Foto: Denkfabrik R21

„Die CDU hat sich in ein Dilemma manövriert, das ich für lebensbedrohlich halte“

Das Interview führte Fabian Busch für WEB.DE und GMX. Es wurde erstmals am 2. August 2026 veröffentlicht und ist hier abrufbar.

Der Historiker Andreas Rödder sieht die CDU in einer bedrohlichen Lage und zweifelt an der Nützlichkeit der Brandmauer zur AfD. Mit unserer Redaktion spricht er über einen angeschlagenen Kanzler, eine Partei ohne Strategie und den „wilden Tiger“ Öffentlichkeit.

Die vermeintliche politische Sommerpause hat turbulent begonnen. Vor allem für die CDU. Seine Personalrochade hat Bundeskanzler Friedrich Merz auch innerparteilich Kritik eingebracht. Und die nächste Herausforderung wartet in Sachsen-Anhalt.

Nach der Landtagswahl am 6. September wird die Partei intensive Diskussionen über den Umgang mit der AfD führen müssen. Der Mainzer Historiker Andreas Rödder hält die bisherige Brandmauer für nicht mehr zeitgemäß. Mit dieser Haltung eckt der Leiter der bürgerlich-konservativen Denkfabrik R21 an, auch in seiner Partei, der CDU.

Herr Rödder, machen Sie sich Sorgen um die CDU?

Andreas Rödder: Wer Verantwortung für die bürgerliche Mitte und die liberale Demokratie in Deutschland verspürt, muss sich Sorgen um die CDU machen. Die Partei befindet sich im freien Fall in den Umfragen und hat den Zustand einer akuten Führungskrise erreicht.

Woran machen Sie diese Führungskrise fest?

Wir haben in den vergangenen Tagen und Wochen gesehen, dass der Kanzler innerhalb kurzer Zeit an Autorität verloren hat. Das ist auf der einen Seite das Resultat von bestimmten Entscheidungen und Verhaltensweisen, auf der anderen Seite aber auch ein Phänomen unserer Zeit. Überlegen Sie mal: Konrad Adenauer hat 14, Helmut Kohl 16, Angela Merkel auch noch einmal 16 Jahre lang regiert. Olaf Scholz dagegen war nur drei Jahre im Amt und bei Friedrich Merz reden wir schon nach etwas mehr als einem Jahr über einen akuten Autoritätsverfall. Oder schauen Sie nach Großbritannien: Keir Starmer hat vor zwei Jahren einen Erdrutschsieg erzielt – und jetzt ist er schon wieder weg.

Wie erklären Sie sich das?

Dahinter stecken strukturelle Entwicklungen unserer schnelllebigen Zeit. In den 80er Jahren waren mit François Mitterrand, Margaret Thatcher, Ronald Reagan und Helmut Kohl durchaus umstrittene Politiker in Führungsfunktionen. Alle haben sich aber lange in ihren Ämtern gehalten. Heute hat man den Eindruck: Der Tiger ist so wild geworden, dass es kaum noch jemandem gelingt, ihn zu reiten.

Wer ist denn aus Ihrer Sicht dieser „wilde Tiger“? Die Medien? Die Öffentlichkeit? Die Bürgerinnen und Bürger insgesamt?

Alle zusammen. Die bürgerliche Öffentlichkeit, die Medien und natürlich auch Social Media. Die gesamte Medienöffentlichkeit hat sich massiv erweitert. Es sind neue Formen von Öffentlichkeit entstanden. Alle können mittlerweile mitreden – und das in Verbindung mit einer zunehmenden Polarisierung in vielen Ländern.

“ Meine Vermutung ist: Angela Merkel würde heute ebenfalls viel stärker unter Beschuss geraten – aber sie hätte trotzdem souveräner gehandelt.“

Andreas Rödder

Ist nur die Öffentlichkeit schuld – und Friedrich Merz hat keine Fehler gemacht?

Beides kommt zusammen: der Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit und konkrete handwerkliche Fehler. Interessant wäre das Gedankenexperiment, wie eigentlich Angela Merkel als Kanzlerin aktuell dastehen würde, ob sie in der Öffentlichkeit so unangefochten durchkommen würde wie in den 2010er Jahren.

Was glauben Sie?

Die Bedingungen sind heute andere als noch vor fünf Jahren. Meine Vermutung ist: Angela Merkel würde heute ebenfalls viel stärker unter Beschuss geraten – aber sie hätte trotzdem souveräner gehandelt.

Wo war Friedrich Merz unprofessionell?

Es waren Fehler in der Kommunikation und in der Sache, beides gehört zusammen. Erst hat Merz den Konflikt zwischen der Leihmutter-Vaterschaft von Jens Spahn und den Grundwerten der CDU unterschätzt. Dann wirkten die Personalentscheidungen willkürlich und zunehmend chaotisch. Und das alles verbunden mit einem persönlichen Verhalten, das Menschen gegen sich aufgebracht hat. Kommunikation ist mehr als eine Frage der Verpackung. Sie beruht auf Authentizität, Glaubwürdigkeit und Strategie als Voraussetzungen von Führungskraft.

