In der abendländischen Kultur, die unsere Weltbetrachtung entscheidend geprägt hat, gilt die „Mitte“ als das Gravitationszentrum, das Ordnung, Sicherheit und Beständigkeit verheißt.
Wer in der Mitte, im Zentrum, von etwas steht, ist zudem nicht alleine. Inmitten einer Gruppe zu sein, fühlt sich zumeist gut an. “Mitte” bringt auch moralisch die richtigen Töne zum Klingen. Dort sind die Mäßigung zu Hause, der Ausgleich und die Selbstdisziplin. Es ist kein Zufall, dass Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel gerne von “Maß und Mitte” sprach und dadurch erfolgreich vermied, sich Argumenten zu stellen oder über ihren politischen Kurs Rechenschaft abzulegen. Wer sich selbst in der Mitte verortet, reklamiert für sich, recht zu haben und die Mehrheit um sich zu scharen.
Die räumliche Mitte etwa eines Fußballfeldes oder einer Stadt lässt sich relativ leicht feststellen. Schwieriger wird die Vermessung, wenn es um abstrakte und dynamische Sachverhalte geht. Oder um hochkomplexe Systeme wie Politik. Konkret: Was ist “Mitte” in gesellschaftlicher oder kultureller Hinsicht? Was ist “Mitte” mit Blick auf die Wirtschaftsordnung oder den Sozialstaat?
In der Politik ist der Mitte-Begriff über die Jahre nicht nur zu einem Instrument der strategischen Selbstverortung geworden, sondern vor allem zu einem Kampfbegriff. Im Zuge des wirtschaftlichen Aufstiegs der Bundesrepublik und damit nachlassender Klassen-Gegensätze haben sich die einstigen Weltanschauungsparteien erst zu “Volks-” und dann zu “Mitte-Parteien” gewandelt. 1972 sprach Bundeskanzler Willy Brandt auf dem Dortmunder Wahlparteitag erstmals von der SPD als „Partei der neuen Mitte”. Helmut Kohl erklärte 1982 das von ihm geschmiedete Regierungsbündnis von CDU, CSU und FDP als „Koalition der Mitte“. Die FDP präsentierte sich 2017 als “Partei der Mitte für die Mitte”und vor kurzem sogar noch als “radikale Mitte” – was in sich widersprüchlich und obendrein inhaltsleer war. Und erwartungsgemäß erfolglos blieb.
Heute dient “Mitte” mehr denn je zur Abgrenzung gegenüber dem politischen Gegner und zu dessen Herabwürdigung als politischer Peripherie, als unschönem Rand. Die Beanspruchung der Mitte ist zur Selbstinszenierung verkommen, getrieben von einer Art “moralischem Narzissmus” (Raphael Bonelli). Es geht darum, ein bestimmtes exklusives Verständnis von politischer “Mitte” durchzusetzen – hier lässt der Namensgeber dieser Kolumne grüßen, Antonio Gramsci.
Namensgeber dieser Kolumne ist der italienische Politiker, Publizist und marxistische Vordenker Antonio Gramsci (1891 - 1937). Er propagierte die Eroberung der “kulturellen Hegemonie”, um dadurch im nächsten Schritt reale politische Macht zu erlangen – ohne jemals dafür eine demokratische Mehrheit erlangt zu haben. Entscheidend sei dafür, den vorpolitischen Raum (Medien, Vereine, Institutionen und Sprache) zu beherrschen. Die von linken Ideen durchdrungene Zivilgesellschaft im Sinne Gramscis ermöglicht das “effektive Erzwingen von Veränderungen” (W. F. Haug).
Ein wichtiges Charakteristikum der kulturellen Hegemonie ist es, eigene (politische, kulturelle oder materielle) Interessen zu universalisieren, damit breite Gesellschaftsschichten diese als erstrebenswert erachten, selbst wenn sie den eigenen Interessen zuwiderlaufen. Wer über die Deutung von Ereignissen, Begriffen und Sachverhalten bestimmt, hat Macht.
