Liebe Sarah, wie geht es der USA im Juni?
Ich glaube es geht nicht erst seit Juni sehr um die existentielle Frage, was es heute bedeutet, Amerikaner zu sein. Wer sind wir eigentlich, wer darf hier hin, wer darf bleiben, wer darf amerikanisch sein, wem gestehen wir es zu, wem sprechen wir es ab? Vielleicht hat kein politisches Thema die Frage nach der tiefsten Form amerikanischer Identität so sehr aufgeworfen wie das Thema Einwanderung.
Das Staatsbürgerschaftsrecht soll schon seit Trumps Amtsantritt modifiziert werden ..
Richtig, auf amerikanischem Boden Geborene sollen nicht automatisch US-Staatsbürger werden. Außerdem durchsuchen ICE-Beamten Städte nach Fremden, der Green Card Bewerbungsprozess sollte erschwert werden, in dem Bewerber das Land verlassen sollen – nur um die Dimensionen zu verstehen: Etwa 58 Prozent der allein im Jahr 2024 ausgestellten 1.39 Millionen Green Cards wurden von innerhalb der USA aus beantragt. Für 39 Länder bestehen Visaantragsverbote, Einbürgerungsverbote, Einreiseverbote. Unter Trump schuf die Einwanderungsbehörde U.S.C.I.S. die Untereinheit Tactical Operations Division die allein damit beauftragt sind Staatsbürger oder Green-Card-Inhaber aufzuspüren, die ihre Unterlagen einst fehlerhaft ausfüllten, um sie dann auszubürgern. Auch hier der Vergleich: Zwischen 1990 und 2017 fanden elf Ausbürgerungen statt, meist ging es dabei um Nazi-Hintergründe oder Kriegsverbrechen. Heute hat U.S.C.I.S. den Auftrag, 100 bis 200 Menschen pro Monat aufzuspüren, die für Ausbürgerungen in Frage kommen.
Und ansonsten?
Eigentlich geht es der USA ganz gut, der Sommer ist da, überall sind Vogelbeobachter mit Kameras, zumindest in den Parks. Eigentlich beginnt hier der Sommer – nicht kalendarisch aber gefühlt – mit Memorial Day, traditionell immer am letzten Montag im Mai, und endet mit Labor Day Anfang September. Das ist auch die Zeit, in der eigentlich – so war es früher in konservativ-edlen Kreisen – weiss getragen wird, davor und danach nicht. Die Zeit nach Memorial Day ist auch der Beginn der Hochzeitssaison und im Central Park beginnt die «Shakespeare in the Park» Saison mit dem Stück «Romeo und Julia» – geplant sind 32 Aufführungen, am Ende jeder Aufführung wird ein Paar auf die Bühne geholt und getraut. Ausserdem stehen verschiedene interessante Geburtstage an, am 1. Juni wäre Marilyn Monroe, einst schönste und für Kim Kardashian amerikanischste aller Frauen einhundert Jahre alt geworden.
Und am 4. Juli werden die USA 250 Jahre alt.
Yep. Man merkt jetzt schon, wie sich die Menschen hier trotz aller politischen Schwierigkeiten darauf freuen, alles Mögliche wird in den Farben Blau-Weiss-Rot dekoriert, mit Wimpeln, Flimmer und was weiss ich. Und am 14. Juni, dieses Jahr auch der Tag der Flagge, wurde Trump achtzig Jahre alt.
Ausgerichtet wird ein Fest.
Die amerikanische Politik hat eine neue Lingua Franca: den Kampfsport. Für den Geburtstag auf der Südwiese des Weissen Hauses findet das umstrittene Event UFC Freedom 250 statt, die Ultimate Fighting Championship für die «Freiheit», was ich unglaublich prollig finde. UFC ist ein Kampfsportverband, der Boxkämpfe auf einem oktagonalen Kampfplatz ausrichtet, aber auch Wrestling, Kickboxen, Jiu-jitsu.
Was bedeutet diese Annäherung zwischen der UFC und MAGA?
Diese Annäherung hat sich seit Jahren angebahnt. Schon 2016 sprach der Präsident des UFC Dana White auf dem Republikanischen Parteitag und sagte sowas wie, die feine Gesellschaft habe den UFC immer abschätzig behandelt, «niemand nahm uns ernst. Niemand. Außer Donald Trump». Umgekehrt sitzt Trump gerne im Publikum bei UFC-Spielen. Oft springen Sportler über den Ring hinweg zu ihm hin, knien vor ihm.
Gegen dieses Sportfest beziehungsweise gegen das Innenministerium und den National Park Service wird nun geklagt.
Richtig, die Regierung sei korrupt, weil sie ein kommerziell ausgerichtetes Sportfest auf Regierungsgelände beherberge, die sie unverschämterweise auch noch als patriotischen Akt tarne. Es wirkt tatsächlich alles ein bisschen Brot-und-Spiele-mäßig, ausgerichtet an MAGA, manche sprechen von einem Manosphere-Event: eine auf eine öffentliche Bühne transportierte Social Media Bubble, hypermännlich, frauenfeindlich, hart, eine postliberale Hyper-Männlichkeit, die Schwäche verachtet.
Normalerweise kämpfen beim UFC auch Frauen.
Ja, zumindest ein paar – not this time. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass die meisten Frauen schlicht keine Lust auf so einen Schmonzes hatten. Am Vorabend de Event hielten Kämpfer des UFC am Lincoln Memorial eine Pressekonferenz ab, begleitet von einem Tusch der United States Army Herald Trumpets, ein Ensemble, dass normalerweise Fanfaren für den Präsidenten spielt. Nach der Pressekonferenz beschritten die Kämpfer einen von je sechzehn Soldaten flankierten Korridor – die höchste zeremonielle Formation des amerikanischen Militärs, ausländischen Würdenträgern, Staatsoberhäuptern vorbehalten. Ich bin ja eigentlich nicht so, aber das ist vulgär. Kämpfer präsentieren sich als Symbole nationaler Männlichkeit, ihre Freundinnen oder Frauen duckmäusern jubelnd am Spielrand.