Die CDU steht schon vor dem nächsten Problem: Nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt könnte das Bundesland praktisch unregierbar werden, weil die CDU eine Zusammenarbeit sowohl mit der Linken als auch mit der AfD bisher ablehnt – die berüchtigte Brandmauer. Sie werben schon seit Jahren dafür, die Brandmauer durch rote Linien zu ersetzen. Warum?

Die CDU hat sich in ein Dilemma manövriert, das ich für lebensbedrohlich halte. Sie kann nach der Landtagswahl versuchen, eine Allparteienkoalition gegen die AfD zu bilden – oder sie kann eine Minderheitsregierung bilden, die in irgendeiner Weise auch auf Stimmen der AfD zurückgreifen müsste. Ihr droht entweder eine Erosion nach rechts oder eine Spaltung nach links.

Wie könnte es konkret aussehen, wenn die CDU auf rote Linien statt auf eine Brandmauer setzt?

Ich habe seit einigen Jahren eine „konditionierte Gesprächsbereitschaft“ vorgeschlagen, bei der es gar nicht um Koalitionen oder Kooperationen ging, sondern um eine ganz normale politische, öffentliche Auseinandersetzung im Rahmen des verfassungsrechtlich Legitimen. Ich halte es für richtig, mit der AfD sachlich, differenziert und kontrovers zu diskutieren, statt sie pauschal auszugrenzen. Dann müsste sich die AfD die Frage stellen, ob sie sich weiter hinter der Brandmauer radikalisieren will – oder ob sie ein solches Gesprächsangebot nutzen würde, um sich zu mäßigen, wie wir es bei Giorgia Melonis Partei in Italien erlebt haben. Allerdings ist es dafür inzwischen möglicherweise zu spät, das macht die Sache noch komplizierter.

Unklare Mehrheiten und Minderheitsregierungen – das klingt nicht gerade nach Stabilität.

Ein Land wie Dänemark ist mit diesem Modell gut gefahren. Weil über die Sache verhandelt wurde, wurde kommunikativ abgerüstet. Das kann den Parlamentarismus sogar beleben.

In Frankreich, Italien, Österreich, den Niederlanden war es aber so: Bürgerliche und konservative Parteien hatten weniger Berührungsängste zu Rechtspopulisten und Rechtsextremen als die deutsche CDU – doch in diesen Ländern haben die extremen Parteien die gemäßigten danach überholt.

Den Befund teile ich nicht. In Österreich ist die rechte FPÖ immer dann stark geworden, wenn sie ausgegrenzt wurde. In Frankreich ist die Sache uneindeutig, weil sich die konservativen Republikaner der extremen Rechten mal angenähert, mal sich von ihr abgegrenzt haben. Die Bedingungen in einzelnen Ländern, wenn sie zudem nach Spanien, Finnland oder Schweden schauen, sind einfach zu unterschiedlich, um daraus eindeutige Regeln abzuleiten.

Welche roten Linien dürfte die AfD aus Ihrer Sicht nicht überschreiten?

Eine Partei, die die Westbindung aufgeben will und sich nach Russland orientiert, steht im Gegensatz zu politischen Grundüberzeugung der Union. Hier dürfte sich die CDU auf keine Kompromisse einlassen. Ein weiteres Beispiel ist Einwanderung. Der AfD-Politiker Maximilian Krah versteht die Gesellschaft als Gemeinschaft der ethnisch Ähnlichen, in der es keinen Platz für Menschen aus anderen Kulturen gibt. Bürgerliche Politik sieht das anders. Sie wünscht sich, dass legal nach Deutschland gekommene Einwanderer sich integrieren, Deutsche werden und hier Erfolg haben.

In der CDU werden zumindest öffentlich keine Diskussionen darüber geführt, wie nach der Landtagswahl mit schwierigen Mehrheiten zu verfahren ist. Es heißt immer: Wir tun alles dafür, dass es nicht so kommt. Ist das Realitätsverweigerung oder spricht man über so etwas nicht öffentlich?

Das ist Realitätsverweigerung und Strategieverzicht, und ich halte das für selbstmörderisch. Über diese Fragen muss die CDU längst sprechen, sonst fährt sie ungebremst auf eine Wand zu.

„Geschichte enthebt uns nicht von der Verantwortung, aus der Gegenwart heraus Entscheidungen zu treffen.“

Andreas Rödder

Immer wieder werden Parallelen zum Ende der Weimarer Republik gezogen, als die NSDAP in der schweren Wirtschaftskrise ihren Weg an die Macht gegangen ist. Wie gerechtfertigt sind solche Parallelen aus Ihrer Sicht?