In den 1920er Jahren gründete Gramsci mit anderen die Kommunistische Partei Italiens und folgte den revolutionären Vorgaben Lenins und der Sowjetunion. Er suchte nach einer Antwort auf die Frage, wieso die kommunistischen Revolutionen in Staaten wie Italien und Deutschland nicht gelangen. 1926 wurde Gramsci von der faschistischen Regierung Italiens verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Während seiner Haft verfasste er Texte mit philosophischen, soziologischen und politischen Überlegungen, die 32 Hefte füllen. Sie sind als “Gefängnishefte” bekannt geworden und bilden den Kern seiner Schriften.
Die Ideen und Instrumente Antonio Gramscis haben sich politische Bewegungen links von der Mitte zu eigen gemacht – von den Marxisten bis zu den woken, grünen Strömungen. Dort wird dieses strategische Vorgehen bis heute diskutiert, verfeinert und erfolgreich praktiziert. Seit einigen Jahren diskutieren auch extrem rechts stehende Kreise Gramscis strategische Ideen.
Der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz zog im Wahlkampf 2025 mit dem Slogan “Politik aus der Mitte für die Mitte” eine enge Grenze um sich, seine SPD und deren favorisierter Wählerklientel. Seiner “Mitte-Garantie” fügte er allerdings keine generelle Absage an jeglichen Extremismus hinzu, sondern lediglich einen Unvereinbarkeitsbeschluss mit der AfD.
Auch die Grünen, obwohl einst als Protestpartei angetreten und politisch deutlich links und woke zu verorten, sind längst auf den Mitte-Zug aufgesprungen. So sagte die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Katharina Dröge, im September zur Kritik ihres Parteikollegen Robert Habeck an dieser wenig erfolgreichen “Mitte”-Wahlkampftaktik der Partei: “Gerade jetzt, wo Populisten versuchen, die Gesellschaft immer weiter auseinanderzusprengen, sollte man diese Idee der Mitte doch nicht aufgeben. Im Gegenteil: Ich sehe es als wichtige Aufgabe für die Grünen an, diese Mitte zu verteidigen.“
Bundeskanzler Friedrich Merz wiederum zieht die Grenzen rund um die von ihm reklamierte Mitte nach Gutdünken. Gehörten 2024 die Grünen und die FDP für ihn noch zur demokratischen Mitte, erklärte er auf dem CDU-Parteitag im Februar dieses Jahres: ”Ich habe mich abschließend entschieden, die Zustimmung zu unserer Politik ausschließlich in der politischen Mitte unseres Landes zu suchen.” Das sind, so Merz, die eigene Partei und die SPD.
Mitte als Abschottungsinstrument
Es ist eigentlich erstaunlich, dass die lautstarken Verfechter der politischen Mitte in einer Schwarz-Weiß-Logik und damit ausgesprochen manichäisch argumentieren – was den Mitte-Aspekten der Ausgewogenheit, der Mäßigung und des wohltemperierten Argumentierens völlig widerspricht. Motto: “Wir” sind die “Mitte”, und alle anderen, die sich unserem Politik- und Gesellschaftsentwurf nicht unterwerfen, gehören nicht dazu. Was auch dazu führt, dass Fragen, die einem nicht passen, ignoriert und tabuisiert werden, sobald der Fragesteller ganz gramscianisch aus der “Mitte” ausgeschlossen wurde. Doch das ist eben kein “mittiger” Politikstil. Schlimmer: Es ist nicht demokratisch und widerspricht dem Grundgedanken einer offenen und freien Gesellschaft, die über den faktenbasierten Streit zu Meinungsbildung und Interessenausgleich und idealiter zu einer Problemlösung kommt.
