orientierung unserer Bildungspolitik ausgehen kann – und ausgehen muss.

Silvana Rödder ist Studiendirektorin und Pädagogische Leiterin an einem Gymnasium in Mainz. Sie wird in lockerer Folge Konkretisierungen und Vertiefungen der hier angestellten grundlegenden Überlegungen vornehmen.

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