Ich denke als Historiker nicht in Automatismen und Prognosen, sondern in Szenarien. Natürlich ist das Szenario von 1932/33 eine historische Möglichkeit, die man sehr ernst nehmen muss. Es gibt aber keinen historischen Automatismus. Es gab in den 1980er Jahren eine Partei, die zumindest in Teilen gegen das System und auch gewaltbereit war: Das waren die Grünen, die erfolgreich politisch integriert wurden. So kann es auch kommen. Wir sollten die Geschichte als Raum von Möglichkeiten auffassen, der uns hilft, die Gegenwart einzuordnen.

Allerdings lehrt uns die Geschichte auch: Die NSDAP ist ihren Weg an die Macht unter anderem über eine Beteiligung an Landesregierungen gegangen. Bürgerliche Parteien haben gedacht, sie einbinden und mäßigen zu können. Das ist bekanntlich gescheitert.

Deswegen sage ich: So etwas kann gelingen und so etwas kann scheitern. Geschichte enthebt uns nicht von der Verantwortung, aus der Gegenwart heraus Entscheidungen zu treffen. Im Übrigen muss man sich auch sehr genau anschauen, was man historisch vergleicht. Ich halte die Gleichsetzung von AfD und NSDAP für sehr verkürzt. Öffentliche Gewalt, Saalschlachten, paramilitärische Verbände, Führerprinzip – all das hat schon 1932 in der NSDAP geherrscht. Und das kann ich bei der AfD nicht erkennen.

 

Author

  • Andreas Rödder

    Andreas Rödder ist Leiter der Denkfabrik R21 und Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er war Fellow am Historischen Kolleg in München sowie Gastprofessor an der Brandeis University bei Boston, Mass., und an der London School of Economics. Rödder hat sechs Monographien publiziert, darunter „21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ (2015) und „Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems“ (2018), sowie die politische Streitschrift „Konservativ 21.0. Eine Agenda für Deutschland“ (2019). Andreas Rödder nimmt als Talkshowgast, Interviewpartner und Autor regelmäßig in nationalen und internationalen Medien zu gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung; er ist Mitglied im Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung und Präsident der Stresemann-Gesellschaft.

    Alle Beiträge ansehen

Andreas Rödder

Andreas Rödder ist Leiter der Denkfabrik R21 und Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er war Fellow am Historischen Kolleg in München sowie Gastprofessor an der Brandeis University bei Boston, Mass., und an der London School of Economics. Rödder hat sechs Monographien publiziert, darunter „21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ (2015) und „Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems“ (2018), sowie die politische Streitschrift „Konservativ 21.0. Eine Agenda für Deutschland“ (2019). Andreas Rödder nimmt als Talkshowgast, Interviewpartner und Autor regelmäßig in nationalen und internationalen Medien zu gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung; er ist Mitglied im Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung und Präsident der Stresemann-Gesellschaft.

703 Fördermitglieder aktuell
Unser Ziel 1.000
70%
Noch 297 bis zum Ziel!
Jetzt Fördermitglied werden

Neueste Beiträge

Am meisten gelesen

Tags

Denkfabrik R21 Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden

News

Ähnliche Artikel

Das Interview führte Fabian Busch für WEB.DE und GMX. Es wurde erstmals am 2. August 2026 veröffentlicht und ist hier...

Guten Morgen, liebe Sarah, wie geht es Amerika? Schwitzt. Ansonsten ok-ish. Das Land wurde 250 Jahre alt, anscheinend gab es...

Die USA und die Islamische Republik Iran haben sich auf ein 14 Punkte umfassendes Memorandum of Understanding geeinigt, das am...

Die Gewissheiten der Nachkriegszeit und die Hoffnungen der Jahre nach 1989 sind ins Wanken geraten. Die Vorstellung einer sich unaufhaltsam...

Wie gelingt es einer aufstrebenden Mittelmacht, wirtschaftliche Transformation, gesellschaftliche Modernisierung und geopolitische Stabilität gleichzeitig voranzutreiben? Im Rahmen der Serie „Mittelmächte...

Das ZDF spricht von einem bekannten Muster hinter den Ausschreitungen in Belfast und den X-Posts von Elon Musk. Doch der...

Liebe Sarah, wie geht es der USA im Juni? Ich glaube es geht nicht erst seit Juni sehr um die...

In der abendländischen Kultur, die unsere Weltbetrachtung entscheidend geprägt hat, gilt die „Mitte“ als das Gravitationszentrum, das Ordnung, Sicherheit und...

R21 gratuliert Martin Hagen herzlich zu seiner Wahl zum Generalsekretär der FDP. Wir bedauern zutiefst, unseren hervorragenden Geschäftsführer zu verlieren....