Und noch ein politisiertes Sportfest: die Fussball-WM hat begonnen, gespielt wird zum ersten Mal in drei Ländern: in den USA, Mexiko, Kanada. Es gibt nicht mehr nur zweiunddreissig Mannschaften, sondern achtundvierzig, insgesamt einhundertvier Spiele.
Und Trump kam nicht zum Auftaktspiel der USA. Aber die WM wird hier vielleicht gar nicht so schrecklich verlaufen, wie im Vorfeld permanent bejammert und bemotzt wurde, wie schwach die US-Mannschaft sei, all die Beschwerden über die Fifa und ihre krassen Bemühungen selbst für die langweiligsten Spiele – Cap Verde gegen Saudi-Arabien zum Beispiel – noch Tickets rauszuhauen. Die Hotelzimmer, die allzu teuer sein sollen, angeblich ausgebuchte Flüge, um überhaupt hierhin zu kommen, teils wollen die Leute ohnehin nicht in Trumps USA reisen, haben Sorge vor der derzeitigen Einwanderungspolitik, manche werden – je nach Länderherkunft – an der Einreise gehindert. Jetzt gerade denke ich, vielleicht wird es eher eine Sommerferien-artige WM, von den USA für die Amerikaner. Wäre ja auch nicht schlecht, allerdings sind die Eintrittspreise so horrend, dass ich nicht sehe, wie die Stadien sich überhaupt füllen sollen.
Wie steht es um die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft?
Gespalten, wie je. Aber es gibt eine neue und interessante, aber auch vielleicht sachte unnütze Studie des Pew Research Centers, die diese Gespaltenheit genauer untersucht. Sie teilt die Amerikaner in neun Gruppen auf, deren Grundlage Werte und Haltungen sind und nicht Parteipräferenzen. Es gibt vier rechts orientierte Gruppen, vier links orientierte und eine der Mitte. Die «Glaubensrechte» ist die grösste der rechten und zweitgrösste aller Gruppen (12 Prozent der Erwachsenen) ist konservativ, was soziale Werte angeht, pro-Waffen, Anti-Abtreibung, religiös. Die «unkonventionelle Rechte» ist jünger, weniger ideologisch, mit moderat konservativen Ansichten. Es gibt die «Linksprogressiven». Dann die «Recht und Ordnung Linken», die grösste der linken Gruppen und die grösste aller Gruppen, links der Mitte angesiedelt, sozial moderat, wirtschaftlich besorgt, ihr gehören etwa 18 Prozent der amerikanischen Erwachsenen an. Dann noch die «ausgeschaltete Mitte», politisch nicht polarisiert, mehr oder weniger unparteiisch, gemischte Ansichten, richtungslos, hier verorten sich nur 9 Prozent.
Wie geht es den Demokraten?
Generell oder in Besonderen?
Erstmal generell.
Ok, also. Trumps Umfragewerte sind derzeit nicht so gut, bei unter vierzig Prozent, aber die allgemeine Dynamik verändert sich auch bei den Demokraten, die versuchen, über die Midterms den Senat wiederzugewinnen, ihn wiedergewinnen müssen. Beide Parteien schwanken und kämpfen, beide liegen bei rund vierzig Prozent. In den USA steigt die Inflationsrate auf über vier Prozent, die Benzinpreise um 41 Prozent und Heizöl um 59 Prozent, Flugpreise um 27 Prozent; eine allgemeine Wut macht sich breit, und das Misstrauen gegenüber den Eliten – den rechten und den linken – wächst insgesamt. Als Trump unlängst gefragt wurde, inwieweit er beim Iran-Krieg die finanzielle Situation der Amerikaner im Blick habe, sagte er nicht ein einziges bisschen. Die Demokraten wollen weiterhin die Krise der Lebenserhaltungskosten angehen, ich glaube aber nicht, dass die in naher oder ferner Zukunft behoben wird.
Was gibt es sonst noch?
Jill Biden veröffentlichte ihre Memoiren «View from the East Wing». über die Präsidentschaft ihres Mannes und ihre Zeit als First Lady im Weissen Haus. Komplett verblendet, alles Problematische aussparend, Bidens Untauglichkeiten beschönigend oder verharmlosend, selbst die bissigen Schäferhunde der Bidens, die weggegeben mussten, weil sie alle möglichen Leute angriffen und ein Sicherheitsmann sogar ins Krankenhaus kam. Ich habe das Buch nicht ganz gelesen, hab es rasch weggelegt. Jill Biden gibt sich als Memoirenschreiberin aus, meidet aber – ausgerechnet sie, die einen einzigartigen Blick auf alles hatte –, meidet also die Erinnerung und das Thema, das die Öffentlichkeit am meisten beschäftigt hat und worauf sie, bei allem Respekt für das Private, ein Recht an Aufklärung gehabt hätte: Bidens Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Das ist nicht sehr hilfreich.
Author
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Sarah Pines ist im Sauerland und in Bonn aufgewachsen, hat Literaturwissenschaft in Köln und an der Stanford University studiert und wurde in Düsseldorf mit einer Arbeit über Baudelaire promoviert. Sie schreibt für die Kulturressorts der ›Zeit‹, der ›Welt‹ und der ›NZZ‹. Pines lebt als freie Autorin in New York. 2020 veröffentlichte sie die Kurzgeschichtensammlung ›Damenbart‹; im August 2024 erscheint ihr erster Roman ›Der Drahtzieher‹.
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