Der Eindruck ist klar: CDU, SPD und Grüne bunkern sich ein. Sie versuchen nicht, die wachsende Anzahl politikverdrossener Menschen durch Dialog, inhaltliche Überzeugungsarbeit und wirksames politisches Handeln anzusprechen. Stattdessen betreibt man schnöden Machterhalt. Das bedeutet auch, politische Mehrheiten gelegentlich auch durch ein Zudrücken des Auges nach Links außen zu beschaffen. Konkret: Die umfirmierte SED, die sich in großen Teilen keineswegs von den Untaten des DDR-Kommunismus distanziert, die die DDR als “Versuch des Sozialismus” verharmlost und erklärtermaßen die Überwindung des Kapitalismus anstrebt, wird durch Kooperation faktisch in die “Mitte” integriert. Dabei stört auch die Tuchfühlung der Linken mit antisemitischen und islamistischen Gruppierungen nicht. Im Gegenzug werden Intellektuelle von Thilo Sarrazin bis Ulf Poschardt, die unbequeme Bücher schreiben oder unbequeme Fragen stellen, als nicht mehr zur “Mitte der Gesellschaft” gehörig aus dem gesellschaftlichen Diskurs ausgeschlossen.
Wenn die Mitte zur Sackgasse wird
“Mitte” als Begriff und Konzept ist nicht ungefährlich, setzt man sie weiterhin so restriktiv-hermetisch ein und hebelt damit die Mechanik des politischen Wettbewerbs aus. Der Politikwissenschaftler Werner Patzelt hat das Problem auf den Punkt gebracht: Wer sich in der Mitte ununterscheidbar macht, der hebt den Differenzierungsdruck und den produktiven Kampf um die Wähler auf. Die Parteien untergraben damit nicht nur das Prinzip der Repräsentation und Interessenvertretung, das die parlamentarische Demokratie charakterisiert, sie schaufeln auch ihr eigenes Grab. Denn es ist gerade der unehrliche Mitte-Konsens samt der ihm eingeschriebenen Alternativlosigkeit, der viele Wähler mit ihren Sorgen und Interessen an die Ränder drückt – oder zu Nichtwählern macht. Seit geraumer Zeit verlieren CDU und SPD dramatisch an Zustimmung. Wer zusammen nur noch auf ein Drittel der Stimmen in der Sonntagsfrage kommt, hat nicht nur keine Mehrheit mehr hinter sich, er steht offenkundig auch nicht mehr mitten im gesellschaftlichen Diskurs.
Höchste Zeit, sich der nüchternen Erkenntnis des Politikwissenschaftlers Philip Manow anzuschließen: Die “Mitte” sei Sehnsuchtsort, Fetisch und Illusion. Was wir Mitte nennen, sei die Kraft, die uns in den letzten Jahrzehnten in die heutige Situation geführt habe. Sein Appell: Die Mitte nicht retten, sondern klare Vorstellungen von politischen Alternativen entwickeln.
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Jörg Hackeschmidt ist promovierter Historiker und arbeitet als Ghostwriter, Politikberater und Autor. Er war zehn Jahre lang als PR- und Public-Affairs-Berater bei Pleon (heute Ketchum Pleon) tätig. 2005 wurde er Grundsatzreferent im Bundespräsidialamt. Im Jahr 2006 wechselte er in den Stab Politische Planung, Grundsatzfragen und Sonderaufgaben des Bundeskanzleramtes. Dort arbeitete er bis Anfang 2018 vor allem als Redenschreiber und Grundsatzreferent und war u. a. federführend beteiligt an der Konzeption und der Durchführung des Dialogs über Deutschlands Zukunft (2011/12) der Bundeskanzlerin. Von April 2018 bis Januar 2021 verantwortete er die Strategische Planung im Bundesgesundheitsministerium unter Bundesminister Jens Spahn (CDU). Jörg Hackeschmidt ist Mitglied des European Speechwriter Network.
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Caroline König ist Expertin für strategische Kommunikation. Sie wirkte bis Herbst 2025 als Abteilungsleiterin für politische Information in einer obersten Bundesbehörde in Berlin. Sie war Pressesprecherin dreier Bundeskulturstaatsminister in den Jahren 2000 bis 2004. 2004 beobachtete die studierte Politikwissenschaftlerin in den USA den US-Präsidentschaftswahlkampf und berichtete u. a. regelmäßig in „ZEIT online“ darüber. Sie hat auch zu kommunikationspraktischen und tagesaktuellen Themen publiziert. Im Rahmen eines Sabbaticals 2020/21 hat sie die Arbeit der FDP-Bundestagsfraktion mit unterstützt.
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