Das ZDF spricht von einem bekannten Muster hinter den Ausschreitungen in Belfast und den X-Posts von Elon Musk. Doch der Fall offenbart vor allem ein anderes Muster – im öffentlich-rechtlichen Journalismus selbst.
„Das Muster ist nicht neu“, konstatiert die Moderatorin zu Beginn einer ZDF-Sondersendung vom 12. Juni 2026 zu den Ausschreitungen in Belfast. Gemeint ist der Zusammenhang zwischen aufheizender Kommunikation in sozialen Medien und gewalttätigen Ausschreitungen auf der Straße. Der Satz offenbart jedoch auch ein anderes Muster – eines, das dem ZDF inzwischen selbst regelmäßig Probleme bereitet. Denn für eine zentrale Passage der Sendung musste der Sender inzwischen eine Unterlassungserklärung abgeben. Wörtlich hieß es, ein „rassistischer Mob“ mache „Jagd auf Migranten“. Dazu aufgerufen hätten „ein britischer Rechtsextremist und Tech-Milliardär Elon Musk“. Beiden wurde darüber hinaus unterstellt, sie hätten zum „Bürgerkrieg“ aufgerufen. Das Problem: Genau das hatten sie nicht getan.
Elon Musk hatte geschrieben: „Nur durch wiederholten und lauten Protest wird sich etwas verändern.“ Darunter teilte er einen Beitrag des britischen Aktivisten Tommy Robinson, der zu Demonstrationen aufrief. Man mag diese Akteure kritisch sehen, ihre politischen Ziele ablehnen oder ihre Wirkung auf die öffentliche Debatte problematisch finden. Entscheidend ist: Zwischen dem tatsächlich Geschriebenen und der journalistischen Interpretation klafft eine eklatante Lücke. Aus einem Protestaufruf wurde ein Aufruf zur Menschenjagd. Aus einer politischen Zuspitzung wurde ein Aufruf zum Bürgerkrieg. Das ZDF entfernte inzwischen die Passage.
Der Zweck heiligt die Tatsachen
Sicher ist es nicht neu, dass politische Agitatoren Debatten anheizen und dadurch ein Klima schaffen, in dem Gewalt wahrscheinlicher wird. Darüber kann und muss man diskutieren. Doch selbst wenn dieser Zusammenhang plausibel ist, entbindet er Journalisten nicht von ihrer elementarsten Pflicht: Tatsachen von Interpretationen zu trennen. Wer behauptet, jemand habe zu Gewalt aufgerufen, muss auch belegen können, dass er zu Gewalt aufgerufen hat – und nicht etwa zum Protest.
Leider steht dieser Vorgang nicht isoliert, sondern am Ende einer Reihe von Fehlleistungen der letzten Monate. So warf ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen dem ermordeten US-Publizisten Charlie Kirk vor, Homosexuelle steinigen lassen zu wollen – eine Behauptung, die sich als unhaltbar erwies. Hinzu kommen Fälle manipulativer oder fehlerhafter Bildberichterstattung, etwa die Verbreitung eines KI-generierten Videos, um das brutale Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE zu „belegen“.
ÖRR muss selbstkritische Debatte anstoßen
Das eigentliche Problem ist dabei weniger der einzelne Fehler als die dahinterliegende Haltung: „Er hat es zwar nicht gesagt, aber sicher so gemeint.“ Oder: „Es ist zwar nicht genau so passiert, aber sinngemäß stimmt es dennoch.“ Dieselbe Logik spielte bereits bei der Correctiv-Affäre um das „Potsdamer Geheimtreffen“ und den anschließenden gerichtlichen Auseinandersetzungen eine zentrale Rolle: Falsche Tatsachenbehauptungen werden in den Dienst einer vermeintlich guten Sache gestellt.
Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte sich diesen Reflex nicht leisten. Denn solange eine selbstkritische Debatte über derartige strukturelle Fehlentwicklungen ausbleibt, erweist er sich selbst einen Bärendienst. Am Ende wird nicht mehr über tatsächliche autoritäre Tendenzen oder die politische Wirkmacht Elon Musks diskutiert, sondern über Haltungsjournalismus. Das Muster ist tatsächlich nicht neu. Und genau deshalb sollte es endlich ernst genommen werden.
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Alice Klinkhammer ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin und leitet die R-21-Initiative für Medien, Öffentlichkeit und Meinungsfreiheit. Ihre Analysen finden Sie hier.
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